Kritik zu „Dick de Graaf Special Project“

A Touch of Béla

Das nun war das letzte Konzert der Initiative Jazz-Braunschweig in diesem Jahr, wieder in den Räumen der Braunschweigschen Landessparkasse und begleitet von einer Fotoausstellung der Arbeitsgemeinschaft Fotografie mit dem sperrigen Titel „Remote Places“.

Zu Beginn gab es „Reisemusik“. Neuseeland-Inspiriertes im Piano-Saxofon-Duett. „Doubtful Sound“ hieß das Stück. In der Tat kamen Zweifel auf, aber nicht in Bezug auf Neuseeland, sondern darüber, ob diese Konzerteröffnung die richtige Stimmungslage zu schaffen geeignet war. Angestrengt und distanziert wirkte das Ganze.

Da fehlt doch was

Dann aber tauchten Schlagzeuger, Bassist und Posaunist auf und komplettierten das holländische „Dick de Graaf Special Project“ aufs angenehmste. Die musikalische Reise ging nun nach „Havanna“, ein wundervoll wehmütiges Stück, eine Art Filmmusik, die im Kopf Bilder und Erzählfetzen entstehen ließ. War es Ankunft, Abreise oder Aufenthalt? Nur – irgendetwas fehlte doch noch?
„Moving targets“ als dritter Titel, der aber keinerlei Anspielungen auf Militärisches enthielt. Stattdessen eine Hardbop-Nummer. De Graafs Tenorsaxofon im echten Coleman Hawkins-Stil, satt in den tiefen Lagen. Andrea Pozza am Klavier provoziert die Posaune mit harten Einwürfen, worauf Adrian Mears auf seinem Blasinstrument zu wahren Höhenflügen ansetzt. Das wiederum lässt sich der Pianist nicht zweimal demonstrieren. Er repliziert kraftvoll mit beeindruckenden Akkordverschiebungen und schönen Melodiefolgen. Auch Jos Machtel am Bass kommt zu seinem Recht, der Schlagzeuger Pascal Vermeer liefert perfekt das rhythmische Fundament.
Ein Tempobruch mit der Ballade „Stolen dreams“. Bei diesen langsamen Stücken kann man erkennen, wie gut ein Musiker sein Instrument technisch beherrscht. Das Quintett lässt diesbezüglich keine Zweifel aufkommen.
Den Abschluss des ersten Sets „Graffiti“ nennt de Graaf ein modernes, eine multifunktionelles Stück. Man könne danach tanzen oder sich entspannt anlehnen, nachdenken oder mitsummen. Alles sehr schön, und doch fehlt etwas.

Des Rätsels Lösung

Zu Beginn des zweiten Sets folgt dann endlich des Rätsels Lösung. Dick de Graaf teilt mit, dass leider die Sängerin, Fay Claassen, nicht mit von der Partie sein könne, weil sie kurzfristig erkrankt sei. Genau, das war es doch! Das „Braunschweig Special Project“ sollte doch eine Sängerin präsentieren. Wer darauf gewartet hatte, war sicherlich enttäuscht.
Das Quintett allerdings gab keinerlei Anlass für Frustrationen, im Gegenteil. Der Bandleader wurde als Komponist hörbar, der bei den folgenden Stücken vom Tenor- zum Sopransaxofon wechselte. „A touch of Béla“ und „Why birds always sing“ : De Graafs Bartók-Adaptionen und –Transformationen begeisterten das Publikum genauso wie seine Schubert-Impression „Via aeterna“.
Jazz greift auf „Klassik“ zurück: ob Bach., Rodrigo, Mompou – das ist keine schlechte Referenz, wie sich an diesem Abend zeigt. Wunderbare Bartóksche Melodien aus dem „Mikrokosmos“ und den „Volksliedern“ werden aufgegriffen und dem Jazzidiom anverwandelt über neue Tempi, melodische Ausweitung, Reduktionen und Verfremdungen, rhythmische Bearbeitungen. All das verwundert, fasziniert und ergreift.
Ja, und dann die Zugabe! Diese Melodie, ein Ohrwurm! Welcher Song ist das, der hier kanonartig zwischen Saxofon und Posaune leicht verschoben anklingt? Das Piano bricht die Melodie auf, der Bass holt sie freundlich zurück. Ja, natürlich, das ist „Fragile“ von Sting! Wenn das die Jazz-Polizei wüsste…

Klaus Gohlke