Kritik zu „Yuri Honing „Wired Paradise“ – White Tiger Tour 2010“

Ordentlich was auf die Ohren

Das Paradies ist uns versperrt. Darüber wachen die Cherube. Dass nun aber auch das musikalische Paradies uns unzugänglich bleibe, dafür will der niederländische Saxofonist Yuri Honing mit seiner Electricband „Wired Paradise“ sorgen. Umzäunt, verdrahtet, verkabelt wird die schöne alte Welt des Jazz. Stille ist damit aber nicht gemeint, mitnichten. Was uns stattdessen erwartet, war beim ersten Konzert der Veranstaltungsserie 2010/11 der Initiative Jazz-BS am Wochenende im Lindenhof zu hören. Eine Art Fusion-Jazz, der furchtlos Rock, Pop, Jazz, Weltmusic und Electronica in sich vereinigt. Oder – wie Honing es im Gespräch formuliert – diese Welt „mit aller Schönheit und Scheußlichkeit, die uns umgibt“ repräsentiert.
Was überwog nun an diesem Abend: Schönheit oder Scheußlichkeit? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall spielte das Quintett das, was Jugendliche in den Metropolen wieder in die Clubs führt: die tanzbare Jazzmusik. Eine Musik, die sich – wie ihre Zuhörer – nicht um Genregrenzen schert, nicht um Stile. Die gute Unterhaltung sucht und nicht Ideologien zum Thema „Ist das noch Jazz?“
Tanzbarer, gegenwartsorientierter Jazz, das braucht klare Strukturen. Also durchlaufend eine leicht identifizierbare Rhythmik, keine Scheu vor eingängigen Melodien und gleichzeitig typische Ausdrucksmittel des Jazz. Deshalb hatten Bass und Schlagzeug wieder die traditionelle Aufgabe, fast ausschließlich das rhythmische Fundament zu legen, und zwar sehr rockorientiert. Basslinien, die Mark Haanstra nur minimal verschob und somit einen fast magischen Sog entwickelte, waren das eine. Das andere war der knochentrockene Beat des Schlagzeugers Joost Lijbaart, im Zentrum dabei das Spiel auf der Snaredrum. Gewehrschussartig in der Regel. Solistische Ausflüge waren insofern für beide Musiker nicht drin.
Getragen von diesem Groove konnte dann Honing mit seinem Tenorsaxofon, typisch im Eröffnungsstück „Zitelle“ aber auch in im späteren „Space oddity“, eine leicht singbare Melodie vortragen, die eingebettet wurde von Klangfeldern der beiden Gitarristen Stef van Es und Frank Möbus. Was folgte, war von Stück zu Stück sehr verschieden. In „Meet your demons“ wurde Jazz-Punk gefetzt, „CastorPollux“ wiederum kam im Freejazzgewand daher. Dann wieder gaben sich die Musiker beinahe ungebrochen rockpoppigen Melodien hin („Lost“).
So gab es für das Publikum ordentlich etwas auf die Ohren. Besonders im zweiten Set wurde die Musik zu einem auch physischen Erlebnis. Das hatte einerseits mit der spezifischen Holzfußbodenkonstruktion des Piccolotheaters zu tun, die durch den Basssound ins Vibrieren geriet. Vor allem aber war das zu viel Lautstärke für den kleinen Raum. Die musikalischen Feinheiten drohten bei den Powerstücken mitunter verloren zu gehen.
Für diese Musik mit Bodenhaftung hätte man sich einen größeren, vor allem jüngeren Zuhörerkreis gewünscht, machte die Band doch hinreichend deutlich, dass Jazzmusik nicht zwingend mit elitärer Hirnlastigkeit zu verbinden ist. Alles in allem ein viel versprechender Start in die neue Jazz-Saison.

Klaus Gohlke