Kritik zu „Yuri Honing Acoustic Quartet“

Durchkreuzte Hörgewohnheiten
Das Yuri Honing Acoustic Quartet zu Gast im Lindenhof

Was denn Jazz sei, das hat Yuri Honing noch nie so recht interessiert. Konventionen? Wofür? Für wen? Interessant ist für ihn, was das musikalische Material an Spielräumen bietet. Ob Blondie, Bowie, Goldfrapp, Franz Schubert, Traditional oder sonst was. Das interessiert nicht. Spannend ist für ihn, was man daraus machen kann.
Dieser tabulose, entspannte Umgang mit allen musikalischen Quellen – ist das etwas, was Niederländer uns voraushaben? Lichtenberg fragte einst, in welch anderem Land als Deutschland ein Kind lernte, vor dem Naseputzen zuerst die Nase zu rümpfen?! Kann man ja mal drüber nachdenken.
Yuri Honing also am Freitagabend zu Gast in Braunschweigs Lindenhof (Wie lange noch diese Spielstätte?). Hochkarätige Mitspieler: Wie immer Joost Lijbaart an den Rhythmus-Geräusch-Geräten, der ECM-geadelte Pianist Wolfert Brederode und der isländische Bassist Gulli Gudmundsson.
Nun, Honings letzte Acoustic-CD „True“ enthielt eher sehr melancholisches, vom Tempo moderates Material. So, als seien „Yuri’s wild years“ over. Aber so einfach ist der Mann nicht gestrickt. Auf eindrucksvolle Weise zeigte er mit seinen Mitspielern, wie man Jazz-Konventionen aufnimmt und bricht. Nicht revolutionär, ohne erhobenen Zeigefinger.
Schon im ersten Stück „Paperbag“ wurde das Konzept deutlich. Einfache, klar strukturierte Einstiege, in die Honings Tenor-Sax sich zunächst mit langen, abfallenden Tonfolgen einpasst. Der melancholische Grundgestus wird dann aber innerhalb kürzester Zeit aufgehoben und geht in ein Crescendo über, das auf eine eigenartige Weise Gesamtwerk, aber auch Individualstimme ist. So jäh, wie der Ausbruch erfolgt, findet man wieder zurück zur Anfangsstimmung. Das übliche Thema-Solo-Thema-Muster wird ignoriert.
Das ist nicht neu, so wenig, wie es neu ist, dass die Rollenzuweisung an die Instrumente verändert ist. Aufregend ist aber, wie die Rollen ausgefüllt werden. Und da ist Joost Lijbaart ein wahres Phänomen. Was er in „Black is the Colour…“ – aber nicht nur da – aus seinem Schlagzeug und Perkussionsensemble herausholte, ist sprachlich schwer zu fassen. Es rumpelte, klopfte, klatschte, klingelte, zischelte, wirbelte, dröhnte, knallte vor sich hin, dass es eine Freude war. Unterschwellig hielt er natürlich den Beat, aber das war nicht die originäre Aufgabe. Wenn der „Chef“ sich im Milton Nascimento-Stück „Miracle of the fishes“ vor ihm nahezu provozierend aufbaute und mit immer längeren Chorussen auf ihn einblies, dann konterte Lijbaart auf gleicher Ebene. No retreat, no surrender, sondern eine ganz eigene Produktion unterschiedlichster komplexer Geräusche.
Gegen alle Hörererwartungen allerdings verkündete Honing schon nach gut 30 Minuten das Ende des ersten Sets. Da war wohl die Uhr defekt. Aber der Neustart dann sollte alles wieder gerade rücken. „Play the vamp!“, ein Stück in drei Sätzen, startete mit reinem Wohlklang von Piano und Bass, um sich dann in heftige, nahezu punkige Ausbrüche zu steigern. Parker‘sche und Coltrane’sche Spielkultur blitzten bei Honing auf, aber auch der klare, reine Klang eines Garbarek konnte einem in den Sinn kommen. Auch fein: Traditionslinien leuchteten auf und verschwanden wieder, kein Kult.
Und aus dem ganzen Gebrodel heraus reduzierte der „Chef“ das Spiel plötzlich auf eine minimalistische Repetition eines Licks. Unterbrochen von langen Pausen. Absicht oder ein fehlender Übergang beim Improvisieren? Nichts Genaues weiß man nicht. Honing musste jedenfalls laut lachen, bevor er wieder forcierte und die Band tonale und rhythmische Zentren ignorierte.
„True“ auch beeindruckend. Ein einfacher Beat. Beerdigungsmarsch oder etwas an Ravels „Bolero“ Erinnerndes? Drums und Bass rhythmisch unisono, dann aber auseinander driftend, sich entfernend, echoartig. Brederode am Piano unterlegt das Sax-Solo mit reduzierten Tonfolgen. Alles sehr transparent, unaufgeregt, viel Raum fürs Zuhören. Die Entdeckung der Langsamkeit, wenn man so will. Man hört und überlegt zugleich. Was will man mehr?
Ein eindrucksvolles Konzert, ein begeistertes Publikum. Es hätten nur mehr sein sollen.
Ein Postskriptum: Wie schon beim letzten Konzert der Initiative Jazz-BS hat auch diesmal ein Gönner einen beachtlichen Betrag zur Förderung der Jazz-Live-Musik gespendet. Beeindruckendes Bürgerengagement. Hut ab!

Klaus Gohlke