Kritik zu „Jean-Christophe Cholet – TIMES Creation 2010“

Einfach umwerfend

Vier Musiker aus Paris zeigen, wo die Harke liegt.

Zu Beginn sah das ja alles recht gemütlich aus. Die Band TIMES Creation 2010 betritt die Bühne, der „Chef“, Pianist Jean-Christophe Cholet, legt seine Unterarme auf dem Flügelrand ab, blickt interessiert, leicht amüsiert seine Mitspieler an. Der Posaunist, Geoffroy De Masure, greift zum Instrument und lässt eher suchend einige Töne erklingen. „Aha“, denkt man. „Erstes Stück, Aufwärmphase!“
Das war kaum zu Ende gedacht, da war es aus mit der Beschaulichkeit. Es brach nahezu los. Des Klaviermenschen Arme waren längst angelegt, der Körper eigenartig seitwärts gedreht. Die Finger berühren die Tasten kurz und heftig, als stünden sie unter Strom. Der Bassist, Linley Marthe, lässt ohne Ende Töne brodeln. Der Schlagzeuger, Chander Sardjoe, setzt harte Akzente, wirbelt urplötzlich über die Felle, um dann die Becken leise zischeln zu lassen. Possible Part Nr. 1 wurde entfaltet. Das Fortissimo stürzt ins Pianissimo und zurück. Aufwärmphase? Mitnichten. Nach 10 Minuten endet das erste Stück. Das Publikum applaudiert nicht nur heftig, nein, lautstarke Bravos schon jetzt. Wann hat man das schon?
Wer nun meinte, dass nach dem Powerstück Besinnlich-Balladeskes folgen sollte, sah sich positiv enttäuscht. Kompositionen und Improvisationen folgten vielmehr anderen Mustern. Innerhalb der Stücke wechselte die Dynamik beständig. Oder aber es lief ab, wie in „Chandarpa“. Man saß gewissermaßen in einer musikalischen Achterbahn. Das Tempo wechselte permanent: Mal rasend, dann sich verzögernd. So auch das Metrum, die Stimmen der Instrumente. Präzise Breaks schufen einen spannungsreichen Rhythmus.
Das erste Set endete mit einer Bearbeitung des Police-Stückes „Message in the bottle“, das nicht nur Witz und Sangeskunst andeutete, sondern zusätzlich eine Art Showdown lieferte: Speed-Bassist gegen Speed-Drummer.
Überhaupt die Soli: Linley Marthe zeigte, warum er zu den weltbesten E-Bassisten gehört. Geschicktes Voicing mit dem Wah- und Oktav-Pedal war noch das Geringste. Vor allem die Anschlagstechnik, der Wechsel vom Einzelsaiten- zum Akkordspiel und die nahezu unbegreifliche Geschwindigkeit des Spiels auf den dicken Saiten machten sprachlos.
Warum der Schlagzeuger eigens die Snaredrum abnehmen ließ wurde schnell klar: Mit ihr setzte er unglaubliche polymetrische Akzente, die permanent den Grundbeat aufbrachen.
Und dann war da noch der Antreiber der Gruppe. Nein, nicht der Leader J.Ch. Cholet, sondern der Posaunist Geoffroy De Masure. Wie schafft man mit diesem Posaunenmundstück so ein Staccato an Tönen? Wie gelingt der Wechsel von Powerplay zum lyrischen Spiel mit dem gestopften Instrument? Wie gelingt die Konzentration auf mikrotonale Feinheiten? Und dann eben noch Cholet, der Chef im Hintergrund: Setzte er sonst rhythmische Akzente, farbige Tontupfer, Zurückhaltung durch und durch, verwandelte er sich in den Solopartien. Kraftvoller Anschlag, rhythmische Differenzierung, eine ungemeine Geschwindigkeit und tonale Kreativität.
Und Witz hatte die Truppe auch noch: Die Bearbeitung des Hancock-Stückes „Actual Proof“ wurde plötzlich in die „Pata Pata“ –Melodie überführt, diese dann wieder zum Michael Jackson – Tune. Freude nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den Musikern, denen man den Spaß ansah.
Aber: warum war das Konzert in den Räumen der Braunschweigschen Landessparkasse so relativ schlecht besucht? Weil es nicht die ganz großen Namen des Jazz waren? Name, so weiß man doch, ist oft Schall und Rauch. Gleichviel: Wer nicht dabei war, verpasste das beste Konzert, das die Initiative Jazz-Braunschweig in der Saison 2010-2011 anbot.

Klaus Gohlke