Kritik zu „SNOW OWL TRIO – THE ART OF CONTRABASS GUITAR“

Hochfliegende Schneeeulen

Bassisten haben es nicht immer einfach. Schon rein optisch ist das mitunter bemerkbar. Man denke nur an den armen alten Bill Wyman von den Rolling Stones. Immer stand er am Rande, eher hinten, fast im Halbdunkel. Auch im Jazz ist das Bassisten-Leben hart. Schon das Instrument: unförmig und flugzeuguntauglich. Nur vier Saiten sind zu bespielen! Dann aber die grundsätzlichen Einwände: der Bass bestimme zu sehr das tonale Zentrum. Konsequenz: Verbannung und Ersetzung z.B. durch die Bassklarinette. Oder, wenn es ums Klaviertrio geht: Der Bass sei nicht so durchsetzungsfähig gegenüber dem Melodie- und Akkordinstrument Klavier. Auch hier: Verbannung.
Der kolumbianische Bassist Juan Gárcia-Herreroes, a.k.a. Snowowl, wählte einen eigenen Weg, diesen Problemen aus dem Weg zu gehen. Er legte sich einen sechssaitigen Bass zu, um so den Tonumfang gehörig zu erweitern. Mit seinem Snow Owl Trio präsentierte er am Freitagabend in den Räumen der Landessparkasse Braunschweig „The Art of Contrabass Guitar“. Es war übrigens das 20. Konzert, das die Initiative Jazz-BS und die Landessparkasse zusammen veranstalteten.
Um es vorab zu sagen: Das Konzert hätte mehr Zuhörer verdient, denn was die Musiker präsentierten, war schon vom Feinsten. Solo-Partiten, durchaus J.S. Bach-affin, satte Samba- Grooves, Blues-Variationen, offene Kompositionen.
Was man befürchten konnte, dass der Bass in seiner dominanten Rolle die Mitspieler zu bloßen Randfiguren degradieren werde, trat nicht ein. Der ebenfalls aus Kolumbien stammende Pianist, Hector Martignon, hatte genug Gelegenheit sich auszuzeichnen. Mal ganze Tonkaskaden dem Klavier entlockend, mal scharf reduziert die musikalische Substanz einer Komposition freilegend, war es vor allem aber seine rechte Hand, die in den hohen Lagen seines Instruments messerscharfe Akzente setzte. Das inspirierte ein ums andere Mal den jungen österreichischen Schlagzeuger, Valentin Schuster. Verblüffend, wie seine raffinierte Rhythmik sich Freiheiten herausnehmen konnte, ohne den Beat zu verleugnen. So gelang es dem Trio, mit einem Geflecht komplexer Harmonien und deutlicher Riffs ein musikalisches Fundament zu legen, das der Freiheit des modernen Jazz eine stimmige Form gab.
Natürlich könnte die dominante Rolle den Bassisten dazu verleiten, mitunter mehr Töne zu spielen, als nötig sind. Gárcia-Herreroes verzichtete aber weitestgehend auf l’art pour l’art-Ornamente. Gerade in den besinnlicheren Stücken („Goodnight resurrection“), bewies er eine sehr diszipliniert lyrische Spielweise.
Dass er es auch richtig krachen lassen kann, zeigte er mit dem „Blues für Krampus“. Ein Feuerwerk aller Bass-Spieltechniken und der gezielte Einsatz elektronischer Verfremdungen ließen ein lebendiges Bild jenes alpenländischen Knecht Rupprecht entstehen. Und für die Bassfreaks, die Sehnsucht nach dem satten Tiefton-Spiel hatten, griff der Kolumbianer in „Second choice“ auch mal zum traditionellen Viersaiter.
Ein schöner Jahresabschluss, der gespannt sein lässt auf das nächste Konzert Ende Januar 2011.

Klaus Gohlke