Kritik zu „Pablo-Held-Trio“

Ohne Netz und doppelten Boden

Das Pablo-Held-Trio brilliert mit zeitgenössischem Jazz

Ist es wie Schwimmen im offenen Meer oder Wandern im Gebirg? Wie soll man es umschreiben: das Hören der Musik eines der angesagtesten deutschen Piano-Trios? War es Jazz oder nicht stellenweise Neue Musik, was das Pablo-Held-Trio am Freitagabend im Theatersaal des Lindenhofes in Braunschweig zu Gehör brachte?

Dabei fing es so locker an mit Pablos Helds Begrüßung des sehr zahlreich erschienen Publikums. Man verzichte seit geraumer Zeit schon auf jegliche Absprache vor und während des Konzertes. Irgendwie finge es an, ginge es weiter – oder auch nicht. „Wir haben alle, Sie als Zuhörer, wir als Musiker den gleichen Ausgangspunkt!“ Das mochte beruhigen oder aber überhaupt nicht. Je nach Abenteuerlust.

Und so entwarf Robert Landfermann am Kontrabass eine lockere Tonfolge, die Jonas Burgwinkel am Schlagzeug kommentierte. Zögerlich, rhythmisch erst nach und nach übereinstimmend. Der Pianist sitzt da; die Augen geschlossen, so den Klängen und Akzenten eine Struktur ablauschend. Der Bass nimmt an Fahrt auf, das Schlagzeug folgt dem, verdoppelt das Tempo, fällt zurück, verteilt die Akzente variabel und überrascht mit stetiger Soundveränderung.

Plötzlich Pianotupfer, die den Bass verstummen lassen. Ein Wohlklangteppich wird skizziert. Der Bassist nimmt die Harmonien auf, Unisono-Partien entstehen sogar. Und indem Burgwinkel plötzlich ordentlich Dampf an den Drums macht, fängt das Ganze an zu grooven. Phänomenal! Das geht nur, wenn man schon sehr lange miteinander spielt. Zehn Jahre hat das Trio schon auf dem Buckel, eine erstaunlich feste musikalische Beziehung.

Aber – warum haben die Musiker Noten vor sich liegen? So frei ist das wohl doch nicht? Und wenn Held plötzlich sehr kraftvoll mehrfach einen Akkord anschlägt und die Musik eine ganz andere Fahrrichtung aufnimmt, dann wird doch gesteuert – oder? Es gibt eine Art Tiefenstruktur. Muss ja auch, wird hier doch nicht Hardcore-Freejazz zelebriert.

So wechseln Passagen, die tonal sehr abstrakt sind, mit jenen, die Rückgriffe auf Traditionen offenbaren. Klassischer Walking Bass, brutaler Punkbeat an den Drums. Akkorde, die erweitert und reduziert werden. Ein beständiger Entwurf von Erwartungen, die nahezu gesetzmäßig über den Haufen geworfen werden.

Faszinierend, wie die Musiker zwei Sets von mehr als einer halben Stunde Dauer ohne Pause entwickelten. Andererseits für den Zuhörer, der statt dieser Art der offenen Improvisation lieber Haltepunkte im Melodischen sich gewünscht hätte, durchaus eine Anstrengung. Jedoch: war Jazz nicht schon stets provozierend, Hörgewohnheiten in Frage stellend?

Lang anhaltender Beifall, die obligate Zugabe, aber auch einige Knitterfalten in der Stirn. Genau so soll es sein.

Klaus Gohlke

» zum Konzert