Kritik zu „Stephan-Max Wirth „Experience“ Quartett“

Jazz mit politischen Hintergedanken

Stephan-Max Wirths „Experience“ spielt im ausverkauften Braunschweiger Lindenhof Jazz mit politischen Hintergedanken

„Calling Europe!“ Ein Ruf nach dem und ein Aufruf für den europäischen Gedanken. Darum geht es dem Berliner Jazzer Stephan-Max Wirth und seinen drei niederländischen Mitstreitern mit ihrem neuen Album, das sie am Freitagabend in Braunschweig erstmals vorstellten. Ein Konzeptalbum also, dessen Stücke in einem thematischen Zusammenhang stehen? „Jein!“, sagt Wirth auf Nachfrage. „Es geht schon um ein Statement gegen Brexit, Geert Wilders, Marine Le Pen und diesen Spuk. Aber unsere Musik, die ja rein instrumental ist, liefert da keine unmittelbar politischen Botschaften!“

Womit er völlig Recht hat. Es gibt ja keine Texte, die sagen, was zu denken ist. Wie es beispielsweise bei Max Roachs „We insist! Freedom Now Suite!“ der Fall war. Dieser furiosen Attacke gegen den Rassismus in den USA. Nein! Der politische Bezug wird bei „Calling Europe!“ nur über Wirths Song-Erläuterungen während des Konzertes hergestellt.

Nehmen wir als Beispiel „Solitude“. Eine schöne melancholische Melodie durchzieht das Stück. Wirth spricht einleitend vom Gefühl des Ausgeschlossen-Seins als Pro-Europäer in der gegenwärtigen Situation. Was er nicht sagt (aber sicherlich genau weiß) und was ganz andere Interpretationsräume schafft, das sind die Jazzkontexte. Nämlich Billie Holidays gleichnamiges Album und die gleichnamige Komposition Duke Ellingtons.

Eine zutiefst melancholische Stimmung prägt das Stück. Jaap Berends kreiert mit seinem Gitarrenspiel unter Verwendung von Hall-, Echo- und Delay-Effekten weite Räume. Stephan-Max Wirth durchbricht das dann mit rasanten Sopran-Saxofon-Läufen. So unterschiedliche Gefühlswelten andeutend. Aber – es könnte, völlig losgelöst von Europa, einfach nur das Gefühl der Einsamkeit in seinen Nuancen ausdrücken.

Das ist wohl gerade die Stärke dieser Musik: offen zu sein für verschiedenste Interpretationen, nicht zu indoktrinieren, kein Agit-Prop. Dafür herzerwärmend-melodische und zugleich witzige Kompositionen wie „Canon“. Ein echter Kanon, der in seiner durchaus vertrackten Abfolge schön zu verfolgen war. Aber eben auch als Abbild der verschiedenen, letztlich doch zusammen gehörenden Stimmen Europas verstanden werden konnte.

Highlight des Abends war zweifellos „Zoom“, das die Band in Topform zeigte. Hochgeschwindigkeits-Unisono-Passagen von Gitarre und Saxofon gingen über in wahrlich
rasante Dialoge zwischen verzerrter Wah-Wah-Gitarre und einem unglaublich speedigen Bub Boelens am Bass. Und das ging auch so zwischen Gitarre und Florian Hoefnagels am Schlagzeug, der ohnehin mit der stark rhythmisch orientierten Musik oft im Zentrum des Geschehens stand.

Ein ausverkauftes Haus mit einem begeisterten Publikum, auch wenn es des Öfteren kräftig zur Sache ging.

Klaus Gohlke