Kritik zu „Angelika Niescier Sublime III“

Fast beängstigend perfekt

Ein glückliches Händchen kann man der Initiative Jazz-Braunschweig nicht absprechen. Am Mittwoch zur Jazz-Echo-2010-Preisträgerin als beste Newcomerin des Jahres gekürt, spielte sie schon Freitagabend mit ihrem Quartett Sublim III im Lindenhof zu Braunschweig.: die Saxofonistin Angelika Niescier. Die Freude über den Preisgewinn war den Musikern anzumerken und sie legten auch mit dem ersten Stück „Bill“ gleich das von der Jury auserkorene Werk zur Begutachtung vor.
Niesciers Liveauftritte wurden in der Fachpresse mehrfach als „wild Thing“ beurteilt. Und in der Tat: Ein furioser Konzertbeginn! Zwei Dinge beeindruckten durchgängig: Zum einen die rasanten Unisono-Läufe, die die Musiker immer wieder zusammenführten, rhythmisch hoch komplex. Zum anderen dann Niesciers musikalische Ausbrüche. Da wurden Tonfolgen zusammengerafft und gewissermaßen gestapelt, die Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments bis zu den Grenzen ausgelotet, vom ekstatischen Schrei bis zum kaum mehr hörbaren Hauch. Aber es war nicht allein die technische Seite des Spiels, die faszinierte. Ebenso beeindruckend war auch, wie das Quartett inhaltlich-musikalisch die Arrangements gestaltete. Mal reagierten Bassist Sebastian Räther, Schlagzeuger Christoph Hillmann und Pianist Florian Weber geradezu reduktionistisch auf die Ausbrüche der Bandleaderin. Dann wiederum verstärkten sie deren Powerplay. Eine erfahrene, sehr gut eingespielte Truppe.
Anders als Niesciers Saxofon-Vorbild John Coltrane, der ja in jungen Jahren oftmals nicht wusste, wie er seine legendären Sax-Läufe stoppen sollte, gelang ihr das tadellos. In der Ballade „Sirr“ etwa stand sie lange Zeit abseits und ließ so intimen Dialogen zwischen Piano und Bass gebührenden Raum.
Ende und Höhepunkt des ersten Sets war das Stück „Urban liquid time“ das freejazzartig die unterschwelligen Geräusche, die Parallelwelten der Großstadt thematisierte. Die ganze Kraft des Modern Jazz wurde hier demonstriert und führte folgerichtig, aber doch ungewöhnlich für diesen frühen Zeitpunkt, zu stehenden Ovationen.. So waren die Erwartungen fürs zweite Set hoch- und wurden jäh gebrochen.
Der Special Guest, der in Aachen lebende irakische Oud-Spieler Raed Khoshaba, eröffnete die dreiteilige Suite für die arabische Laute. Es war, als sollten all jene, die bislang das Harmonisch-Melodiöse vermisst hatten, getröstet werden. Bassist Sebastian Räther spielte über weite Strecken seinen Bass ostinat mit dem Bogen, hatte aber auch Gelegenheit seine solistischen Fähigkeiten zu entfalten. Drummer Christoph Hillmann übernahm mit großem Feingefühl die rhythmischen Strukturen und auch Pianist Florian Weber hatte mehr Raum sich intensiv und beeindruckend mit dem für europäische Ohren fremden Tonsystem auseinander zu setzen. Zwischendurch Niesciers Saxofon-Exkurse, wenngleich gezähmter als im ersten Teil. Und dass Khoshaba ein Meister seines Instruments ist, wurde nicht nur in seinen Solo-Parts deutlich. Das war musikalisch alles sehr gekonnt und verfehlte seine Wirkung nicht, wenngleich es auch Längen gab.
Nur: ob diese Konzert-Dramaturgie sinnvoll war, sei bezweifelt. Umgekehrt wäre ein Schuh draus geworden: Erst die Oud-Trilogie und dann im zweiten Set den Rest! So wäre der Gesamteindruck noch zwingender gewesen. Wenn Angelika Niescier dann auch noch eine klare und knappe Moderation zwischen den Stücken gelänge, dann wäre sie auf fast beängstigende Weise perfekt. Gleichviel: Das Publikum war zu Recht begeistert und feierte die Musiker.
Schade übrigens, dass dieses Konzert nicht in den Gesamtrahmen der City-Jazz-Night integriert wurde.

Klaus Gohlke