Kritik zu „Rémi Panossian Trio feat. Nicole Johänntgen & Nicolas Gardel“

Es gibt Wichtigeres als die reine Lehre
Alternativ: Liebe auf den ersten Ton
Dem Rémi-Panossian-Trio fliegen die Herzen der Jazzfreunde zu

Ein Dejà vu? Ja und nein. Schon einmal, vor ziemlich genau einem Jahr spielte das Rémi-Panossian-Trio im Braunschweiger Lindenhof modernen Jazz. Auch diesmal wieder um zwei Bläser verstärkt: einem Trompeter, diesmal neu: Nicolas Gardel, und einer Sopran- und Tenorsaxofonistin, wie damals Nicole Johänntgen. Wiederum völlig ausverkauft, Liebe auf den ersten Ton oder so.

Was ist es, was die Braunschweiger Jazzfreunde so fasziniert? Na klar, das erstklassige Pianotrio. Das allein hätte schon einen guten Jazzabend geliefert. Zum Beispiel „Shikiori“: Ein Lehrstück im Umgang mit der Tonstärke. Eben Explosivität, dann in Sekundenschnelle ein Runterfahren auf Pianissimo. Komplexe Rhythmen, perfektes Zusammenspiel, elegant zwischen den Polen größtmöglicher Nähe und Vereinzelung sich bewegend. Rémi Panossians Pianoarbeit: selbstvergessenes Abtauchen in ostinate Klangfiguren mit der linken Hand, die rechtshändig von minimalen Verschiebungen unterlaufen werden. Leichtfingrige Bassbegleitung von Maxime Delporte, die aber so heftig werden kann, dass der Saalboden zum Resonanzkörper wird. Und am Schlagzeug Frédéric Petitprez, mal brutal grade den Rhythmus hackend, später mit dem Geigenbogen das Schlagwerk streichelnd.

Wozu dann die Bläser? Andere Klangfarben natürlich. Aber vor allem eine Art Antriebsaggregat aufgrund der enormen Spielfreude. Und man tut sicherlich niemandem Unrecht, wenn man Nicole Johänntgen als den Turbo der Band bezeichnet. Sehr extrovertiert, emotional, publikumszugewandt, gewann sie wiederum die Ohren und Herzen der Jazzfreunde. Wann hat man schon ein Jazzkonzert erlebt, bei dem Anfeuerungsrufe, Kommentare und heftigere Körperreaktionen während des gesamten Konzerts zu erleben waren?

Gut, dem Puristen mögen manche Stücke harmonisch unterkomplex erschienen sein. Auch zu Melodisches ruft Abwehrreflexe hervor. Die alte Frage: Ist das nicht Kitsch? Wie zur Beruhigung spielte man aber zwei Klassiker. „Byebye Blackbird“ und „In a sentimental mood“. Standards, ja, aber State of the Art!

Es war ein Powerplay, bei dem man sich mitunter wünschte, dass das Miles-Davis-Diktum, weniger Töne seien viel mehr, Beachtung gefunden hätte. Aber, die Leute sind noch jung und bestimmt wird alles gut.

„Wenn ihr diese Truppe wieder hier her bringt, dann sind wir Sponsor!“, so die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz zu den Organisatoren der Initiative Jazz-BS vor einem Jahr. Ein anderer Gönner überwies 1000 Euro. Wunderbar. Viel wichtiger als die reine Le(e)(h)re.

Klaus Gohlke