Kritik zu „Mo’Blow“

Jazz geht auch anders
Die Berliner Jazz-Funk-Band Mo’Blow spielt tanzbaren Jazz

„Ja, den Düwel ook, watt war denn dütt?“ Gerade wird in den Groß-Feuilletons Land auf, Land ab dem deutschen Jazz Bedeutungslosigkeit attestiert. Er sei die Musik eines immer älteren Publikums, überhaupt: völlig verbürgerlichte, ritualisierte Sesselmusik. Zwischen den Polen „blonder Schmuse-Jazz“ und „hermetische Hirnigkeit“ taumelnd. Die revolutionären Angriffe auf die Hörgewohnheiten seien abgesunken zum kulturellen Erbe. Man brauche alternde US-Stars um Konzertsäle zu füllen. Also: Jazz-Deutschland ist tote Hose.
Ja, und dann taucht am Freitagabend die junge Berliner Jazz-Funk-Truppe Mo’Blow im Braunschweiger Lindenhof auf und straft die Diagnose Lügen. Ein Publikum, das am Konzertende den Musikern stehend applaudiert! Ein sichtbar höherer Anteil jüngerer Konzertbesucher! Musiker, die sich so gut angenommen fühlten, dass sie mehr als die obligate Zugabe spielten! Und dann, völliger Wahnwitz! Einige, eher jüngere Leute tanzten gar. Wäre das Gestühl nicht im Wege gewesen, wer weiß, wer noch alles zu den knackigen Rhythmen die Knochen geschüttelt hätte. Schließlich: selbst harte Traditionalisten merkten – Jazz geht auch anders.
Schon die Art des Auftretens der Band war erfrischend. Abwechselnde, verständliche und auch witzige Anmerkungen zu den Stücken. Das Solo-Spiel wird mal wörtlich genommen: alle anderen Musiker verlassen den Saal. Auch karikierende Showeinlagen und nicht zuletzt ungekünstelte Freude über die gute Resonanz beim Publikum wirken auflockernd. All das aber wäre nun nichts ohne die Musik.
Mo’Blows musikalisches Zentrum ist der Rhythmus, das Funkige, der Groove. Aber sie sind eben nicht nur eine „heiße Funkband“. Wohl spielte Matti Klein an seinem Fender-Rhodes-Piano und keinem anderen Tastenteil mit der rechten Hand oft repetitiv die typischen Floskeln. Natürlich war die Slaptechnik des Bassisten Tobias Fleischer mitunter dominant. Selbstverständlich röhrte Saxofonist und Frontmann Felix F. Falk oft perkussiv. Und Schlagzeuger André Seidel arbeitete sehr synkopierend am Schlagzeug. Das würde aber schnell langweilig, käme nicht etwas Wesentliches zu diesen Funk-Elementen hinzu, nämlich das Jazzige. Gemeint ist damit das Unvorhersehbare, das Durchbrechen des Schematischen vor allem in den Improvisationsphasen, wenn die Band schier abhob. Ob man dazu nun noch ein Didgeridoo braucht oder diverse Perkussionsteile, sei dahingestellt. Auch der Loop-Gebrauch des Bassisten müsste befragt werden: bringt er mehr Tiefe oder ganz neue Aspekte?
Mo’Blow ist ein echter Live-Act, für wahr. Tote Hose Jazz? Man ist so tot, wie man sich fühlt.

Klaus Gohlke

» zum Konzert