Kritik zu „Rita Marcotulli European Leaders“

Besser geht nicht

Rita Marcotullis „European Leaders“ zelebrierten zeitgenössischen Jazz im LOT-Theater zu Braunschweig

Gehört sich das? Ein Weihnachtsgeschenk vor der Bescherung am Heiligen Abend zu bestaunen und zu genießen? Nein, natürlich nicht. Aber keine Regel ohne Ausnahme, es gibt Zwangslagen, da geht es eben nicht anders. Man kann natürlich auch einfach sagen, dass das Geschenk mit Weihnachten nichts zu tun habe. Dann wäre man aus dem Schneider, dem sprichwörtlichen. Aber – so einfach wollen wir uns das nicht machen.
Was Rita Marcutulli und ihre Mitstreiter am Freitagabend dem Publikum im ausverkauften Haus boten, war europäischer Jazz auf höchstem Niveau. Von der ersten bis zur letzten Sekunde durchlebte man die musikalische Spannbreite von inniger Intimität und heftiger Offenheit, von enormer Dichte und lockerer Entspannung, von harter Abstraktion und ungebrochener Melodik, von formaler Disziplin und völliger Losgelöstheit, von Tonalität und deren Aufhebung.
Fünf Spitzenmusiker, aber keine angestrengte Leistungsschau. Die Stücke entwickelten sich vielmehr gewissermaßen in Kleist‘scher Manier als allmähliche Verfertigung der Komposition beim Spielen. Natürlich weiß jeder, dass das im Konzert – Improvisation hin oder her – nicht der Fall ist. Wenn aber im Intro aus wabernden, ungerichteten Klängen Marilyn Mazur auf den Trommeln dem Ganzen plötzlich eine klare rhythmische Struktur unterlegt, der Rita Marcotulli am Piano und Synthesizer dann eine fein perlende Melodie hinzufügt, dann hat man als Zuhörer den Eindruck, bei einem musikalischen Schöpfungsvorgang zugegen zu sein.
Überhaupt hat die Musik oft einen stark bildhaften Charakter. Wenn Anders Jormin im Solo von „La Strada invisibile“ seinem Bass in tiefster Ruhe lange schwebende, elektronisch verfremdete Klänge entlockt, entstehen Bilder im Kopf, die nicht genau zu verorten sind. Stehe ich am Nordkap und höre die Seevögel segelnd rufen oder sind das meditative Töne, die aus Arabien stammen oder aber aus Asien? Elemente eines Tanzes in „Hen Ho“, an der Gitarre kraftvoll eingeleitet von Nguyen Lê, ein Mann der alle Spieltechniken und die dazu passenden elektronischen Bearbeitungen stupend beherrscht. Dann wird man in „Simple“ von der Percussions-Schamanin Marilyn Mazur nach Indien entführt, wunderbar unterstützt von wahren Tonkaskaden des Saxophonisten Andy Sheppard. Verblüffend immer wieder die melodischen Ostinati von Kontrabass und Klavier oder aber von Sopransaxophon und Gitarre. Hier muss keiner dem anderen etwas beweisen, alles fließt.
Doch, das war schon ein Weihnachtsgeschenk, dass die Initiative Jazz-Braunschweig den Jazzfreunden der Region vorzeitig gemacht hat. Das muss auch der Redakteur von „Deutschland Kultur“ geahnt haben. Das Konzert wurde komplett aufgezeichnet und wird am 2. Januar 2013 um 20.03 Uhr gesendet.

Klaus Gohlke

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