Kritik zu „Jakob Bro Trio“

Nahezu unverschämt wohlklingende Musik
Das Jakob Bro Trio beeindruckt mit Horizont erweiterndem, zeitgenössischen Jazz

„Was für ein außergewöhnliches Konzert!“, äußerte sich eine Besucherin höchst zufrieden. Was den allgemeinen Eindruck treffend wiedergab. Allerdings fiel auch die eher entrüstete Aussage, dass das doch wohl kein Jazz gewesen sei.
Als wüsste irgendjemand zu sagen, was Jazz ist! Man kann höchstens in Anlehnung an Ludwig Wittgenstein sagen: „Jazz ist alles, was der Fall ist!“ Aber, nichts für ungut. Es lohnt
schon, gerade für den Skeptiker, darüber nachzusinnen, was denn das Außergewöhnliche des gut besuchten Konzerts des Jakob Bro Trios am Sonntagabend im Braunschweiger LOT-Theater gewesen sein könnte.
Mit „Gefion“ eröffnet Bro das Konzert. Gefion, die Asenjungfrau, Beschützerin der Jungfrauen, rein wie der Morgentau. So auch das Gitarrenintro: ein durchgehender Schwebeton im Hintergrund. Darauf Tontupfer, Flageoletts, später perlende Tonfolgen in den höheren Lagen. Hier und da etwas Beckenblech, ein Trommelschlag.
Dann klinkt sich der Bass ein. Grundtöne betonend, erst später sich lösend, um die Tonfolge, die sich verdichtet, zu umspielen, zu grundieren, zu akzentuieren.
Das alles in größter Ruhe ausgebreitet, nur minimal variiert, Geduld einfordernd. Welch ein Wohlklang, den Bro erst spät und ganz sparsam zu brechen beginnt. Auch die folgende Komposition „Copenhagen“ verharrt im Gestus ruhigen Dahinfließens. Die Musik taucht wie aus einer Tiefe heraus auf, wird immer erkennbarer und versinkt wieder. Man hat Zeit, sich Bilder zur Musik vorzustellen.

Natürlich gibt es auch mal eine Uptempo-Nummer mit rasantem Bass-Intro, angezerrten Gitarrenriffs und Solopassagen, sowie explosive Schlagzeugausbrüche. Das sind notwendige Ingredienzien, um die melodisch gesinnte, harmonisch fundierte und beharrliche von langbogigen Steigerungsdramaturgien geprägte strenge Variationsästhetik umso deutlicher hervor heben zu können. Meisterlich dargeboten mit „Heroines“.

Und damit sind wir schon bei der Antwort auf die Frage nach dem Besonderen dieses Konzertes. Melodische und rhythmische Muster werden von Bro, ohne den klanglichen Grundeindruck, den Sound insgesamt zu durchbrechen, immer wieder minimal verändert. Und dafür bedient er sich notwendigerweise der Tonschichtungen mittels der Looptechnik und der extensiven Delays. Das ist kein modischer Schnickschnack. Um der Gefahr eines gewissen Schematismus zu entgehen, werden Thomas Morgan am Kontrabass und Joey Baron am Schlagzeug zu eigenwilligen handlungstragenden, gestaltenden Subjekten.
Baron schien lange Zeit demonstrieren zu wollen, dass die Bezeichnung Schlag-Zeuger absurd ist. Er schlug nicht. Er streichelte Becken und Felle, arbeitete mit Besen, Fellschlägeln, Light Rods; erst im vierten Stück des ersten Sets verwendete er die üblichen Sticks. Es gab nicht das durchlaufende Hi-Hat-Spiel, nicht den Bassdrum-Dauerpuls. Er akzentuierte transparent und mitunter koboldhaft dazwischenfahrend.
Und Thomas Morgans Bassspiel war von einer ganz erstaunlichen Varianz. Auf nahezu unverschämte Weise vermochte er dem Schönklang noch mehr Tiefe zu verleihen, um dann aber immer wieder ganz eigenwillig zu interpunktieren. Wie er in diesen Soundlandschaften unverdrossen Strukturen einzog und den Kontext nicht aus den Augen verlor, war stupend.

War das nun dänisch-nordischer oder europäischer Jazz? Mitnichten oder Jein, wie man will. Die scheinbare Folksongbasierung und die Melodieverliebtheit einiger Kompositionen – hat sie nicht ihre Vorläufer z.B. in Pat Methenys Album „80/81“ oder beim Album „Folksongs“ des Charlie Haden Trios? Kann man in „Gefion“ nicht Country & Western-Klänge heraushören, was einen feinen Humor erkennen ließe?

Bro ist Kind dieser Zeit. Er kennt die Traditionen und weiß um zukünftige Entwicklungen im Bereich der Electronica. Wobei allerdings der Einstieg ins tonal nicht recht zu verortende „Sisimuit“ eher verwirrte. Was zunächst nach einer Störung des Effektgerätes sich anhörte, geriet dann doch von einem zunächst auf disparaten Wegen verlaufenden, aber dann zu einem von vielschichtigen Überlagerungen gekennzeichneten komplexen Stück.

Das Trio spielte eine Variante zeitgenössischer Jazzmusik. Wie und was auch immer: Improvisation, das Offene, das Unerwartbare macht den Reiz des Jazz aus. Und fordert vom Zuhörer das Gleiche. Große Begeisterung zum Schluss des Konzertes.

Klaus Gohlke