Kritik zu „Yellowjackets“

Weder Wespen noch Gelbjacken

Wie gelingt das? Eine Jazzband spielt seit ewigen Zeiten zusammen, in Teilen seit fast dreißig Jahren. Und doch ist immer noch die Spielfreude da, die überraschende Improvisation, der unerwartete Widerspruch.
Die Rede ist von den „Yellowjackets“, einem US-amerikanischen Ausnahmequartett, grammy-nominiert, das am Freitagabend in den Räumen der Braunschweigischen Landessparkasse in der Dankwardstraße spielte. Vielleicht liegt das Geheimnis darin, dass die Band, je länger sie ihr Konzept verfolgt, zu immer größerer Klarheit findet.
Als Fusion ist ihr Stil ungenau benannt. Vielmehr geht es den vier Musikern darum, ihre Vision von improvisierender Musik ständig weiter zu entwickeln. Kernpunkt ist dabei die Offenheit gegenüber allen musikalischen Quellen und Entwicklungen, ohne sich dabei aber an modische Trends anzubiedern.
Das ließ der Auftritt in Braunschweig sehr schnell aufs Angenehmste erkennen. So spielte der Saxofonist Bob Mintzer z.B. beim Stück „Freda“ auf seinem elektronischen Blasinstrument den fiddle-part eines Reels an. Der wurde dann von den Mitspielern aufgenommen und nach allen Regeln der Kunst sukzessive akkordisch aufgebrochen bzw. rhythmisch variiert. Pianist und Keyborder Russell Ferrante griff in „Monk’s habit“ auf dessen exzentrische und robuste Melodie- und Rhythmusgestaltung zurück. Eindrucksvoll spielte er die Akkorde so, dass sie uneindeutig schwebend erschienen und eine unerwartete Tiefe desAusdrucks erlaubten.
Ein allein ästhetischer Genuss war das elegante Spiel des Bassisten Jimmy Haslip auf seinem 6-saitigen E-Bass. Selbst bei schnellsten Läufen schien Haslip die Saiten nur zu tupfen. Überhaupt ist die Rhythmus-Sektion der Band für den Gesamtausdruck der „Yellowjackets“ sehr wichtig. Der Schlagzeuger Marcus Baylor liefert zusammen mit Haslip das rhythmische Fundament, dabei ständig die Metren umspielend. Beide bilden ein Power-Pack ohne aber die Melodieinstrumente zu übertönen. Überhaupt gilt für die Band, dass bei aller Virtuosität der Einzelmusiker nie der Eindruck entstand, dass hier einzelne sich profilieren wollten. Vielmehr sah man vier Musiker, die als Einheit zusammenwirkten und sich in dieselbe musikalische Richtung bewegten.
Mitunter erinnerte das Spiel des Quartetts gerade durch Ferrantes Art, eine Melodie – so bei „Seafolk“ – gleichsam zu dekonstruieren und wieder neu zusammen zu setzen, an die frühen Quartett-Einspielungen Keith Jarretts in den 70er Jahren. Der Rückgriff auf Genres wie Blues, Gospel, Swing, Latin erfolgte mühelos und ungekünstelt, was die Zuhörerinnen und Zuhörer erkennbar erfreute und die Musiker trotz großer Tagesstrapazen zu Zugaben inspirierte. Mintzer ließ durchblicken, dass er sich duraus vorstellen könnte, noch 25 Jahre mit der Band zu arbeiten, dem Publikum wäre es sicherlich recht.
Obwohl am letzten Wochenende gewissermaßen ein kultureller Overkill herrschte und zudem das Konzert an einem so genannten Brückentag stattfand, war die Veranstaltung doch ansprechend besucht. Besonders auffällig war, dass es wieder mehr jüngere Zuhörer zum Jazz zieht, ein Trend, der sehr wünschenswert wäre.

Klaus Gohlke