Kritik zu „Cholet / Känzig / Papaux-Trio“

Zwischen Alpenblues und Wiegenlied

Die Initiative Jazz-BS eröffnet mit dem Cholet-Känzig-Papaux-Trio die neue Konzertsaison

Wer will hier wen reinlegen? Marcel Papaux‘ Blick geht von unten her schräg nach oben in Richtung des Pianisten Jean-Christophe Cholet. Ein feines, schelmisches Lächeln umspielt den Mund des Schlagzeugers und plötzlich bohren sich knallend-harte 4/4 – Beats in die Klangkaskaden, die der Tastenmann scheinbar entrückt kreiert. Eine gewisse Zerrissenheit beim Zuhörer. Wohin soll er sich wenden? Aber schon wechselt der Schlagzeuger in einen ternären Rhythmus, der beruhigender wirkt. Nur – was hilft das, da nunmehr der Pianist heftig auf jede halbe Note einen Akkord setzt? Dazwischen Heiri Känzig, der Kontra-Bassist, der Vermittler zwischen Harmonie und Rhythmus. Das ist aber nicht kompromisslerisch zu verstehen. Er ist ein Impressionist mit eigenen Harmoniewegen und gewagten Kadenzen. Ein Mann, der gewissermaßen Ordnung schafft und neue Horizonte eröffnet. Programmtisch der Titel des Stückes: „Contre sens“.

Für den Zuhörer nicht immer ganz einfach, aber gleichviel stets hochspannend, dieses Zusammenspiel, das sich dem Kontrast verschrieben hat. Hörerwartungen zu unterlaufen, neue Horizonte zu eröffnen, das ist die Absicht des Trios, das nunmehr seit zehn Jahren zusammenarbeitet.

Und so wird man in „Because of Schumann“ von Cholet in die Welt der romantischen Klaviermusik gelockt, um dann im weiteren Verlauf des Stückes die Dekonstruktion der Melodie mitzuerleben, bis sie am Ende neu zusammen gesetzt wieder aufscheint. In „Triplettes“ malen die Musiker auf je ganz eigene, aber intensiv aufeinander bezogene Weise wunderbare Klangflächen. Jedoch – immer wieder durch Breaks unterbrochen, wird das eine Art Fahrstuhlfahrt, bei der auf jeder Etage ein Stop erfolgt, um immer höher hinaus zu gelangen. Dann wieder nahezu elegische Töne: eine Ode für den langjährigen Weggefährten Charlie Mariano.
Ein „Swiss Blues“ wird angekündigt. Das bedeutet im Intro eine vom Bassisten im Flageolett gestrichene Alphorn-Naturtonreihe, ein eigenartig verspieltes Geklapper am Schlagwerk – vom Blues eigentlich keine Spur. Dann legt man los und es steht einem alle Tonwelt offen, sich über die Schweiz Gedanken zu machen: Lawinensturz, Almromantik, entgleisende Dorffeste…

In Schubladen lässt sich diese Musik nicht zwängen, jeder Musiker lässt dem anderen viel Raum, das zu verhindern. Zum Abschluss eine Berceuse und viel Beifall im Braunschweiger Lindenhof. Ein guter Start in die Jazz-Saison 2012/13.

Klaus Gohlke

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