Kritik zu „Bruno Böhmer Camacho Trio“

Latin oder nicht Latin – das war die Frage!

Kolumbianischer Modern Jazz auf Abwegen

Muss, wo Latin Jazz drauf steht, auch Latin Jazz drin sein? Nein, nicht zwingend, wie man am Freitagabend beim Modern-Jazz-Konzert im Lindenhof zu Braunschweig merken konnte. Angesagt war „Original Latin Jazz aus Deutschland“, so die Ankündigung der Initiative Jazz-BS. Das meinte: Drei U-30er kolumbianischer Herkunft, seit mehr als 10 Jahren in Deutschland lebend, tourerprobt, diverse Awards, der übliche Berkley-Hinweis und die fälligen Reputationslisten. Ein Klaviertrio übrigens.
Heiße Rhythmen in kühler Jahreszeit, Ausblicke auf Sonne, Strand, Tanz auf dem Vulkan? Weit gefehlt. Das Bruno Böhmer Camacho-Trio schien es sich vorgenommen zu haben, alle diese Erwartungen zu zerstören. Zu Gehör gebracht wurde Melancholisch-Verträumtes, etwas Melodramatik, feinsinniges Aufeinandereingehen. Balladenhaftes, auch mit Gesang. Nur – wo war der Latin Jazz? War das nicht, trotz gelegentlicher, den Wohlklang unterbrechender Improvisationsphasen, nicht eher anspruchsvolle Popmusik? Pop-Jazz oder Jazz-Pop?
Das fünfte (!) von sechs Stücken des ersten Sets dann eine Art Programmmusik. „Aschewolke“, geschrieben anlässlich des letztjährigen Vulkanausbruchs auf Island. Deshalb auch plötzlich Explosives vom Schlagzeug, bedrohlich Brodelndes am Bass, grelles Staccato beim Piano. Auf einmal ereignete sich etwas musikalisch. Das Publikum war spürbar erleichtert angesichts der längeren vulkanoösen Chaos-Improvisation. Endlich war er da, der Rhythmus!
Vollends versöhnend dann der Abschluss des ersten Sets, eine Bearbeitung von Stings „Fragile“. Die Melodielinie tauchte immer wieder auf, wurde dann aber nach allen Regeln lateinamerikanischer Rhythmik wundervoll zerhackt und akkordmäßig aufgesplittet. Hier trieb der Pianist und Bandleader Bruno Böhmer Camacho seinen Bassisten Juan Camillo Villa musikalisch vor sich her. Der nahm seinerseits die Vorgaben auf und gemeinsam setzten sie dann den hervorragend aufgelegten Schlagzeuger Rodrigo Villalón unter Druck, der aber nicht nur reagierte, sondern Gegendruck aufbaute. Die Band besaß also Virtuosität, Temperament, kraftvolles Interplay. Begeisterungsausbrüche beim Publikum. Da war er dann doch, Latin-Jazz vom Feinsten.
Nach der Pause dann ein ausbalancierteres Repertoire. Wunderbar leichte Karibik-Sounds in den Erinnerungen an den Großvater, die modernes Jazz-Schlagzeugspiel in Perfektion zeigten. Das Metrum wird als musikalische Richtschnur variabel und damit Teil eines größeren musikalischen Zusammenhangs.
Höhepunkt aber war die Neuinterpretation des Standards „Caravan“, den meisten wohl als Ellington-Nummer bekannt. Immer wieder einmal wurde das Stück in Latin Jazz – Gewänder gehüllt. An diesen Abend wurde es zu einem Stück, das in die Knochen ging, wie man nicht nur am heftigen Schulterreißen des Pianisten zu den Schlagzeug-Synkopen bemerken konnte. Faszinierend wurde die geläufige Melodie rhythmisch und tonal aufgebrochen, mühelos in swingende Passagen ein- und ausgeführt. Dass Böhmer Camacho nebenher auch ein charmant-witziger Erzähler sein kann, zeigten seine Erläuterungen zum Latin-Blues „Hortensia“. Heftiger Beifall.
Es muss nicht immer Latin Jazz drin sein, auch wenn es drauf steht. Wesentlicher ist, dass das Trio sich auf seine Stärken besinnt, und das heißt: Nicht kurzlebig-gefälliger Schmusejazz, sondern das Bohren dicker Jazz-Bretter.

Klaus Gohlke