Kritik zu „Claudio Puntin Oktett“

Ist das erlaubt?

Ja, den Düwel ook, wie soll man diese Musik einordnen? Ist nicht diese Formation schon höchst bedenklich? Ein Oktett im Piccolo-Theater des Lindenhofs zu Braunschweig! Wie sollen sich da acht Musiker vor der Bühne platzieren, ohne sich gegenseitig beim Spiel zu behindern? Und: Man sehe sich nur an, was da für Instrumente zum Einsatz kommen! Was, bitte schön, haben in einer Jazzband ein Zischboard, ein Altflöte, eine Bass-, eine Kontrabassflöte zu suchen? Und was sind Toys, also Spielzeuge? Muss der Jazz nun die absurdeste Instrumentierung suchen, um interessant zu erscheinen? Wen hatten die Leute von der Initiative Jazz Braunschweig zum letzten Konzert vor der Sommerpause da eingeladen?

Der Konzertbeginn: War es Unterwassermusik, dem Namen der Band folgend: Claudio Puntins „Sepiasonic“? Oder eher Sphärengeräusche? Denn: Klänge waren das ja weniger. War es nicht etwas wie Alphorn, dann auch wie Bahnübergangswarnglocke? Wer machte da überhaupt welche Geräusche? Fast zehn Minuten eine Konzentrationsübung auf minimale Klangerzeugung, eine Übung in Sachen Entschleunigung. Dann eine weibliche Stimme. Mit einem Mal: es zischt, rockt, rollt, rattert, pling-plongt, bimmelt, megaphont und endet in einer Kakophonie. Beeindruckend und verwirrend zugleich.
Das nächste Stück nicht minder irritierend. Zarter elegischer Gesang, durchbrochen von heftigen Rhythmen, ein Break: es folgt ein dreistimmiger Flötensatz mit Liz Hurst an der Kontrabassflöte, Daniel Agi an der Bassflöte und Daniel Manrique-Smith an der Alt- und Piccoloflöte,was an klassische Musik erinnert. Dazwischen dann höchst waghalsige Unisonopartien von Claudio Puntins Klarinette und Insa Rudolphs Gesang. Ein Ton daneben wäre das Aus gewesen. Aber nichts da: absolut gekonnt. Man redet heutzutage sehr viel vom skandinavischen Frauenstimmwunder. Insa Rudolph kommt aus Göttingen, Deutschland und steht den Sängerinnen in nichts nach.
Dann wird man musikalisch nach Paris geführt, natürlich auf Umwegen. Die Klarinette ist hörbar nur über die Klappengeräusche, Jörg Brinkmann spielt diesmal ein gestrichenes Cello, Samuel Rohrer unterlegt das alles mit zarten perkussiven Mitteln, Flöten dahinter – alles etwas psychedelisch. Und aus diesem recht freien assoziativen Klangteppich heraus entwickelt sich eine wunderbar leichtfüßige Musik im Musette-Neuve-Stil. Und um die Sache vollends wundervoll zu machen, kommt die Stimme hinzu, zeitlich und akustisch durch den verfremdenden Klang des Megaphons in die Ferne gerückt.
Ein Nocturne wird angekündigt. Die erwarteten träumerisch-elegischen Klänge umschmeicheln die Zuhörer, jäh aber wird daraus ein heftig groovendes Stück, kräftiger Übergang vom ¾ in den 4/4 Rhythmus, sodass aus dem Traum eher der Alptraum erwächst: Poltergeister und Kobolde bestimmen die Atmosphäre. Schluss!Aus! mit der alten Nocturne-Vorstellung.
In der Programm-Musik „Mitternacht“ wird das Kompositions- und Arrangementsprinzip Claudio Puntins noch einmal recht deutlich. Die Geisterstundenatmosphäre wird durch Tonmalereien bis hin zu Käuzchenrufen sinnfällig. Dann schiebt Kim Efert auf seiner E-Gitarre – nicht brachial, aber immer bestimmender – schwere Gitarrenriffs dazwischen, die Klarinette ergänzt mit geradezu übersinnlichen Tonkaskaden. Eine unruhige Mitternacht. Das Stück endet mit einem berückenden ruhig atmenden Cello-und Bassklarinetten-Ostinato, dissonant umspielt vom dreistimmigen Flötensatz. Ruhe durchaus, aber nicht romantisch. Alle musikalischen Mittel werden kreativ ausgeschöpft, um ein differenziertes Stimmungsbild zu entwickeln.
Wie also soll man diese Musik einordnen? Ist das Jazz, ist das zeitgenössische Kammermusik? Nun, wen interessieren eigentlich die Schubladen? Das Publikum war auch ohne diese völlig zu Recht ungemein angetan.

Klaus Gohlke