Kritik zu „For Free Hands“

Gegen Fußball ist kaum ein Kraut gewachsen

Die Berliner Band „For Free Hand“s spielt Balkan-Jazz

Eins ist schon mal klar! Wer da glaubt, dass Jazzfans gewissermaßen von Natur aus nie auch Fußballfans sein können, der irrt sich. Anders jedenfalls ist der deutlich schwächere Besuch des letzten Konzertes der Initiative Jazz Braunschweig vor der Sommerpause nicht zu erklären. Zu spekulativ? Nun, wenn selbst das A-Trane in Berlin, ein bisschen so etwas wie das Village Vanguard in New York, wegen der EM für drei Wochen schließt, kann kein Zweifel mehr bestehen.
An FFH, der multinational besetzten und in Berlin ansässigen Jazzband, kann es jedenfalls nicht gelegen haben. FFH? For Free Hands. Ein programmatischer Name? Etwa uneingeschränkte Freiheit des musikalischen Ausdrucks? Die musikalische Fassung des „automatischen Schreibens“ der Symbolisten? Aus dem tiefen Inneren direkt in die Hand oder den Mund? Mit dem Resultat des Chaos, weil Widerspruch in sich? Oder Hinweis auf den ungehemmt freien Rückgriff auf Jazztraditionen und musikalische Formen?
Nun, die Musik bringt es an den Tag. Z.B. Perpetuum 5. Langsamer Beginn, zunehmendes Tempo. Sehr schnelle Akkordwechsel, auf jeden Vierteltakt, wenn nicht gar auf die Achtel. Riecht nach Bebop. Das Gitarren-Solo: Eher modaler Jazz. In bester John Scofield-Manier werden flüssige Melodieläufe und rasante Akkordwechsel verschmolzen. Dann aber wieder sehr freie Passagen. Und während man gedanklich mit der Einordnung beschäftigt ist, zerhackt der griechische Schlagzeuger Dimitris Christides den Rhythmus mal sehr grob-rockig, um ebenso schnell subtile Beckensounds einzustreuen. Überhaupt die Metren. „Magic Friday“ mit 13/16; „East-Side-Story“ wechselt dauernd von 11/8 zu 4/4. Aber wie werden die Rhythmen unterteilt! Das wird ja nicht einfach gerade herunter gespielt!
Hat man gerade richtig zurecht gezählt, wird man aus der Kurve getragen von wunderbaren Melodien und Verzierungen Karparovs am Sopransaxofon in „Wizard Cube“. Hochkomplexer Balkan-Folk oder World-Jazz, wie man will. Karparov – ein Balkan-Coltrane! Zum Glück hat man einen Ruhepol und Klanggrundierer im kanadischen Bassisten Scott White, der die Strukturen der Stücke schön herausarbeitet. Sehr schön auch die wunderbaren Dialoge nicht nur zwischen Gitarre und Saxofon, was ja naheliegt, sondern zwischen Gitarre und Bass oder zwischen Tenorsaxofon und Schlagzeug.
„Sie sind von der Zeitung? Schreiben Sie: Ich bin sehr glücklich, heute hier bei FFH gewesen zu sein!‘“ Gemacht., weil absolut keine Einzelmeinung.

Klaus Gohlke

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