Kritik zu „Peter Brötzmann und Wolfgang Schmidtke“

Zwischen Zähneknirschen und Freude

Die Free-Jazzer Peter Brötzmann und Wolfgang Schmidtke überzeugten ihre Fans

Ziemlich viel Blech und etwas Holz, gebogen und gerade, lag da vor und auf der Bühne für zwei Herren herum, die von Haus aus Holzbläser sind. Saxofone und Klarinetten. Es gab ja den berühmten Rasan Roland Kirk, der gelegentlich zwei Instrumente auf einmal spielte. Aber dafür sind die beiden Akteure des Abends, Peter Brötzmann und Wolfgang Schmidtke, nicht bekannt. Der Braunschweiger Galerist Hans Gerd Hahn hat ein Faible für frei improvisierte Musik und lud ein zum Konzert im Braunschweiger Lindenhof. Wer dort hin kam, wusste, was er tat. Es waren knapp siebzig Gäste, besser Überzeugungstäter. Denn Brötzmanns Musik gilt als frei. Was bedeutete, die ganzen Gesetzmäßigkeiten der Jazzmusik kaputtzuhauen, wie er es im Gespräch drastisch formulierte.Nur wenigen gefiel das damals.

Und vom französischen Kritiker Alain Gerber ist, was Free Jazz betrifft, das Zitat überliefert: „Ich war zerrissen, ausgelaugt, es ging mir schlecht, ich hatte Lust mit den Zähnen zu knirschen. Aber zu gleicher Zeit überkam mich eine ungeheure Freude!“ Freude und Spaß wünschte Galerist Hahn den Zuhörern.

Mit einer Art Urschrei eröffnete Brötzmann auf dem Altsax das Konzert. Es folgten sich immer wiederholende Tonfolgen, ungeheuer kraftvoll, minimal variiert. Durchdringend in den Höhen. Schmidtke am Tenorsax stimmte ein, hatte dann aber anderes vor. Er spielte große Intervallsprünge, wobei ein intensiver Tiefton einen scharfen Kontrast zu Brötzmanns Höhenschreien bildete. Hin und wieder tonale und rhythmische Übereinstimmungen. Aber dann wieder expressive Ausbrüche, die einem externen Hörer wie das Aufschreien von gepeinigten Tieren vorkommen konnte. Schmidtke reagiert musikaisch eher gleichmütig. Intensive Kommunikation sei die Essenz der Zusammenspiels im Jazz, sagte Bötzmann. Was für eine Form von Kommunikation ist das?
Die Improvisationen sind zwischen zehn und zwanzig Minuten lang. Physisch, aber auch von der musikalischen Konzentration her eine beachtliche Leistung, immerhin istl Brötzmann schon 75 Jahre alt ist. Aber er ließ nicht locker. Das Zwiegetön der Tenorsaxofone an anderer Stelle schien dem Gesetz „Immer mehr Töne – immer schneller – immer lauter“ zu folgen. Ist es nicht so etwas wie Thrash-Jazz, was vor allem Brötzmann zelebriert? Er nannte sich ja auch schon mal Prä-Punk.

Wenn man das Ganze auf den Punkt bringen will, kann man sagen, dass das Konzert in Sachen Dynamik keine Abstufungen zeigte, es war nur Ausbruch. Dabei übernahm Schmidtke eine eher traditionelle Rolle. Mitunter meinte man bei ihm Bebop-Phrasen zu hören, Tonleiter-Repetitionen, Melodie-Elemente, also Rückgriffe auf musikalische Modelle, die Brötzmann dann in Schutt und Asche legte. Er setzte Sounds, Klangflächen dagegen, spielte eher modal.
Das Ohr, das in der Regel nach Haltepunkten sucht, nach musikalischen Mustern, hatte da schwer zu tun, war mitunter hilflos. Und: Ein Free-Konzept ist auf die Dauer auch gleichförmig.
Trotzdem: Begeisterung und die erforderliche Zugabe.

Klaus Gohlke

» zum Konzert