Kritik zu „Pablo Held Trio“

Fürwahr erstaunlich

Ach, man mag es schon gar nicht mehr hören, dieses Gerede von musikalischen Wunderkindern, Ausnahmetalenten, Stars – Super oder Mega. Das belastet Zuhörer wie Bezeichnete gleichermaßen. Man erwartet das Unerhörte, was leicht zu Enttäuschungen führen kann. Am Freitagabend präsentierte sich der „Senkrechtstarter“ Pablo Held – so die Ankündigung – mit seinem Trio dem erstaunlich zahlreich erschienenen Braunschweiger Jazzpublikum im Lindenhof. Mit dabei als besonderer Gast der Tenorsaxofonist Sebastian Gille aus Hamburg.
In der Pause Irritation pur bei einem Jazz-Experten. „Sag mal, was spielen die da eigentlich? Das ist ja irgendwie unglaublich!“ Ja, was spielten diese jungen Männer, Pablo Held 23 Jahre alt, der Rest um die 28? Zwei Sets en bloc ohne eine Titelansage, denn – so Held erläuternd – man spiele nunmehr drei Jahre zusammen und wolle keine festen Arrangements mehr. Gewissermaßen ein freies Zusammenspiel, bei dem ein Stück ins andere übergeht, wenn es denn richtige Stücke gäbe. Aber nicht etwa Free Jazz, versteht sich. Held war zweifelsfrei der Organisator des Zusammenspiels. Er lieferte seinen Mitspielern Ideen zu rhythmischen Mustern, Riffs, Skalen, Harmonien, formalen Abläufen, Klangschichten. Was aber nur funktionieren kann, wenn die Mitspieler diese Ideen aufzugreifen imstande sind. Und seine Krönung findet, wenn die anderen Musiker selbst auch Impulse zu geben in der Lage sind.
Das war beides auf eindrucksvolle und überzeugende Weise der Fall. Was Robert Landfermann am Bass, gestrichen oder gezupft, locker elegant entfaltete, war beeindruckend. Nicht minder die Arbeit des Schlagzeugers Jonas Burgwinkel und der Einsatz des Tenorsaxofonisten Gille.
Frappierend war zum einen die Grundidee zur Gestaltung des Konzerts. Das Intro zu Beginn des Konzertes tauchte am Ende als Schlussteil wieder auf. Eine runde Sache also. Dann das Durchbrechen eines gewichtigen Jazz-Konzert-Stereotyps: Thema – Solo – Thema – Solo, und das bei vier Musikern schlimmstenfalls viermal pro Stück. Nein, hier setzte jeder Spieler während des gemeinsamen Spieles seine ganz individuellen Akzente, etwa im Sinne Brubecks: Freiheit des Individuums ohne Verlust des Zusammengehörigkeitsgefühls.
Und so entwickelte sich aus einem in der Regel vom Pianisten skizzierten harmonischen Grundmuster ein sich bis zum Crescendo steigerndes Zusammenspiel, das dann wieder nach und nach in ruhigerem, mitunter fast romantischem Fahrwasser abebbte.
Freilich, Freunde des eher an der Tonalität, am Liedhaften, an der Melodie orientierten Jazz, waren da wohl überrascht, aber sicherlich nicht enttäuscht. Außerordentlich spannend war es nämlich zu hören, wie sich der Gastsaxofonist Sebastian Gille in diese Akkordverschiebungen einzufinden versuchte, um sich dann, unterstützt und angetrieben durch Bass und Schlagzeug, zu improvisatorischen Höhenflügen aufzuschwingen. Faszinierend, was Jonas Burgwinkel am Schlagzeug an rhythmischer Variabilität und Sound-Vielfalt vorführte, wobei die Einbeziehung von Perkussionsinstrumenten die Skala der Klangfarben enorm erweiterte. Und Bassist Robert Landfermann war beileibe nicht der stille Begleiter im Hintergrund, vielmehr legte er oft neue melodische Linien über gegebene Harmonien.
Sicherlich: Held wird auch bei dieser arrangementfreieren Gestaltung des Konzertes darauf achten müssen, dass daraus nicht wieder ein Schematismus erwächst und sicherlich weiß er auch, dass das nur funktioniert, wenn man eine derart gute Rhythmus-Sektion hinter sich hat. Zur Frage „Senkrechtstarter“ – das Thema erübrigte sich angesichts des souveränen Auftretens dieser vier jungen Musiker. Von ihnen wird man sicherlich noch einiges hören.

Klaus Gohlke