Kritik zu „Miguel Zenón Quintet“

Kaum Zeit, Luft zu holen

Ja, wo sind wir eigentlich? In einer Latin-Dancehall, bei Straßenmusikern irgendwo in Mittel- oder Südamerika? Oder aber live beim Modern Jazz im New Yorker Village Vanguard mit einer Art John Coltrane auf dem Altsaxofon? Oder beim Showdown zwischen dem Pianisten und dem Saxonfonspieler – wer kann schneller und vertrackter? Oder beim Test, wie lange ein Bassist bzw. ein Drummer ein hochenergetisches Solo spielen können, ohne vor Erschöpfung niederzusinken? Es war all das , aber all das auch nicht. Vielmehr handelte es sich um den Auftritt des Miguel- Zenón-Quintetts im Lindenhof zu Braunschweig , die zehnte Veranstaltung der Initiative Jazz-BS dort.
Völlig zu recht war das Konzert ausverkauft, handelte es sich doch um den Auftritt nicht irgendeines hoffnungsvollen Nachwuchstalentes, sondern um einen der herausragendsten Altsaxofonisten der USA. Vielleicht war es aber auch die Ankündigung, dass Zenón weltmusikalischen Jazz präsentieren würde, was die Zuhörer lockte. Also nicht Jazz der Sekten-Kultur im Sinne einer immer abstrakteren Verfeinerung. Stattdessen offene improvisatorische Musik, die Vitalität und Spiritualität auszudrücken und zu wecken beabsichtigt.
Was Zenón und seine Mitspieler auf überzeugende Weise vorstellten, war die Kombination einer speziellen Variante karibischer Musik, der Plena Puerto Ricos, mit allen Spielarten des modernen Jazz. Die Plena war und ist eine Alltagsmusik der Puertoricaner. Im Zentrum stehen dabei unterschiedlich große Handtrommeln und situationsbezogene Texte, die formal gut nachvollziehbar sind. Ein klares 4/4 – Metrum, allerdings permanent aufgebrochen durch wunderbare Synkopierungen. Danach tanzt man heute in den Dancehalls nicht nur Lateinamerikas.
Diese rhythmische Basis behielt Zenón in seinen Kompositionen bei. Und das war es, was die Tanzbarkeit seiner Musik an diesem Abend ausmachte. Gleichzeitig aber unterlegte er diese stabile Struktur mit komplexen, variablen Metren, die die Musik in andere Sphären führte und der Tanzbarkeit gleichzeitig Stolpersteine in den Weg legte. Das alles geschah einerseits ungemein komprimiert. Das erste einstündige Set bestand beispielsweise aus zwei großen Blöcken, eingeleitet und gegliedert durch ausdrucksstarken Gesang und Perkussionsarbeit des Plena-Meisters Hektor Tito Matos. Zenón und sein ungemein variabel und elegant spielender Pianist Luis Perdomo nahmen diese Vorgaben auf und verblüfften ein ums andere Mal die Zuhörer mit rasenden Melodieläufen im Call- und Response-Stil. Andererseits gab es viel Raum für die Musiker, sich zu entfalten. Bassist Hans Glawischnig konnte in aller Ruhe die Skalen und Rhythmen zergliedern und neu zusammensetzen. Die Schlagzeugsoli des Drummers Henry Cole erwuchsen völlig organisch aus dem musikalischen Gesamtgeschehen heraus. Erstaunlich, mit welcher Konzentration, Geschwindigkeit, Ausdauer und gleichzeitigen Variabilität der junge Mann zu Werke ging. Allein physisch kaum nachvollziehbar, das Publikum war fasziniert.
Das setzte sich im dreiteiligen zweiten Set fort, und man war froh, dass mit dem balladesken Stück „Progreso“ einmal liedhafte Ruhe einkehrte. Perdomo bezauberte mit strahlenden Akkorden, über die Zenón dann zu einem Solo ansetzte, das ihn schier abheben ließ. Das langgestreckte Crescendo nach einem herunterkühlenden Bass-Solo schuf eine gefühlsstarke Klangwelt, die alle Gedanken an den kühlen Novemberabend draußen vergessen ließ. Dann noch einmal karibische Klänge at it’s best.
Allerdings: so ein ausdrucksstarkes, kraftvolles Quintett bräuchte einen größeren Raum, um angemessen zu Gehör zu kommen. Gleichviel und uneingeschränkt: stehende Ovationen für diese Ausnahmemusiker.

Klaus Gohlke