Kritik zu „Dave Holland Trio“

Musikalischer Bewusstseinsstrom
Das Dave Holland Trio beeindruckt im Braunschweiger LOT-Theater

Er hat immer noch britischen Stil! Dave Holland, 69jähriger britischer Jazz-Ausnahme-Bassist. Trotz der über 40 Jahre, die er in New York lebt. Dezent gekleidet, humorvolles Overstatement zu Beginn des Konzertes. Dass Braunschweig nämlich am Sonntagmorgen so wunderbar friedlich sei. Und die Glocken des Domes erst! Aus dem Schlaf heraus der Beginn einer musikalischen Reise! Wie wundervoll!
So friedlich eröffnete auch das seit langem ausverkaufte Konzert. Man wolle übrigens ein Konzert in einem Stück spielen, kündigte Dave Holland noch an, ein Set ohne Ansageunterbrechungen und Pause. Es gebe auch nicht direkt Stücke, eher Ideen, die man entwickle. Man sei selbst gespannt, was dabei herauskomme.
Nun – zunächst eine Basslinie im tiefen Register, gefolgt von einem Ausflug in die Welt der Flageolettöne. Gitarrist Kevin Eubanks folgt den Basstönen, spielt erst parallel, geht dann dazu über, elektronisch verfremdete Klangflächen zu entwerfen. Und Obed Calvaire am Schlagzeug scheint noch zu sinnieren, wohin die Reise gehen soll, bis er plötzlich einen scharfen Beat unterlegt – und aus ist es mit Besinnlichkeit. Das Trio entwickelt sich in einem langen Crescendo zu einem regelrechten Tonkraftwerk, eine Studie in Sachen Dynamik.
Eubanks übernahm oft die Rolle des Einheizers. Angezerrte, repetitive Akkordfolgen, dazwischen unglaublich rasante, scharf akzentuierte Läufe. Mühelose Rückgriffe auf Fusion, Rock, Blues, rhythmisch vertrackt. Allein technisch umwerfend.
Das gilt nicht minder für Obed Calvaire am Schlagzeug. Rhythmische Kontrapunktik, wenn man so will. Da wird mit, gegen, über den Beat gearbeitet, mit der Bass-Drum die Akzente scheinbar beliebig verteilt, dass eine Freude ist.
Und plötzlich ein rasantes Zurückfahren in der Lautstärke und gleichsam entschuldigend mit Augenzwinkern zarte folkloreartige Melodien auf dem Bass und der Gitarre.
Nun, es war Echtzeit-Improvisation, eine Art musikalischer Bewusstseinsstrom. Und das Strukturprinzip blieb gleich: ein musikalischer Kern, der langsam ausgearbeitet wurde, dann die wuchtige Entfaltung mit vielen Schattierungen und – oftmals über Dave Hollands weitgespannte Soli – die Rückkehr in ruhiges Fahrwasser. Besonders schön anzusehen: Die Musiker hatten ihren Spaß dabei, musikalische Ideen zu kreieren, aber auch daran, die der anderen zu erkennen und zu beantworten. Ein wunderbares Aufeinander-Eingehen. Fliegende Stilwechsel vom Swing, über Latin, zu Funk, Post-Bop, sogar Walzer.

Zugegeben, es war nicht der Abend für die, die den Dave Holland mit den wunderbar singenden Basslinien hören wollten – die Zugabe vielleicht ausgenommen. Nichts für die Freunde der Melodie. Hier waren Harmonie-Tüftler am Werke, die Akkorde zergliederten, erweiterten und reduzierten. Klangkontraste entwarfen. Und eben absolute Rhythmiker, die eine große Spielfreude dabei zeigten, immer wieder auszubrechen und dem Erwartbaren nicht zu entsprechen. Ovationen zum Schluss.

Klaus Gohlke

» zum Konzert