Kritik zu „Nicole Johänntgen – Lavendel“

Nicole Johänntgens Trio „Lavendel“ begeistert mit unverstaubtem Blick in die Jazzgeschichte

Man fängt ein Jazzkonzert nicht einfach so irgendwie an. Das hängt zum einen von grundlegenden Dingen ab wie der persönlichen Befindlichkeit, aber auch von der Frage, wie man dem Publikum entgegentreten will. Es umgarnend gewinnen, es im Sturm erobern oder es in Verwirrung bringen? Man kann aber auch gleich mit dem Einstieg eine programmatische Visitenkarte vorlegen, was einem oftmals erst im Nachhinein so richtig klar wird.
Nicole Johänntgens Trio-Konzert am Freitagabend im ausverkauften Roten Saal des Braunschweiger Schlosses startete verwunderlich, auf moderne Weise traditionsbewusst und aufs intensive Zusammenspiel ausgerichtet.
Verwunderlich, weil die polnische Vibraphonistin Izabella Effenberg auf einem Instrument spielte, das zwar angekündigt war, aber wohl kaum mit einer Vorstellung verbunden werden konnte. Array Mbira, ein junges Kind aus der Familie der Lamellophone. Man kann auch etwas salopp sagen: Ein Riesen-Daumen-Klavier beträchtlichen Tonumfangs (fünf Oktaven) und eines ganz eigenen Klanges. In den tieferen Lagen harfig, in den höheren bis ins Scharfe hinein glockig.
Ein beruhigender fast repetitiver Klangteppich wurde gewoben, auf dem sich Nicole Johänntgen mit ihrem Altsaxophon und Jörgen Welander an der Tuba zunächst eher unverbunden, spontaneistisch tummelten. Alsbald aber deuteten sich intensivere Dialoge an. Das Mbira wurde durchs Xylophon ersetzt. Man scherzte mit Zitaten, nicht nur marschmusikalischer Art (Einzug der Gladiatoren) und schuf einen sehr transparenten Gesamtsound mit hohem Melodiepotential. „Eine knackig-schlanke, auf den Kern reduzierte Besetzung!“, wie die Chefin knapp umriss.
Die Instrumentierung war natürlich auch Programm. Die Tuba, ein Gerät, das ja eher als Kuriosum betrachtet wird (um es klar zu sagen: die Tuba furzt wesentlich besser als die Posaune!), und das Spiel mit ihr als zirzensisch-sportliche Betätigung. Wer denkt da nicht an tapsig sich bewegende nur für das rhythmisch-harmonische Fundament zuständige Puster? Und es fiel ja auch das Wort vom „Tanzbären“. Historisch bewegt man sich sogleich in der Basin Street, tanzt in der Second Line beim Funeral March oder beim musikalischen Shootout im Storyville. Frühes Multikulti.

Das Vibraphone hingegen spaltet oft. Die Zuhörerschaft, aber auch die BearbeiterInnen. Man mag oder geringschätzt es. Man kann es wie Hampton als Schlagwerker behandeln oder aber eher als Sänger wie Milt Jackson. Man nennt es oft kalt-metallisch und beschränkt. Und historisch gesehen, befindet man sich nicht mehr auf der Straße, recht eigentlich eher in der Phase des Modern Jazz.
Nur, um es gleich klar zustellen: Jörgen Welander spielte zwar mitunter die Rolle des Tanzbär-Tubisten, jedoch eher als ironisches Zitat. Und natürlich lieferte er die Bass-Basics, kompliziert genug, wenngleich durch Izabella Effenberg am Vibraphon darin unterstützt oder auch abgelöst. Aber ansonsten ließ er die Tuba tanzen, mitunter fast mit Waldhornschmelz. Höchst melodiös, rhythmisch variabel und erstaunlich flink, so dass sich die Frage stellte, ob der Saitenbass wirklich schneller gespielt werden kann als der geblasene. Da wurde New Orleans modern überholt.
Izabella Effenberg bearbeitete das Vibraphon mit aller Finesse, sodass, wenn es nicht rhythmisch zu dienen hatte, eine feine rhapsodische Melodik aufschien. Intonation und Phrasierung profitierten von ihrer exzellenten Spieltechnik. Ja, es hatte oft den Anschein in den solistischen Passagen, als flösse alles zusammen.
Dazwischen nun Nicole Johänntgen mit ihrem gekonnten Saxofonspiel, quasi als Lotsin zwischen den Polen Reminiszenz an den New Orleans Jazz, weltmusikalische Ausflüge und europäisch geprägte Balladenkultur. So bewegte man sich zwischen Late-night-bar-Music („Oh yes, my friend“) und nahezu erotischem Tongeflirte mit Wilanders Tubaspiel und „Kicks from New Orleans“, die witzigerweise genauso gut „Kicks from an South-African Marketplace“ hätten heißen können. Und landete schließlich bei der Ellington-Anspielung in „Take the Steam-Train“, die auch auf eine „Reveille with Beverly“ – Filmszene referiert, im Berner Oberland. Es wurde Jazz gespielt, der seine historischen Wurzeln, insbesondere auch seine Tanzbarkeit, auf eine spielerisch-lockere Weise von der Gegenwart aus anpackte, also jede Patina oder Staubigkeit vermied. Große Begeisterung im Auditorium, völlig zu Recht.

Klaus Gohlke