Kritik zu „Monty Alexander“

Ein gemeiner Pianist? Unveröffentlicht

Monty Alexander brennt ein musikalisches Feuerwerk ab

Da sitzt er, Monty Alexander, der große, kleine, nunmehr 67jährige amerikanische Pianist aus Jamaica. Am Freitagabend in der im Umbau befindlichen Halle der Landesparkasse Braunschweig in der Dankwardstraße. Sitzt an seinem Instrument, schlägt mit der Hand Zwischentakte in die Luft, rückt auf seinem Klavierschemel näher an die rechte Seite des Flügels. Als suchte er hier noch Näheres zu entdecken, als müsste er sich auch rein räumlich näher orientieren. Spitzt, man müsste sagen: pizzicatoartig, nur eben nicht gezupft, sondern gestochen, höchste Einzeltöne heraus, um dann wiederum in gehämmerte flächige Akkordblöcke und schließlich einem Tremolo in den untersten Tonlagen des Instruments sich auszubreiten, so alle Klangmöglichkeiten, alle dynamischen Abstufungen eines Songs heraus lockend. Grummelt das Piano oder das Schlagzeug oder der Bass?
Er dirigiert seine Mitspieler, den niederländischen Schlagzeuger Frits Landesbergen und Lorin Cohen, Akustik-Bassist aus den USA. . Und hindurch geht es durch alle möglichen Jazz-Stilarten. Mal Calypso, mal Blues, mal Swing, mal europäische Melodik, dann wiederum Bossanova-, Tangoandeutungen. Ganz gleich, ob Ballade oder Up-Tempo-Nummer; gleich ob Straight-Ahead-Jazz-Standard oder Eigenkompositionen. Ob Nahezu-Gassenhauer, wie „Day-O; Banana Boat Song“ (schön gesungen auch) oder Bob Marleys „No Woman No Cry“- Alexander ließ keinen Bruch entstehen zwischen Jazztraditionen und der Musik seiner Heimat, die diesmal etwas weniger direkt zum Zuge kam. Welch unglaubliche Modulationen, kann man Akkordübergänge noch trickreicher gestalten? In der Tat: Oscar Peterson hätte seine Freude gehabt, auch an den fast theatralisch anmutenden Abschlüssen der Stücke: Gospelhaftes, immer wieder hinausgezögertes Crescendo.
Das zündete schon zu Beginn des ersten Sets. Aber, das sei nicht nur so daher gesagt, es zündete, weil das Trio so wunderbar zusammenwirkte. Landesbergen zeigte am Schlagzeug nicht nur bei der Verwendung der Beckensounds, was ein Meister am Schlagwerk ist. Lorin Cohen wusste sich gegen das pianistische Feuerwerk nachhaltig durchzusetzen, indem er das Tempo reduzierte, die Klavierläufe konterkarierte. Nur hätte sein Bass gerade in den schnellen Passagen wie „Sweet Georgia Brown“ etwas fetter rüberkommen sollen. Aber – war es nicht fast ein wenig gemein, dieses Stück in einem derartigen Höllentempo anzugehen? Wollte Monty Alexander den Mitspielern zeigen, was eine Harke ist?

Er forderte die Zuhörer auf, mitzuklatschen, mitzusingen. Es hätte nicht viel gefehlt und man hätte hier, wie schon anderswo bei seinen Konzerten, getanzt, wären da nicht die geordneten Stuhlreihen gewesen.
Man redet oft von „Standing Ovations“. Am Freitagabend standen die Besucher wirklich und erwiesen den Musikern Respekt und Begeisterung.

Wermutstropfen: Warum geht der Veranstalter, die Initiative Jazz Braunschweig so lieblos mit der eigenen Veranstaltung um? Ein graphisch banales Plakat, was die Farbgestaltung, die Raumaufteilung für Textteile und die Typographie betrifft! Ein Homepage-Text , der etwas von einem „gemütlich durch die Jazzlande schnaufenden ‚Harlem-Kingston-Express’“ schwadroniert. Von „Jazztrio-Häppchen“, ein bisschen Cannabis-Geruch (Herr Gott, was soll das denn?), einem „Koch im rostigen Speisewagen, der Reggae-Musik“ erklingen lässt! Gibt es denn keine Peinlichkeitsgrenzen mehr bei den Verantwortlichen? Und dann eine kurzfristige Änderung der Bass- und Schlagzeugbesetzung, die dem Publikum nicht vorab mitgeteilt wird? Keinerlei Respekt vor den Musikern und dem Publikum? Fragen, die eine Antwort verdienten.

Klaus Gohlke

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