Kritik zu „Rémi Panossian Trio feat. Frederik Köster & Nicole Johänntgen“

Tolles Gebläse oder Hier spielt die Musik

Das Rémi Panossian Trio spielt mit Nicole Johänntgen und Frederik Köster zeitgenössischen Jazz

Das Konzert ausverkauft. Warum eigentlich? Ein mäßig erfrischender Beginn. Das Rémi Panossian Trio aus Frankreich schien nicht mehr als ein derzeit weit verbreitetes Klaviertrio abgeben zu wollen. Eine nette geradtaktige Tonfolge des Chefs am Piano, Maxime Delporte am Bass unterstützt die Grundtöne, liefert auch mal eine nette Überleitung, Schlagzeuger Frédéric Petitprez raschelt und klappert an seinen Geräten. Durchaus gefällige Melodien – aber zu wenig, um abzulenken vom nasskalten Braunschweiger Februarabend.

Dann aber das Unerwartete! Das Trio erweitert sich um die Saxofonistin Nicole Johänntgen und den Trompeter Frederik Köster. Man könnte das fast eine Reveille nennen, was die beiden da urplötzlich zu Beginn der Komposition „Flying leaves“ loslassen. Gefolgt von völlig verschliffenen Altsax-Tönen und schier überbordenden Tonkaskaden Kösters, die in fehlerlos-komplexe Unisono-Passagen der beiden Bläser übergehen.

Der Zaubertrank des Miraculix für das Klaviertrio! Mal das solide Fundament für die Ausflüge der Solisten, dann aber sich emanzipierend, liefert es einen mühelosen Stilmix, ohne sich dabei im nebulösen Crossover zu verlieren.

Auffällig war zum einen, dass die jungen Jazzer keinerlei Scheu hatten, sich Melodien hinzugeben und auch den Wohlklang mitunter direkt zu suchen. Und das weiß auch das Publikum zu schätzen. Jazz als reiner Geist ist nicht sehr angesagt – lieber mehr „Body and Soul“.

Die andere Auffälligkeit ist der unverkrampfte Umgang mit musikalischen Genres. Mal Blues-Uptempo, elegante Swingpassagen, dann ruppiger Punk-Jazz. An New-Orleans- Marching-Bands erinnernde Elemente, eine Prise Hardbop. Und dann Panossian in einem bewegenden Piano-Solo-Part, der – wunderbar rhythmisiert – an Keith Jarretts Lausanne-Solo zu erinnern vermochte. Beeindruckend Kösters sich der Mehrstimmigkeit bedienenden Trompetenspiels. Albert Mangelsdorf machte die Gleichzeitigkeit von Anblasen und Singen mit der Posaune bekannt. Auf der Trompete noch etwas schwieriger, weil hier in höhere Tonlagen gegangen werden muss.

All das locker miteinander verknüpft, technisch brillant vorgetragen und sehr publikumszugewandt kommentiert. Das I-Tüpfelchen dann noch, dass man Humor bewies. Rückgriffe auf Edelsüß-Poppiges wurden so inbrünstig vorgetragen, dass platte Einfühlung nicht möglich wurde, gleichwohl aber der Wohlklang im Ohr blieb.

Warum immer der krampfhafte Blick über den großen Teich, wenn es um Jazz geht? Hier spielte die Musik aufs Schönste. Das Konzert ausverkauft! Völlig klar! Absolut kompetentes und begeistertes Publikum.

Klaus Gohlke