Kritik zu „Wanja Slavin Lotus Eaters“

Odysseus lässt grüßen

Die Wanja Slavin Lotus Eaters erzeugen musikalische Energieströme

Man vergisst die Heimkehr, isst man vom Lotus, dem süßen. Das sagt uns Odysseus, listreich und ruhlos. Und es braucht Gewalt, wieder zurück zu finden. Weg von der Droge, zurück zu der Heimat.
Die Wanja Slavin Lotus Eaters waren am Freitagabend zu Gast im Lindenhof zu Braunschweig. Eine drogenumnebelte Modern-Jazz-Kapelle?
Der Eindruck stellte sich höchstens dem ein, der Jazzmusik ohnehin als abnorme musikalische Äußerung betrachtet. Schon auf den ersten Blick musste auffallen, dass die Musiker sich höchst organisiert-rational verhielten. Man hatte Notenblätter vor sich liegen, man zählte richtig an. Man kommunizierte während des Spielens nonverbal. Alles hatte einen Anfang und ein Ende.
Gleichwohl war das Konzert getragen von einem hohen musikalisch-emotionalen Energiestrom, den aufzubauen und zu regulieren, Ziel allen Spielens war. Insofern hat der Chef der Gruppe, der Altsaxofonist Wanja Slavin, schon Recht, wenn er im Gespräch sagte, dass die Kompositionen doch recht einfach seien. Mit einem Augenzwinkern freilich. Einfach insofern, als die Konstruktionsprinzipien der Stücke gut erkennbar wurden. Es waren gewissermaßen Module, die auf unterschiedliche Weise gekoppelt wurden. Eine einfache Tonfolge, vom Saxofonisten vorgegeben, wird vom Pianisten Rainer Böhm aufgegriffen und in Akkordfolgen übersetzt, Bass und Schlagzeug geben ordentlich Druck hinein und auf dieser Plattform beginnt ein rasendes Sax-Solo. Dem folgt eine heftige Abkühlungsphase, in deren Zentrum eine ausdrucksstarke Bassimprovisation von Andreas Lang steht. Dann wieder ein Powerschub durchs Piano, unterstützt oder durchbrochen von Schlagzeugsalven des Drummers Tobias Backhaus.
Genauso gut konnte das Schlagzeug das Intro liefern: feinziselig-esoterische Geräuscherzeugung mit Glöckchen, Zimbeln, Beckenkuppen, Fellschrapen, was dann in einen straffen Rhythmus überführt wurde. Auf der Basis entwickelte sich ein immer stärker werdender Tonstrom, der in eine Art wilden freien Improvisierens überleitete, aus dem immer wieder ein Instrument sich emporschwang. Ja: Lotus ließ grüßen!
So war es nur folgerichtig, dass die Titel der Stücke beliebig waren: Hippie1 und 2, Ohne Titel, Rock. Es ging ja nicht um Melodieentwicklung oder Harmoniegesetze. Nur einmal, fast am Ende des Konzertes, fühlte man sich urplötzlich um Jahre zurückversetzt, als die Lotus Eaters die Ellington Nummer „Isfahan“ spielten. Ein freundlich-ironischer Gruß aus dem „Damals war’s!“ der Melodieverliebtheit.
Ein tolles Publikum, sagte Slavin später. Stimmt. Es folgte dem Konzert mit hoher Anspannung und erkannte, bei nur geringem Drogeneinsatz, die Umsetzung von Emotionen in komplexe musikalische Sprache.

Klaus Gohlke

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