Kritik zu „Renaud Garcia-Fons – Linea del Sur“

Die andere Rezension*
Das Renaud García-Fons – Quartett spielt im LOT-Theater zu Braunschweig.

„Meine Musik ist nicht politisch. Es gibt keine Botschaften, nein. Sie soll die Menschen erfreuen, für ein paar Stunden aus allem heraus reißen!“, so der französische Ausnahme-Bassist mit spanischen Wurzeln Renaud Garcia-Fons am Samstagabend in einem Gespräch nach seinem Konzert im Braunschweiger LOT-Theater.
Ja, was sollte auch politisch sein an „La Linea del Sur“ – der Straße des Südens? Ein hochkomplexes Gebräu aus vielerlei Musikstilen: Flamenco, maghrebinische Klänge, lateinamerikanische Rhythmen, europäische Folklore, französische Musette Neuve, unterschwellig Jazz, und ist da nicht auch vertrackter Balkanrhythmus zu hören? Kann man das überhaupt sauber voneinander trennen?

Oder: nehmen wir García-Fonds Bass-Solo-Intro: Zunächst arabische Klänge: als sänge der Muezzin vom Minarett. Diese charakteristische lineare Einstimmigkeit und die ganz eigene Intervallstruktur, dazu eine starke Rhythmisierung. Dann plötzlich ein Bruch. Waren das nicht Zitate aus J.S. Bachs Präludium des 1. Cello-Konzerts sein? Schon wieder ein Wechsel: Garcia-Fons spielt Rasgueado-Attacken des Flamenco aus seinem Fünfsaiter. Welche Griff- und Anschlagstechnik! Egal, ob der Mann seinen Bass con arco, pizzicato oder spiccato spielt – alles hat Sinn und Verstand, und man sagt zu Recht, dass er einer der besten Bassspieler der Welt sei.

„Das sind z.B. Straßen von Spanien über den Iran nach Buenos Aires. Das sind natürlich gedachte Straßen. Das sind musikalische Straßen, ein Traumland, das in einer Vielzahl musikalischer Wurzeln begründet ist, von einer Liebe für Lieder, Melodien, die aus den Tiefen der Seele aufsteigen.“

Und so hört man z.B. vom Akkordeonisten David Venitucci in der Reminiszenz an den Marseiller Bahnhof Saint Charles Melodien, die sofort nach Frankreich versetzen. Zart, dann kraftvoll, schließlich rhythmisch den Boden bereitend für den singenden Bass. Walzer werden durchsetzt mit nordafrikanischen Rhythmen, die Perkussionist Pascal Rollando mit relativ wenig Equipment nicht nur in den Soloparts eindrucksvoll dynamisch differenziert ausbreitet. Und dann noch die Flamenco-Griff- und Anschlagsakrobatik eines Kiko Ruiz an der Gitarre. Eindrucksvoll die rasend schnellen, rhythmisch verzwickten Unisono-Läufe der Band, die so hervorragend eingespielt ist, dass nicht einmal schriftlich Notiertes gebraucht wurde.

Ja, da war schon viel Spielfreude, –witz und-Erfahrung zu erkennen, etwa wenn in „Nada“ die Dämonie eines Riffs bis zum letzten ausgekostet wurde. Ein sicherer Aufbau der Stücke auch: oft eine kurze melodische Grundlegung durch den Bass, dann eine Art Vergewisserung der rhythmischen Basis aller Musiker, gefolgt von Mono- und Dialogen der Instrumente.

Was also sollte da denn politisch sein? Die Frage war trotz alledem berechtigt, denn Garcia-Fons gab an, dass er zu dieser „Linea“ inspiriert worden sei durch Fotos des spanischen Fotografen Javier Arcenillas. Und wer die Bilder dieses preisüberhäuften Fotografen kennt, bekommt Schwierigkeiten unpolitisch zu denken. Es sind Bilder, die selbst im Netz oftmals eingeschwärzt sind, weil so brutal real. Den Mann treibt ein humanitäres Anliegen, die Wahrung der Menschenwürde.
García-Fons wehrt im Gespräch ab. Er wolle eine andere Welt zeigen, wisse eigentlich auch nicht so recht vom „schlimmen Realismus“ seines Foto-Kollegen.

Die Musik spricht freilich eine andere Sprache. Es ist ja nicht eine fröhliche Touri-Stimmung, die da aufgebaut wird. Es ist eben nicht so, wie Tobias Littert in Laut.de rezensiert, dass „unweigerlich (…) der Hörer die Sonne auf seiner Haut [spürt] – (…) den herrlichen Geruch des Meeres [atmet].“ Ja natürlich, es gibt die schönen Melodien in den Kompositionen. Kraft, Stolz, Mut schwingen mit, aber vor allem und unüberhörbar eine tiefe Melancholie.

García-Fons hat Arcenillas‘ Bilder zweifelsohne genau betrachtet, sie werden ihn tief im Inneren berührt haben, wie er auch selbst bestätigt. Die eigene Geschichte mit ihren vielfältigen Verquickungen rückte ins Blickfeld und ließ ihn eine tiefsinnige, gleichwohl vergnügliche Musik schreiben. Selbstverständlich: kein Agit-Prop.

Der Mittelmeer-Raum, den Spanien einst so dominierte – ist er jetzt nicht einer der politisch brisantesten Regionen? Insofern die Musik hier auf ihre indirekte Weise anspielt, ist sie eben auch politisch. Wenn ein Stück „El Aqua De La Vida“ heißt, ist das denn nur der Wunsch nach sauberem Wasser oder nicht auch ein dezenter Hinweis darauf, dass das Mittelmeerwasser sich dank Frontex ganz anders darbietet?

Was immer man in der Musik an Bedeutungsebenen finden mag, sie beeindruckte alle im ausverkauften Haus. Drei Zugaben trotzte ein im Vergleich zu anderen Jazzkonzerten wesentlich jüngeres Publikum den Musikern ab. Jazz-BS hatte ein glückliches Händchen.

Klaus Gohlke

*) Es gibt zwei Rezensionen. Die eine ist die, die ich für die Braunschweiger Zeitung schrieb. Sie unterliegt den Presse-Regeln.
Daneben gibt es eben die andere Rezension, eine freiere Fassung mit auch anderen Schwerpunktsetzungen.