Kritik zu „Yoko Tawada / Aki Takase – Jazz und Lyrik“

Mandarinen müssen noch heute Abend geraubt werden!
Yoko Tawada und Aki Takase vergnügen mit ihrem literarisch-musikalischen Programm

Dichterlesung mit Klavierbegleitung in der Bartholomäuskirche zu Braunschweig! Weder Fisch noch Fleisch? Schön, die beiden Vortragenden sind schon lange in Deutschland lebende hochdekorierte Künstlerinnen aus Japan. Yoko Tawada, die Poetin, kann wohl kaum noch die Ehrungen zählen, die sie für ihr Werke erhalten hat. Aber kann eine Japanerin denn so richtig deutsche Literatur? Aki Takase, die Pianistin, ist eine der renommiertesten Jazzpianistinnen, auch preisbehängt. Aber – soll die nicht so eine Free-Jazzerin sein?

„A-aaa-an–anna- anana-ananas-bananas-banana!” So begann es. Wechselte dann zu „Mango“ und zu „Orange“, von da zur „Zitrone“, dann dem Land, in dem diese blühen und von da aus zu „sauer“ und dem „Vater, der sauer ist“, und dann weg ist und was macht man mit dem fehlenden Vater und der Säure in einem? Eine Assoziationskette, die vom Erwartbaren zum Unerwarteten springt, vom Witzigen zum Abgründigen. Dazu kein Kaffehausplingpling im Hintergrund, sondern eine eigenwillige Begleitung des Textes. Mal harte Akzente, dann den Satzrhythmus unterstreichende Passagen, Romantizismen. Alles nicht beliebig, sondern notiert.
Eine eigenartige Geschichte dann, in der ein Kind eine Stadt erschafft. Durchsetzt mit Bibelanspielungen, kindlicher Bildlichkeit und Perspektive und eindrücklichen Metaphern, etwa der „Bibliothek der Gebärmutter“, der das Kind seine Pläne entnimmt. Wortspiele, die keine Kinderspiele mehr sind.
Paradox-Witziges zur Frage, warum die Japaner so gern deutschen Baumkuchen essen, nicht aber Lakritz, Gummibärchen oder Marzipan. Es sind die Vokale. Japanische Menschen mögen die dunklen Vokale, vor allem das „Aaa“ und „Ooo“. Nicht aber das „Iiiiii“!
Nein, keine staubtrockene, bedeutungsschwangere Dichtung, sondern mitunter recht Witziges. Vertauschung von Bedeutungsebenen, Arbeit auf der Klangebene der Sprachen. Ein wenig Dadaistisches mit gemeinsamem Handclapping. Dann eine Performance mit 10 Tage alten Brötchen, die wunderbar rhythmisch auf einer Gemüseraspel zerrieben wurden, einem japanischem Text, in den verfremdend immer wieder englischsprachige Wörter montiert sind und einer Klavierbegleitung dazu, die die tiefen Register derart bedrohlich anschwellen ließ, dass dem Flügel wohl Hören und Sehen verging.
Zwischendurch möchte man immer „Halt!“ rufen, weil die Wahrnehmung in die Krise getrieben wird. Wohin soll man hören? Satzfetzen bleiben hängen, wie „Mandarinen müssen noch heute Abend geraubt werden!“ und gleichzeitig eine wunderbar leichte an Bach erinnernde Art von Choralbegleitung.
Überhaupt: Takases Klaviersoloblöcke! Eine Wanderung durch das „Real Book“ der Jazzer. Hier ein Harlem Stride, dann klassisch-bluesig, Ellington-Artiges, Ragtime, war da nicht etwas Monk, etwas Harmolodisches? Anspielungen, die gleichsam auf die Spitze getrieben wurden, um schon bei der nächsten zu landen. Ein schier enzyklopädisches Musikwissen deutete sich an, dem man kaum folgen konnte.

„Drei Köche“ – das Braunschweiger Raabe –Haus, die „galerie-auf-Zeit“ BS und die Initiative Jazz-BS verdarben nicht den Brei, im Gegenteil: ein begeistertes Publikum klatschte nach Mehr.

Klaus Gohlke