Kritik zu „Wolfert Brederode Quartett“

Vier sehr ernste junge Männer

Ja, es war Freitag der 13. Im schlechten wie im guten Sinne; es gibt ja beides, sagt man. Das Schlechtere: Der Klavierstimmer konnte seine Arbeit erst knapp vor Konzertbeginn abschließen. Dann gab mit Konzertbeginn eine Basssaite ihren Geist auf und erzwang eine Pause. Alles nichts, was empfindsamen Musikerseelen gut tut.
Doch dann die gewissermaßen italienische Wende des Freitags Nr. 13. Nach zwei etwas verhalteneren Eröffnungsstücken, die ihrer aktuellen ECM-Einspielung entstammten, befreite sich das Wolfert Brederode Quartet von allen Stimmungstrübnissen und zeigte, was in ihm und diesem Tag steckte.
Der oft zu hörende und schnell ermüdende Jazz-Aufführungsschematismus , nämlich Thema- Solo-Thema-Solo, war nicht angesagt. Im dritten und letzten Stück des ersten (doch etwas kurz geratenen) Sets entwarfen die Musiker um den niederländischen Pianisten Wolfert Brederode herum etwas, was man impressionistische Klanggestaltung nennen könnte. Musikalische Räume wurden geschaffen, die den Zuhörern vielfältige Assoziationen ermöglichten. Schlagzeuger Samuel Rohrer aus der Schweiz verstand es auf mitunter wundersame Weise, das Schlagzeug als eine Art Melodieinstrument einzusetzen. Mit dem Bogen gestrichene Becken erzeugten schwebende Klänge, ohne dass dabei die rhythmisch strukturierende Arbeit vernachlässigt wurde. Zusammen mit dem norwegischen Bassisten Mats Eilertsen entstanden Hallräume, die für das Klavier Brederodes und die Klarinetten, gespielt vom Schweizer Claudio Puntin, Platz schufen, ihre Tonfolgen zu spielen.
Durch minimale, aber doch stetig sich verändernde Melodik entstand eine interessante Spannung. Diese Durchbrechungen der Funktionsharmonik allein wären aber nicht hinreichend gewesen, hätte das Quartett es nicht verstanden, durch dynamische Variationen eine enorme Steigerung zu erzeugen.
Diesem Konzept blieben die sehr ernst dreinblickenden Musiker auch im zweiten Set überwiegend treu, was den zahlreich erschienenen Zuhörern erkennbar gefiel. Insbesondere Brederodes Komposition „Scarabee“ veranschaulichte schön, dass es nicht darum ging, Virtuosität um ihrer selbst Willen zu demonstrieren. Vielmehr nahm man sich Zeit, musikalische Ideen in Ruhe zu entfalten, wobei die Stücke teilweise fließend ineinander übergingen.
Kammermusikalisch orientierter Jazz kann leicht zu reinem „Hirnjazz“ mutieren. Dieser Gefahr trotzte das Quartett, indem gerade Schlagzeug und Klarinette alle Facetten der Klangerzeugung ausloteten. In der Zugabe imitierte Puntin z.B. Vogelgezwitscher, als wollte er zu Kerstin Ekmans Buch „Der Wald“ die Hintergrundmusik liefern.
Das so in den Bann geschlagene Publikum forderte zu Recht Zugaben ein und entlockte den Musikern auch ein Lächeln.
Nicht nachvollziehbar ist, warum die – ohnehin spärliche – Titelansage und die Vorstellung der Musiker durch den Pianisten über das Mikrofon so unverständlich sein musste. Eine übrigens oft zu erlebende Sache in dem kleinen Saal des Lindenhofs, der sich – bei allem Flair – als doch recht kleinen Spielort erweist, sowohl für die Musiker als auch für das Publikum.