Kritik zu „Karin Hammar Quartet“

Magische Momente

Durchdachter und kultivierter Jazz aus Schweden

Wirklich, es gibt im Musikleben Ereignisse, die kann man sich nur schwer erklären. Nämlich: Warum war das Konzert des Karin–Hammar-Quartets am Freitagabend im Lindenhof zu Braunschweig so gut wie ausverkauft? Die Posaunistin ist kein „Top-Act“, wie man so sagt. Warum trotzdem? War der Grund etwa das Erstaunen, dass eine Frau die Posaune spielt und Bandchefin zugleich ist? Denn: Wie viele Posaunenspielerinnen gibt es überhaupt in der schönen, weiten Welt? War es der gute Ruf der schwedischen Jazzmusik, qualitativ Top zu sein, ohne dass man Ausbrüche ins schwer Hörbare befürchten muss? Erinnerungen vielleicht an schwedische Jazzer in Braunschweig, allen voran E.S.T. und Nils Landgren, dem Übervater der schwedischen Jazz-Posaune und Hammar-Förderin? Oder war es das Foto der Schwedin auf den kleinen Vorankündigungen?
Warum auch immer: die Initiative Jazz-BS war es zufrieden und die Zuhörerschaft ebenfalls.

Das Quartett präsentierte ein Jazz-Konzert, das die Vorzüge der improvisierten Musik mehr als einmal deutlich machte. Allerdings leuchteten am Horizont auch Gefahren dieses Zusammenspiels auf. Man erlag ihnen allerdings erfreulicherweise nicht.
Wunderbar war es stets, wenn die Band zu „grooven“ begann. Plötzlich lief alles zusammen, wie etwa im Stück „Mind Candy“. Bass, Schlagzeug und Klavier lieferten einen Hochgeschwindigkeits-Klangteppich, auf dem Karin Hammar Platz hatte, gegen die Tempovorgabe entspannte und wohl durchdachte solistische Ausflüge zu starten. Wunderbar diese satten „Bratz-Töne“ in den tiefen Lagen, wie sie nur die Posaune erzeugen kann. Und da hinein fängt mit einem Mal der überragende holländische Bassist Tony Overwater an, in sein Basspiel ein ums andere Mal minimale Abweichungen einzubauen, zuverlässig vom Schlagzeuger Anders Kjellberg assistiert. Es ist Zeit und Raum da, solche musikalischen Einfälle zu verfolgen. Der Sog der Musik zieht das Publikum spürbar in den Bann.
Das Gleiche gilt aber auch für das Ausloten rhythmischer Strukturen. Alle Variationsmöglichkeiten, die die lateinamerikanische Musik bietet, werden von den Musikern ausgeschöpft, um dann sanft in eine Art Folk-Jazz hinüber zu gleiten. Das ist beeindruckend unakademisch und erhellend. Es sind gewissermaßen magische Momente, die urplötzlich entstehen und produktiv genutzt werden. Besonders schön gelingt das in balladenartigen Stücken wie „Voicemail“ und „Stationary“, wo auf der Basis ostinater Figuren Möglichkeiten für solistische Exkurse geschaffen werden. Mammar ist kein Landgren-Aufguss. Auf ganz eigenständige Weise greift sie auf verschiedenste Genres zurück, etwa den Blues, auf Salsa, schwedische Weisen, lateinamerikanische Musik. Alles sehr durchdacht und kultiviert. Expressive Ausbrüche vermeidet die Band.
Wie Karin Hammar aber ihre Stücke aufführungspraktisch arrangiert, darin steckt eine große Gefahr. In jedem Stück erhält jeder Musiker Gelegenheit für einen Solopart. Das kann Längen produzieren. Nur sehr disziplinierte Musiker, die sich nicht zu Egotrips hinreißen lassen, können diese Untiefen vermeiden. Beispielhaft etwa der Pianist Adam Forkelid, der sich solistisch gern kontrastreich in den höheren Lagen tummelte, aber nie selbstverliebt sich verbreitete. Gleichwohl: eine andere Form des Interplay, weg von der Hierarchie von Solo und Begleitung zur Gleichzeitigkeit des improvisatorischen Spiels könnte mitunter einen höheren Grad an musikalischer Aussage schaffen.
Und noch etwas ließ das Publikum fast ergriffen zurück: der reine Wohlklang, wie ihn das Quartett mit der Zugabe, einer Instrumentalfassung des Stevie-Wonder-Hits „Overjoyed“, ablieferte. Auch das gehört zum modernen Jazz. Besänftigt-friedvoll trat man hinaus in die Herbstnacht. Was will man mehr?

Klaus Gohlke