Kritik zu „Matthias Tschopp Quartet Plays Miró“

Zwischen Skikurs und Insektenmord
Das Matthias Tschopp Quartet verjazzt Bilder von Joan Mirò

„Ski-Kurs“ oder „Vogel, Insekt, Konstellation“ oder „Blau 1“ oder „Frau“, gar: „Stille“ – alles Titel von Gemälden des katalanischen Malers Joan Miró (1893-1983). So – suchen Sie sich einen Titel heraus und setzen Sie ihn in Töne um. Wie – geht nicht so einfach? „Stille“ –das ist ja wohl ganz leicht! Ich sage nur John Cage und 4:33! Eine leere Menge von Tönen.

Aber zugegeben: „Skikurs“, das ist schon von anderem Kaliber. Höchst komplex. Mirós Bild hilft allerdings, insofern es ja die Komplexität reduziert. Man sieht Linien, farbige Flächen verschiedener Form, einen grauweiß melierten Hintergrund, schwer zu beschreibende Muster und eine Schwerpunktbildung im Raum Mitte-Rechts. Freilich – dass diese Reduktion nun „Skiing Lesson“ heißt, erschließt sich nicht zwingend.

Aber vielleicht könnte man, wenn man am Vertonungsgebot festhalten will, diese Flächen, Farben, Formen, Symbole, Relationen und Proportionen in eine Komposition transformieren. Es braucht nur etwas Mut und Phantasie, und schon sind die gebogenen Linien Skispuren im Schnee. Hier steckt Dynamik. Die große kreisförmige, aus verschieden großen Teilen unterschiedlicher Farbe zusammengesetzte Fläche, das ist der Skilehrer, Ruhe und Stärke ausdrückend. Gegenpol zum Gewusel. Absperrgitter vor drohenden Abhängen könnte man hinein- oder heraussehen, da hätten wir Gefahr und Begrenzung, vielleicht auch Sicherheit.

Und nun bedarf es nur der musikalischen Sprache: Skalen, Metren, Instrumentierung, um dieses Konglomerat aus Dynamik, Statik, Begrenzung, Aufbruch, Ende, Gefahr, Dominanz, Lenkung und Chaos umzusetzen.

Matthias Tschopp, Schweizer Baritonsaxofonist Jahrgang 1986, ist Miró-begeistert und als er einst Ladehemmung beim Komponieren hatte, waren dessen Bilder seine „Rettung“. Sie lieferten Impulse, waren Inspirationsquelle für die Tschoppsche Tonsprache. Alles sehr intuitiv, subjektiv, doch nicht die reine Willkür. Tschopp präzisiert: „Die Bilder gaben mir Basisimpulse. Die Musik verselbständigt sich dann sowieso, zumal bei den Improvisationen. Es kann sich jeder auch eigene Bilder zur Musik dazu denken.“

Methodisch durchdacht und erhellend – so scheint es – wird zur Musik das jeweilige Miró-Bild als Hintergrund projiziert. Aber genau das ist die Crux. Was als Erläuterung gedacht war, dieser Sinnes-Doppelreiz, wird zur Belastung. Soll ich sehen, soll ich hören? Zwangsläufig versucht man Zusammenhänge zwischen Musik und Bild herzustellen, gerät ins Nachdenken. Verpasst darüber aber – weil so flüchtig – musikalisches Voranschreiten. Gut gemeint, aber doch eher ablenkend. Es wäre besser gewesen, vor jeder Komposition das Bild für einen Moment zu zeigen, es dann auszublenden, damit volle Konzentration auf die musikalische Transformation gelingt.

Ungeteilte Aufmerksamkeit hätte die Band bei ihrer Qualität sowieso verdient. Anders noch als Dave Brubecks Miró-Hommage von 1961 auf „Time further out“, der die Kompositionen im Blues-Kontext verortete und dort nach allen Regeln der Kunst umgestaltete, gibt es bei Tschopp kaum explizite Genre-Rückgriffe, nicht die Thema-Solo-Rituale. Vielmehr wird den Kontrasten, die Mirós Bilder bieten, nachgegangen und unterschiedlich auf die Instrumente verteilt. Es sind Stimmungsbilder oder aber – bei etwas Phantasie – Erzählminiaturen, die die Musiker entwerfen. Mal jeder für sich, mal korrespondierend, in scharfem Gegensatz zueinander oder harmonisierend.

Und so wird „Bird, Insect, Constellation“ etwa zur düsteren Mordgeschichte, sehr schön von Yves Theiler am Piano inszeniert. „Woman“ hat nichts vom „netten Weibchen“. Hier geht es harthackig zu, wie Stan Neufeld am Schlagzeug eindrucksvoll akzentuiert. Bassist Luca Sisera lässt in seinem langen Solo in „Portrait of a young girl“ das Mädchen kreiselnd tanzen, gleichzeitig aber untergründig Düsteres mitschwingen. Feine Arbeit. Und last but not least zeigt Matthias Tschopp virtuos, was für ein interessantes Instrument das große Baritonsaxofon ist. Viel zu selten – und dann auch so gekonnt – kann man es als Soloinstrument mit seinem großen Tonumfang, wenn man die Obertöne mit einbezieht, hören.

Ketzerische Frage zum Abschluss: Hätte auch Hans Holbeins „Passion“ als Inspirationsquelle dienen können? Dürers „Hase“, C.D. Friedrichs „Mondaufgang am Meer“, Turners „Figthing Temeraire“? Wohl eher nicht! Durchaus aber Paul Klee, Max Ernst – oder: allgemeiner und salopp gesprochen: die Maler der „weichen Abstraktion“, die noch Figürliches, fassbar Symbolisches, Dechiffrierbares in ihren Bildern zeigen.

Fazit: ein interessantes, anregendes Konzert, das am richtigen Ort, der HbK Braunschweig, mit knapp einhundert Zuhörerinnen und Zuhörern, doch zu wenig Resonanz fand.

Klaus Gohlke