Kritik zu „Adam Bałdych / Luciano Biondini Quartet“

Coole Könner
Das Adam Baldych/ Luciano Biondini Quartet spielt europäischen Jazz im Braunschweiger Lindenhof

Geige und Jazz – geht das zusammen? Und dann auch noch Akkordeon dazu? Wird das nicht zur Appenzeller Ländlermusik? Und wenn schon nicht das, dann aber doch zu gefällig vielleicht?
Ach, du liebe Güte! Mit wem hat sich der Jazz nicht schon ins Bett gelegt und wundersame Kinder gezeugt. Alles gibt es: Wohlklang bis zum Kitsch, Akkordgegniedel, Minimalismus, abstrakte Formlosigkeit, von Hotjazz zur Meditation, Tanz-bzw. Konzertsaalatmosphäre, alles drin. Das soll nicht heißen, dass alle Musik Jazz sei, es keine Qualitätsunterschiede gäbe, wohl aber, dass es die geschlossene Form nicht gibt, die Ränder fransen sehr aus, gottlob.
So ausgefranst allerdings war die Musik des Adam Baldych/Luciano Biondini Quartets nicht, die am Freitagabend im Braunschweiger Lindenhof zu Gehör gebracht wurde. Und das Braunschweiger Publikum zeigte sich so berührungsängstlich auch nicht. Immerhin war das Konzert so gut wie ausverkauft und es gab, um es vorweg zu nehmen reichlich Zwischenapplaus und am Ende stehende Ovationen sowie bedenkliches Fußgetrampel.
Dann kann also die Musik nicht schlecht und vor allem nicht jazzfern gewesen sein. Gefallen musste selbst dem Skeptiker, dass die Band sich beim Konzertaufbau Gedanken gemacht hat. Moderate Stücke wechselten mit Up-tempo-Nummern und meditativem Flow. Die Arrangements waren variabel, man vermied die klassische Thema-Soli-Thema-Abfolge. Das Interessanteste aber: Die beiden „Front-Männer“, der polnische Geiger Adam Baldych und der italienische Akkordeonist Luciano Biondini schufen zusammen mit der Rhythmusgruppe zwei Arten von Hörerlebnissen.
Zum einen konnte man bei den ruhig meditativen Stücken in aller Ruhe abtauchen in die Musik. Man schuf Raum fürs Hinein-und Hinterherhören, Platz für Bilder zu den Tönen. Michel Bonita, der gern einen dunklen Bass spielt, hatte zusammen mit seinem Rhythmuskollegen, Philippe Garcia, nur mit den Händen akzentuierend, hohen Anteil an diesem Transparenzzuwachs. Aber auch Baldych verlor die Ruhe nicht bei seinem durchgängigen Pizzicatospiel, und Biondini tat das seine mit schönem Legato. In der Tat: Es öffnete sich „The Room of Imagination“.
Völlig konträr dazu dann die Hochgeschwindigkeits- Balkan-Jazz-Nummern. Wunderbare 5/4-Variationen, die einen sicherlich noch des Nachts im Traume heimsuchten, so intensiv wurden sie formuliert. Und erinnerlich auch deshalb, weil sie auf den Wettkampf Biondini-Baldych hinausliefen. Wer ist schneller? Wer spielt vertracktere Läufe? Wer hat rhythmisch komplexere Ideen? Ein Spiel gegeneinander und dann miteinander. Man kann das Zirkusnummer nennen – aber ist Virtuosität nicht auch etwas Bewundernswertes? Vor allem, wenn sie nicht leer läuft und den Musikern selbst Spaß macht!
Ein anderer Grund dafür, dass dieser Auftritt von vielen aus herausragend bewertet wurde, liegt sicherlich aber auch am Beziehungsreichtum der Musik dieses Quartetts. Mal leuchtet so etwas wie irische Fiddlemusik auf, dann erklingt die Melancholie des französischen Akkordeons. Wilde Tänze Südost-Europas werden zitiert, und – war da nicht etwas Fernöstliches? Wurden nicht Töne bluesig gebendet? Es gab Identifizierbares, das dann Abstraktionsprozessen unterzogen wurde. Auch das macht Spaß beim Zuhören.
Eine Einschränkung muss aber abschließend gemacht werden, wobei unklar ist, wer der Adressat der Kritik ist. Die hohen Töne auf der Geige und dem Knopfakkordeon waren streckenweise nicht auseinander zu halten, so dass verwaschene Sounds entstanden. Entweder gehen sich die Solisten da aus dem Weg oder aber der Soundmeister muss differenzierter mischen. Das trübte aber die Freude des Publikums an diesem Quartet nicht nennenswert.

Klaus Gohlke