Kritik zu „Matthias Tschopp Quartet Plays Miró“

Zwischen Skikurs und Insektenmord
Das Matthias Tschopp Quartet verjazzt Bilder von Joan Mirò

„Ski-Kurs“ oder „Vogel, Insekt, Konstellation“ oder „Blau 1“ oder „Frau“, gar: „Stille“ – alles Titel von Gemälden des katalanischen Malers Joan Miró (1893-1983). So – suchen Sie sich einen Titel heraus und setzen Sie ihn in Töne um. Wie – geht nicht so einfach? „Stille“ –das ist ja wohl ganz leicht! Ich sage nur John Cage und 4:33! Eine leere Menge von Tönen.

Aber zugegeben: „Skikurs“, das ist schon von anderem Kaliber. Höchst komplex. Mirós Bild hilft allerdings, insofern es ja die Komplexität reduziert. Man sieht Linien, farbige Flächen verschiedener Form, einen grauweiß melierten Hintergrund, schwer zu beschreibende Muster und eine Schwerpunktbildung im Raum Mitte-Rechts. Freilich – dass diese Reduktion nun „Skiing Lesson“ heißt, erschließt sich nicht zwingend.

Aber vielleicht könnte man, wenn man am Vertonungsgebot festhalten will, diese Flächen, Farben, Formen, Symbole, Relationen und Proportionen in eine Komposition transformieren. Es braucht nur etwas Mut und Phantasie, und schon sind die gebogenen Linien Skispuren im Schnee. Hier steckt Dynamik. Die große kreisförmige, aus verschieden großen Teilen unterschiedlicher Farbe zusammengesetzte Fläche, das ist der Skilehrer, Ruhe und Stärke ausdrückend. Gegenpol zum Gewusel. Absperrgitter vor drohenden Abhängen könnte man hinein- oder heraussehen, da hätten wir Gefahr und Begrenzung, vielleicht auch Sicherheit.

Und nun bedarf es nur der musikalischen Sprache: Skalen, Metren, Instrumentierung, um dieses Konglomerat aus Dynamik, Statik, Begrenzung, Aufbruch, Ende, Gefahr, Dominanz, Lenkung und Chaos umzusetzen.

Matthias Tschopp, Schweizer Baritonsaxofonist Jahrgang 1986, ist Miró-begeistert und als er einst Ladehemmung beim Komponieren hatte, waren dessen Bilder seine „Rettung“. Sie lieferten Impulse, waren Inspirationsquelle für die Tschoppsche Tonsprache. Alles sehr intuitiv, subjektiv, doch nicht die reine Willkür. Tschopp präzisiert: „Die Bilder gaben mir Basisimpulse. Die Musik verselbständigt sich dann sowieso, zumal bei den Improvisationen. Es kann sich jeder auch eigene Bilder zur Musik dazu denken.“

Methodisch durchdacht und erhellend – so scheint es – wird zur Musik das jeweilige Miró-Bild als Hintergrund projiziert. Aber genau das ist die Crux. Was als Erläuterung gedacht war, dieser Sinnes-Doppelreiz, wird zur Belastung. Soll ich sehen, soll ich hören? Zwangsläufig versucht man Zusammenhänge zwischen Musik und Bild herzustellen, gerät ins Nachdenken. Verpasst darüber aber – weil so flüchtig – musikalisches Voranschreiten. Gut gemeint, aber doch eher ablenkend. Es wäre besser gewesen, vor jeder Komposition das Bild für einen Moment zu zeigen, es dann auszublenden, damit volle Konzentration auf die musikalische Transformation gelingt.

Ungeteilte Aufmerksamkeit hätte die Band bei ihrer Qualität sowieso verdient. Anders noch als Dave Brubecks Miró-Hommage von 1961 auf „Time further out“, der die Kompositionen im Blues-Kontext verortete und dort nach allen Regeln der Kunst umgestaltete, gibt es bei Tschopp kaum explizite Genre-Rückgriffe, nicht die Thema-Solo-Rituale. Vielmehr wird den Kontrasten, die Mirós Bilder bieten, nachgegangen und unterschiedlich auf die Instrumente verteilt. Es sind Stimmungsbilder oder aber – bei etwas Phantasie – Erzählminiaturen, die die Musiker entwerfen. Mal jeder für sich, mal korrespondierend, in scharfem Gegensatz zueinander oder harmonisierend.

Und so wird „Bird, Insect, Constellation“ etwa zur düsteren Mordgeschichte, sehr schön von Yves Theiler am Piano inszeniert. „Woman“ hat nichts vom „netten Weibchen“. Hier geht es harthackig zu, wie Stan Neufeld am Schlagzeug eindrucksvoll akzentuiert. Bassist Luca Sisera lässt in seinem langen Solo in „Portrait of a young girl“ das Mädchen kreiselnd tanzen, gleichzeitig aber untergründig Düsteres mitschwingen. Feine Arbeit. Und last but not least zeigt Matthias Tschopp virtuos, was für ein interessantes Instrument das große Baritonsaxofon ist. Viel zu selten – und dann auch so gekonnt – kann man es als Soloinstrument mit seinem großen Tonumfang, wenn man die Obertöne mit einbezieht, hören.

Ketzerische Frage zum Abschluss: Hätte auch Hans Holbeins „Passion“ als Inspirationsquelle dienen können? Dürers „Hase“, C.D. Friedrichs „Mondaufgang am Meer“, Turners „Figthing Temeraire“? Wohl eher nicht! Durchaus aber Paul Klee, Max Ernst – oder: allgemeiner und salopp gesprochen: die Maler der „weichen Abstraktion“, die noch Figürliches, fassbar Symbolisches, Dechiffrierbares in ihren Bildern zeigen.

Fazit: ein interessantes, anregendes Konzert, das am richtigen Ort, der HbK Braunschweig, mit knapp einhundert Zuhörerinnen und Zuhörern, doch zu wenig Resonanz fand.

Klaus Gohlke

Matthias Tschopp Quartet Plays Miró

Aula der HBK, Johannes-Selenka-Platz 1, 38116 Braunschweig

Matthias Tschopp, Baritonsaxofon
Yves Theiler, Piano
Luca Sisera, Kontrabass
Stan Neufeld, Schlagzeug

Eine schwarze Melodie zu gelben Akkorden, rote Klänge zu den Rhythmen von Pinselstrichen. Der Baritonsaxofonist Matthias Tschopp vertont mit seinem neuesten Projekt Bilder des katalanischen Malers Joan Miró (1893-1983). Moderne Kunst gespielt als Jazz: kreativ, originell, farbig.

Die Idee, Jazz und Malerei programmatisch zu verknüpfen, kam Matthias Tschopp während eines Studienaufenthaltes in Barcelona bei einem Besuch der berühmten Fundació Joan Miró. Mit seinem Quartett ist es ihm eindrucksvoll gelungen, die Bilder des katalanischen Meisters in zeitgenössische Jazzmusik umzusetzen und daraus ein sehr eigenes, faszinierendes Klangbild entstehen zu lassen. Mirós Werke werden als Projektionen während des Konzertes gezeigt. Das Matthias Tschopp Quartett überzeugt mit eleganten Kompositionen und Arrangements, einem subtilen Zusammenspiel und einem technisch brillanten wie dynamischen Auftritt. Hier finden Farben, Figuren, Klänge und Imagination perfekt zusammen.

Das Matthias Tschopp Quartett ist diesjähriger Gewinner des renommierten Preises der Zürcher Kantonalbank und zum ersten Mal in Deutschland zu hören.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Tomasz Stanko Quartett

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Tomasz Stanko – trumpet
David Virelles – piano
Thomas Morgan – bass
Gerald Cleaver – drums

Der Klang seines Instruments sei eng mit seinem Leben verbunden, sagt Tomasz Stanko. Von Kindheit an war er, Sohn eines Geigers, vom Klang der Trompete fasziniert. Rau, kernig und doch sehnsuchtsvoll – melancholisch. So wie man es der polnischen Seele gerne attestiert.

Stanko gehört zur ersten Generation europäischer Musiker, die als Reaktion auf den amerikanischen Free Jazz neue Wege suchten und einen ihnen eigenen musikalischen Ausdruck fanden. Sein Vorbild war Krzysztof Komeda, von dem er 1963 auf dem Warschauer Jazz Jamboree eingeladen wurde, in dessen Band zu spielen. Der gehörte er mehrere Jahre an und spielte mit ihr auch im Westen.

Über Krzysztof Komeda sagt Stanko: „Er war so etwas wie ein Guru für mich, besonders als Komponist. Er zeigte mir, wie einfach Lebendigkeit sein kann, wie man das Entscheidende spielt, ohne die unterschiedlichsten Harmonien, Asymmetrien und vielen kleinen Details auszublenden. Ich kann wirklich glücklich sein, dass ich meine Karriere mit so einem Lehrer beginnen durfte.“
Mit Komeda spielte Stanko 1966 die Platte „Astigmatic“ ein, die zu den Standards der polnischen Jazz-Geschichte gehört. Danach folgten Tourneen durch Jugoslawien, Tschechoslowakei und Skandinavien, arbeitete er mit dem Pianisten Andrzej Trzaskwoski zusammen, bis er 1968 sein Quintett mit dem Tenor-Saxophonisten Janusz Muniak aufbaute. Bis 1973 gastierte das Ensemble auf allen großen Festivals, wobei Stanko immer wieder die Zeit blieb, bei anderen Projekten mitzuwirken

Einengungen hat Tomasz Stanko in seiner Heimat Polen nie erleben müssen. Die Jazz-Landschaft war zwar klein und übersichtlich, aber dank der Kontakte, die die polnische Jazzföderation zur amerikanischen Botschaft unterhielt, waren Konzerte amerikanischer Bands möglich, und dank Joachim-Ernst Berendt kamen auch deutsche Gruppen zu dem Warschauer Jazzfestival.

Bis in die 1980er Jahre schloss sich Stańko keiner Formation mehr dauerhaft an, sondern trat mit unterschiedlichen Musikern auf (u. a. Dave Holland, Tomasz Szukalski, Edward Vesala, Cecil Taylor, Heinz Sauer). In Indien entstand 1980 das Soloalbum Music from Taj Mahal and Karla Caves. Dann arbeitete er mit dem Trio von Sławomir Kulpowicz. Mit C.O.C.X. und mit seiner Freelectronic (zu der unter anderem Vitold Rek gehörte) spielte er Fusion und trat auch auf dem Jazz Festival Montreux auf. Sein Komeda-Tribut Litania erhielt 2000 den Deutschen Schallplattenpreis. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends spielte er zunächst mit den Musikern des Simple Acoustic Trio (Marcin Wasilewski – Piano, Sławomir Kurkiewicz – Kontrabass, Michał Miśkiewicz – Schlagzeug) zusammen. 2013
arbeitete er mit einem amerikanischen Quartett zusammen.

Seit den 1970er Jahren hat seine Musik alle Bereiche des Jazz verinnerlicht; durch die Integration, Assimilation und Auflösung konventioneller Rhythmen, Harmonien und Strukturen entstehen scheinbar atonale und schwebende Klänge, die auf eine spezifische Weise musikalisch geordnet sind. Das Besondere am Spiel Tomasz Stańkos sind sein eigener, unverwechselbarer Sound, die slawische Melancholie und der kraftvolle, „schmutzige“ Klang seiner Trompete, der bereits beim ersten Ton seinen Schöpfer erkennen lässt.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Jazz und Film in der Reihe „Sound on Screen“

Universum Filmtheater, Neue Straße 8, Braunschweig

TRANSMITTING

Regie: Christoph Hübner, Deutschland 2013, 87 Min, OmU

Drei Jazzmusiker erfüllen sich einen Traum und verbringen einen Monat gemeinsame Zeit in Marokko: der deutsche Pianist und Saxophonist Joachim Kühn, der Sänger und Guembrispieler Majid Bekkas aus Marokko und der der spanische Perkussionist Ramon Lopez. Zeit für Musik, für Begegnungen und für eine neue CD. Sie mieten ein kleines Studio in Rabat und laden Gastmusiker dorthin ein. Sie fahren in die Wüste, um eine Trommlergruppe zu treffen und mit ihnen Aufnahmen zu machen. Dazwischen Abstecher in den Alltag, Abstürze und kleine Krisen. Jeder der Musiker hat ein Solo. Ein Film über improvisierte Musik und die Arbeit an ihr, ein Film über die Begegnung verschiedener Kulturen, ein Film über das Fremde und das Eigene. Wo kommt man her und wo will man hin? Und einfach jede Menge gute Musik. (RealFiction)

Transmitting“ ist Dokumentation, Reisereportage und Musikfilm zugleich. Dabei bricht er mit den gängigen ‚Klischees von Weltmusik und erzählt, worum es bei dieser Musik eigentlich geht.

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Kritik zu „Joachim Kühn / Majid Bekkas / Ramon Lopez: Chalaba“

Chalaba
Das Joachim Kühn-Trio interpretiert die Tradition neu

„Es freut mich wirklich sehr, hier in Braunschweig zu sein! Braunschweig forever!“ Wer kennt sie nicht, diese Redewendungen von Künstlern. Captatio benevolentiae, ein altes Stilmittel der klassischen Rhetorik. Die Leute für sich gewinnen, bevor es zur Sache geht.
In unserem Falle aber steckt mehr dahinter. Joachim Kühn, unbestritten der große deutsche Jazzpianist, geizte nicht mit Komplimenten in Bezug auf Braunschweig am Sonntagabend anlässlich seines Auftritts im LOT-Theater. Nicht nur viermal gastierte er in Braunschweig, wie offiziell verkündet, nein, mindestens fünfmal, und ich wage zu behaupten, dass es sechsmal war. Schon 1972 spielte er im Lindenhof, jammte zusammen mit dem Braunschweiger Piano-Urgestein Otto Wolters. Aber er hat vorher, oder zeitgleich, auch im Audimax der TU BS Solopiano gespielt. Sehr, sehr frei, was viele als willkürlich und dilettantisch empfanden. Egal, er spielte seitdem regelmäßig in Braunschweig, dank der guten Betreuung durch die Musikerinitiative BS und wegen des aufmerksamen Publikums. Großartig das Trio mit J.F. Jenny- Clarke und Daniel Humair. Nur in Paris sei er noch häufiger aufgetreten.
Nun ist er 70 Jahre alt geworden und wieder in Braunschweig und praktizierte, was von der Idee her nicht ganz neu ist, aber eine typisch Kühn’sche Lösung erfuhr: die Aneignung, Konfrontation von amerikanisch-europäischer Jazztradition mit den Skalen und Rhythmen der Musik seines marokkanischen Freundes Majid Bekkas, am Schlagzeug und Perkussion hervorragend und unnachahmlich unterstützt durch den Spanier Ramon Lopez.
Kühn nennt diese Musik „Weltmusik“, andere Ethno-Jazz, was vielleicht besser ist, damit er nicht plötzlich als Peter Gabriel des Jazz eingeordnet wird. Und dass es sich bei seiner Musik nicht um schmusige Folklorisierung des Jazz handelt, das machte das Trio von Beginn an klar.
Kühn wirbelte Hörerwartungen beim Intro „Live Experience“ durcheinander. Unheimliches Tempo, das die nächsten Stücke nicht abflauen sollte, und die Verweigerung eines geordneten Zusammenspiels. Freies Warming up? Nein. Wie aus dem Nichts heraus, ein Riff, das von allen aufgegriffen und variiert wird. Klar strukturierte Dialoge zwischen Kühn und Bekkas Guembi, einer dreisaitigen bassähnlichen Laute, kraftvoll durchbrochen vom Schlagzeug. Eine Wanderung zwischen Ordnung und Chaos, dominiert von rhythmischen Akzenten. Es ist die Gnawa-Musik, die Majid Bekkas in das Trio einbringt. Die Musik einer ethnischen Minderheit in Marokko, aus der Süd-Sahara, aus Mali, der Wiege des Blues. Bekkas Gesang zitiert die Roots der Fieldhollers der Sklaven im Süden der USA. Das Spiel mit der Guembi ist archaisch-rhythmisch, auf den Punkt gebracht im Stück „Chalaba“. Magisch repetitiv ist das Riff, ist der Gesang. Man versteht nicht die Worte, man hört nur den Klang der Stimme und erahnt Anruf, Response, Klage, Ekstase. Afrikanische Kosmogonie, die in der Repetition den Weg in die emotionale Tiefe und in eine höhere Ordnung eröffnet. Anders als später im afroamerikanischen Blues, der sich eine strikte Ordnung verschrieb. Diesen Hintergrund eröffnet Bekkas.
Kühn unterstützt das expressiv am Altsaxofon, am Klavier aber setzt er seine musikalische Welt dagegen bzw. er schafft Lücken für andere Sichtweisen auf die Tradition. Das geschieht wiederum nicht als Kollision, indem etwa europäisches Harmonieverständnis dagegen gesetzt wird. Kühn spielt eine gewissermaßen offene Stimmung. Die Akkorde bleiben uneindeutig, sie sind vermindert oder erweitert, sie orientieren sich nicht an der harmonischen Systematik, sondern am Klangcharakter, der gerade besteht.
Kühn ist ein Altmeister, das Tempo, das er im ersten Set anschlug, sollte wohl demonstrieren, dass er nicht zu den Altersmilden gerechnet werden will, die auf den musikalischen Anspruch verzichten. Im zweiten Set war das Zusammenspiel ruhiger ohne an Dynamik zu verlieren. Nur, wenn Kühn in seine Tonwirbel hineingerät, dann gibt es einfach kein Halten für ihn. Es spielt ihn, könnte man meinen.
Das Konzert war nahezu ausverkauft, trotz Eugen Cicero, trotz Tatort und trotz Sonntagabend überhaupt. Und die Begeisterung war groß. Eine Bemerkung aber zum Abschluss. Die „Hardcore-Jazzer“ hatten Vorbehalte, was den nordafrikanischen Gesang betraf. Ja, es sind andere als die europäisch geprägten Skalen, teilweise ein ganz anderes musikalisches Verständnis. Aber – warum ist man verzückt vom Gilberto-Gesang beim „Girl in Ipanema“? Soll das jazz-affiner sein als der Gnawa-Gesang? Auch Geschmacksurteile sind zu überprüfen.

Klaus Gohlke

Erschienen in kulturblog38.net am 2. 10. 2014

Joachim Kühn / Majid Bekkas / Ramon Lopez: Chalaba

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, 38100 Braunschweig

Joachim Kühn, piano, alto sax
Majid Bekkas, voc, guembri, oud
Ramon Lopez, drums, tabla, perc

Eine Musik von magischer Intensität hat die deutsche Kritik Joachim Kühn und seinem Trio mit Majid Bekkas und Ramon Lopez bescheinigt. Wie bereits zuvor mit Rabih Abou Khalil und Jarrod Cagwin hat er sich mit den beiden auf die Spuren der arabischen und afrikanischen Musik begeben, deren Reichtum er als ausreichenden Fundus für eine Lebensaufgabe bezeichnet hat.

Sein Leben war auch so schon reich an Musikerfahrungen. Er kommt wie einige andere der ganz großen Jazzmusiker aus der klassischen Ecke. Mit 17 entschied er sich für den Jazz und gründete 1964 sein erstes Trio. Mit 22 kehrte er Leipzig den Rücken, traf seinen Bruder Rolf, der diesen Schritt schon vorher gegangen war, in Hamburg wieder und entwickelte sich zu einem allenorts anerkannten und gefeierten musikalischen Weltbürger.

Sein Leben war nicht gerade von Stetigkeit geprägt. Und auch seine musikalischen Vorlieben wechselten mit den Plätzen, an denen er lebte. Immer war er den stilistischen Neuorientierungen im Jazz um einen entscheidenden Schritt voraus, so beim Free Jazz und dann auch beim elektrischen Jazz. Trotzdem ist es immer seine eigene Musik gewesen. So wie er sich durch seine Musikerkollegen in seiner Entwicklung beeinflussen und bereichern lässt, hat er auch immer wieder auf das bereits von ihm Er- und Gelebte zurückgegriffen, es integriert. Ende der neunziger Jahre erlebten wir dann eine fundamentale Veränderung seiner Musik, als er sein eigenes Improvisationsschema entwarf, das Diminished Augmented System. In diesem System gibt es keine Dur- und Mollakkorde mehr, sondern für jede Tonart jeweils vier übermäßige und drei verminderte Akkorde, die er als Klänge bezeichnet. Die rechte Hand spielt die eigentliche Melodie-Improvisation; die Ideen, die ihm kommen, teilen sich dieser Hand – wie er es bezeichnet – „organisch“ mit. Der Kopf sei dabei ausgeschaltet. Was heißen dürfte, dass seine Musik von seinem Empfinden gesteuert ist. Lange Jahre habe er gebraucht, um den für diese Spielweise unerlässlichen Zustand überhaupt zu erreichen; er könne anschließend kaum je sagen, was er gerade gespielt habe.

Nach seiner Übersiedlung in den Westen wurde er innerhalb kürzester Zeit zu einem der wichtigsten Vertreter der Jazz-Avantgarde in den so unterschiedlichen Jazzmetropolen Paris, Los Angeles, New York und Hamburg. Und mit genau so unterschiedlichen Musikern spielte er dort: Michel Portal, Ornette Coleman, Archie Shepp, Jean François Jenny-Clark, Daniel Humair, Joe Henderson, Rabih Abou-Khalil, Michael Brecker und Michael Wollny. Die längste Strecke ging er mit dem französischen Bassisten Jenny-Clark und dem Schweizer Schlagzeuger Daniel Humair. Das Trio gehörte zu den frappantesten und gefragtesten Formationen des Free Jazz in Europa und spielte – wie sich einige sicher noch erinnern werden – im September 1995 für uns. Die Zusammenarbeit endete mit dem Tod Jenny-Clarks 1998.

In den letzten Jahren hat er sich mit dem marokkanischen Sänger und Guembri- und Oud-Spieler Majid Bekkas und dem spanischen Schlagzeuger Ramon Lopez zusammengetan und auch viel mit Michael Wollny gespielt, der eine Generation jünger ist und seine Diplomarbeit über ihn geschrieben hat. Und unvergessen für die gesamte Welt des Jazz: sein legendärer Auftritt mit Archie Shepp, der Inkarnation der afroamerikanischen Musik.

Joachim Kühn war insgesamt bereits viermal bei uns zu Gast: 1991 mit seiner Jubiläumsband, 1995 mit Daniel Humair und Jean François Jenny-Clark, 1998 mit Detlev Beier und Wolfgang Reisinger und 2005 mit Rabih Abou Khalil und Jarrod Cagwin. Wir freuen uns auf dieses fünfte Mal mit Majid Bekkas und Ramon Lopez.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
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– Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Interview mit Joachim Kühn

„Grenzüberschreitung – das ist es!“

Joachim Kühn ist so etwas wie der Doyen des deutschen Jazzpianospiels. Am Sonntagabend tritt er mit seinem Trio „Chalaba“ im Braunschweiger LOT-Theater auf. Aus diesem Anlass befragte ihn unser Mitarbeiter Klaus Gohlke telefonisch in seinem Wohnort Ibiza.

KG. Herr Kühn, seit den frühen 70er Jahren treten Sie immer wieder in Braunschweig auf. Was ist das Besondere an dieser Stadt?

JK. Ja, stimmt. Interessant. Das hab ich sonst nur mit Paris oder mit New York. Das Braunschweiger Publikum ist sehr interessiert. Und dann ist die Zusammenarbeit mit dem Team der „Initiative Jazz Braunschweig“ hervorragend.

KG. Sie haben mit allen Größen des Jazz zusammengespielt. Hatten Sie irgendwann so etwas wie die ideale Band?

JK. Eine schwierige Frage. Da waren immer Highlights. Ornette Coleman z.B. Aber – doch: das Trio mit Daniel Humair und J.F. Jenny Clark. Wir waren auch in Braunschweig im Städtischen Museum. Schwierige Akustik, aber toll. Wir drei verstanden uns blind, hatten großartige musikalische Ideen, tolles Zusammenspiel auf höchstem Niveau.

KG. Sie sind gerade 70 Jahre alt geworden. Gibt es noch so etwas wie musikalische Wunschträume?

JK. Nein, Träume nicht. Was ich noch will, muss ich jetzt machen. Was mich umtreibt, ist, den Jazz zu öffnen für andere musikalische Kulturen. Deshalb das Trio „Chalaba“, das am Sonntagabend in Braunschweig spielt. Die Verschmelzung marokkanischer Melodien und afrikanischer komplexer Rhythmen mit dem, was wir modernen Jazz nennen. Also Grenzüberschreitung. Das interessiert mich, da lerne ich immer noch dazu.

KG. Ist unsere Art Jazzkonzerte zu hören, als säßen wir im Kammermusiksaal, nicht eigenartig körperlos?

JK. Da ist was dran. Ich hätte nichts dagegen, wenn die Leute aufsprängen und lostanzten. Sie könnten auch schreien, wenn ihnen danach wäre. Sollte man vielleicht mal ansagen. Nein, Jazz ist nicht nur Kopf, sondern auch Körper.

KG. Wie bekommen wir junge Menschen in die Jazzkonzerte?

JK. Das weiß ich auch nicht. Bei den Festivals, da sind alle Altersgruppen dabei. Aber in den Einzelkonzerten: Fehlanzeige. Es fehlt vielleicht an Lockerheit. Oder so ein Unterhaltungselement. Aber auf Unterhaltungsmusik – Niveau begebe ich mich nicht. Vielleicht kommt das mal wieder anders. Vielleicht schon am Sonntag in Braunschweig.

Braunschweiger Zeitung, 25. 09. 2014

Jazz und Film in der Reihe „Sound on Screen“

Universum Filmtheater, Neue Straße 8, Braunschweig

Charlie Mariano – Last Visits (2014), DE Laufzeit 99 Minuten, FSK 0, von Axel Engstfeld, mit Mike Herting

Die Musikdokumentation Charlie Mariano – Last Visits begleitet den Jazz-Saxophonisten Charlie Mariano bei seinem letzten Konzert.

Handlung von Charlie Mariano – Last Visits
Der in Boston geborene Saxophonspieler Charlie Mariano hat mit Jazz-Größen wie Charlie Parker und Dizzy Gillespie gespielt. In den 1970er Jahren ging der Amerikaner nach Europa und blieb dort – um sein Geld mit der Musik zu verdienen und andere junge Talente zu inspirieren. Sein Beruf war harte Arbeit, doch er liebte das Musizieren zu sehr, um etwas anderes zu machen. 2008 lebte Charlie Mariano 20 Jahre lang in Köln. Doch eine schwere Krankheit erschwerte es ihm zunehmend, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dennoch blieb der Saxophonist ein Optimist und gab weiterhin Konzerte.

Die Doku Charlie Mariano – Last Visits begleitet den passionierten Musiker nach Stuttgart, wo er an seinem 85. Geburtstag sein letztes großes Konzert gab. Drei Monate später, im Juni 2009, verschied er. Filmemacher Axel Engstfeld zeigt Aufnahmen der Jazz-Legende und lässt Musiker-Kollegen zu Wort kommen. (ES)

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Gerardo Nuñez

Lindenhof „da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Gerardo Nuñez, git
Pablo Martin, bass
Angel „Cepillo“ Sanchez, perc

Gerardo Nuñez wurde in Jerez de la Frontera, der Wiege des Flamenco, geboren, und der Flamenco hat ihn von früh auf gefesselt. Schon als Junge spielte er für alle großen Sänger seiner Stadt, und dem Flamenco ist er treu geblieben, auch wenn der Drang nach Neuem ihn nach Madrid führte, wo er heute mit seiner Frau Carmen Cortés, eine der ganz großen Flamenco-Tänzerinnen, wohnt und arbeitet. Mit seinen vielen Platten stieß er sich und dem Flamenco stets neue Türen auf, und die Kooperation mit Jazzmusikern brachte ihm ein ganz neues, viel größeres Publikum. Verbiegen lassen hat er sich dabei nicht: ein Geheimnis seines Erfolgs ist zweifellos seine authentische Art – schon nach wenigen Takten weiß der Fan, dass es sich nur um Gerardo Nuñez handeln kann.

Die großen Meilensteine seines Erfolgs waren das Ende der 80er Jahre in Amerika entstandene Album Flamencos En Nueva York, mit dem er seinen internationalen Durchbruch besiegelte, sowie nach einer Reihe weiterer erfolgreicher Alben die CD’s Andando el tiempo (2004) und Travesía (2012). Während Andando el tiempo unendliche Weiten zwischen Flamenco und Jazz ahnen lässt, hat Nuñez seiner Musik in Travesía Pop, Funk, Jazz und Latin einverleibt. In Travesía erzählt er Geschichten, die Afrikaner auf ihrer Flucht über das Mittelmeer nach Europa erleben – eine symbolische Begrüßung über alle musikalischen Schlagbäume hinweg: Bei der Anlandung eines Bootes mit Flüchtlingen an einem spanischen Strand war Nuñez zufällig anwesend; mit zwei der Ankömmlinge ist er heute noch befreundet und arbeitet mit ihnen.

Mit dem Jazz in Berührung kam Gerardo Nuñez über die Musik, die eine US-Airbase bei Jerez in den Äther schickte: Charlie Parker, Thelonious Monk, John Coltrane. Die Flamenco-Puristen mögen Nuñez‘ Hinwendung zum Jazz ablehnen: trotzdem gilt er heute neben Paco de Lucía zu den wichtigsten Flamenco-Gitarristen.

Als Gerardo Nuñez 2005 bei uns war, war er mit denselben Musikern gekommen: dem Bassisten Pablo Martin und dem sagenhaften Perkussionisten Cepillo, damals unter seinem vollständigen Namen Ángel Sánchez „Cepillo“. Dieses Mal wird Nuñez außerdem von dem Vokalisten Jesús Méndez begleitet.

Cepillo (auf Deutsch: Bürste) ist sicher allen damaligen Besuchern in besonders lebhafter Erinnerung geblieben: Was er seinem Cajón, einer Perkussionskiste, die ihm auch zum Sitzen diente, an Musik entlockte, war schier unvorstellbar, und so mancher Zuhörer musste diese „Kiste“ in der Pause einfach näher begucken.

Die BZ schrieb damals in ihrer Kritik u.a.:
„… Das Gitarrenspiel von Nuñez ist völlig attitüdenfrei. Die virtuose, von der klassischen Gitarre … nachhaltig beeinflusste Technik ist beachtlich – sie zu Schauwerten zu münzen, ist Nuñez indes fremd. Von der Spielhaltung und vom Erscheinen her wirkt er fast wie ein prototypischer Gegenentwurf zum mediterranen Macho der alten Schule. In sich ruhend, sich seines Wertes bewusst, aber nicht auftrumpfend. Die Emotion, deren expressive Zurschaustellung wesentlicher Teil des Flamenco ist, scheint hier zwar nicht gemindert, doch eher in eine gelöste Innerlichkeit gewandelt.
Einer wie Gerardo Nuñez gibt natürlich auch im Zusammenhang seiner Mitmusiker nicht den zampanohaften Instrumentalvirtuosen. Die Musiker sind Partner, man begegnet sich auf Augenhöhe, sucht den Dialog, und der ist höchst angeregt. Die Bälle fliegen nur so hin und her zwischen Nuñez, Pablo Martin, einem Meister der schwebenden Bassläufe, und Cepillo, dem gewitzten Spieler der hölzernen Perkussionskiste Cajón. …“

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
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Eintritt: Abendkasse 19 € / 17 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

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Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu „Adam Bałdych / Luciano Biondini Quartet“

Coole Könner
Das Adam Baldych/ Luciano Biondini Quartet spielt europäischen Jazz im Braunschweiger Lindenhof

Geige und Jazz – geht das zusammen? Und dann auch noch Akkordeon dazu? Wird das nicht zur Appenzeller Ländlermusik? Und wenn schon nicht das, dann aber doch zu gefällig vielleicht?
Ach, du liebe Güte! Mit wem hat sich der Jazz nicht schon ins Bett gelegt und wundersame Kinder gezeugt. Alles gibt es: Wohlklang bis zum Kitsch, Akkordgegniedel, Minimalismus, abstrakte Formlosigkeit, von Hotjazz zur Meditation, Tanz-bzw. Konzertsaalatmosphäre, alles drin. Das soll nicht heißen, dass alle Musik Jazz sei, es keine Qualitätsunterschiede gäbe, wohl aber, dass es die geschlossene Form nicht gibt, die Ränder fransen sehr aus, gottlob.
So ausgefranst allerdings war die Musik des Adam Baldych/Luciano Biondini Quartets nicht, die am Freitagabend im Braunschweiger Lindenhof zu Gehör gebracht wurde. Und das Braunschweiger Publikum zeigte sich so berührungsängstlich auch nicht. Immerhin war das Konzert so gut wie ausverkauft und es gab, um es vorweg zu nehmen reichlich Zwischenapplaus und am Ende stehende Ovationen sowie bedenkliches Fußgetrampel.
Dann kann also die Musik nicht schlecht und vor allem nicht jazzfern gewesen sein. Gefallen musste selbst dem Skeptiker, dass die Band sich beim Konzertaufbau Gedanken gemacht hat. Moderate Stücke wechselten mit Up-tempo-Nummern und meditativem Flow. Die Arrangements waren variabel, man vermied die klassische Thema-Soli-Thema-Abfolge. Das Interessanteste aber: Die beiden „Front-Männer“, der polnische Geiger Adam Baldych und der italienische Akkordeonist Luciano Biondini schufen zusammen mit der Rhythmusgruppe zwei Arten von Hörerlebnissen.
Zum einen konnte man bei den ruhig meditativen Stücken in aller Ruhe abtauchen in die Musik. Man schuf Raum fürs Hinein-und Hinterherhören, Platz für Bilder zu den Tönen. Michel Bonita, der gern einen dunklen Bass spielt, hatte zusammen mit seinem Rhythmuskollegen, Philippe Garcia, nur mit den Händen akzentuierend, hohen Anteil an diesem Transparenzzuwachs. Aber auch Baldych verlor die Ruhe nicht bei seinem durchgängigen Pizzicatospiel, und Biondini tat das seine mit schönem Legato. In der Tat: Es öffnete sich „The Room of Imagination“.
Völlig konträr dazu dann die Hochgeschwindigkeits- Balkan-Jazz-Nummern. Wunderbare 5/4-Variationen, die einen sicherlich noch des Nachts im Traume heimsuchten, so intensiv wurden sie formuliert. Und erinnerlich auch deshalb, weil sie auf den Wettkampf Biondini-Baldych hinausliefen. Wer ist schneller? Wer spielt vertracktere Läufe? Wer hat rhythmisch komplexere Ideen? Ein Spiel gegeneinander und dann miteinander. Man kann das Zirkusnummer nennen – aber ist Virtuosität nicht auch etwas Bewundernswertes? Vor allem, wenn sie nicht leer läuft und den Musikern selbst Spaß macht!
Ein anderer Grund dafür, dass dieser Auftritt von vielen aus herausragend bewertet wurde, liegt sicherlich aber auch am Beziehungsreichtum der Musik dieses Quartetts. Mal leuchtet so etwas wie irische Fiddlemusik auf, dann erklingt die Melancholie des französischen Akkordeons. Wilde Tänze Südost-Europas werden zitiert, und – war da nicht etwas Fernöstliches? Wurden nicht Töne bluesig gebendet? Es gab Identifizierbares, das dann Abstraktionsprozessen unterzogen wurde. Auch das macht Spaß beim Zuhören.
Eine Einschränkung muss aber abschließend gemacht werden, wobei unklar ist, wer der Adressat der Kritik ist. Die hohen Töne auf der Geige und dem Knopfakkordeon waren streckenweise nicht auseinander zu halten, so dass verwaschene Sounds entstanden. Entweder gehen sich die Solisten da aus dem Weg oder aber der Soundmeister muss differenzierter mischen. Das trübte aber die Freude des Publikums an diesem Quartet nicht nennenswert.

Klaus Gohlke

Adam Bałdych / Luciano Biondini Quartet

Lindenhof „da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Adam Bałdych, violin
Luciano Biondini, accordion
Michel Benita, bass
Philippe Garcia, drums

Es gibt Geschichten in der Musik, die nur der Jazz schreiben kann: Ein polnischer Teufelsgeiger trifft einen italienischen Akkordeon-Weltmeister. Sie nehmen einen algerischen Bassisten und einen französischen Schlagzeuger hinzu. Und fertig ist ihr neues Quartett. Und die Pointe ist, dass die vier Musiker sich erst am Tag vor ihrem ersten Konzert zum ersten Mal sehen, um miteinander zu proben.

Möglich macht das der Jazz als universale Sprache. Und möglich macht das auch die Neugier der Musiker, mit ihnen noch unbekannten Kollegen zusammenzukommen und gemeinsam kreativ Neuland zu betreten. Spannend wird dies bei diesem Quartett insbesondere deshalb, weil die vier Mitglieder aus unterschiedlichen Kulturkreisen mit einer großen musikalischen Geschichte und Tradition stammen, die ihnen eine – ihnen eigene – Prägung verliehen haben. So ist bei Luciano Biondini nicht nur die gesamte italienische Klassik herauszuhören, sondern auch die lebendige mediterrane Folklore. Und bei Bałdych als jüngstem Mitglied der Band scheint sowohl die polnische Klassik durch als auch die moderne Popkultur. Fast alle haben zudem eine klassische Ausbildung, die sich nicht nur in der virtuosen Beherrschung des Instruments niederschlägt, sondern auch in ihrer Musik.

So sorgt der Jazz immer wieder für spannende Momente und neue musikalische Offenbarungen. Auch bei diesem Quartett darf das Publikum die Erwartungen hoch ansiedeln. Und mit größter Sicherheit werden sie auch erfüllt werden.

Adam Bałdych: Bałdych ist zweifellos der größte lebende Geigentechniker des Jazz. Er entdeckte den Jazz als seine Musik mit 13, weil sie ihm „die Freiheit gab, die ich suchte“. Mit 16 begann er seine internationale Karriere. Nach Abschluss seines Jazzstudiums an der Musikhochschule Kattowitz bekam er ein Stipendium für das Berklee College in Boston. Seitdem ist New York der Ausgangspunkt für seine musikalischen Reisen durch alle Welt. Binnen kurzer Zeit erschienen mehrere Alben, darunter Magical Theatre, zu dem er sich von Hermann Hesses Steppenwolf inspirieren ließ.

Luciano Biondini: Biondini war jahrelang in der klassischen Welt zu Hause, bevor er für eine Weile verstummte und dann im Jazz seine Stimme wiederfand. Zu dem Instrument seiner Wahl hat er in einem Interview kürzlich gesagt: „Auf dem Akkordeon kannst du Orgel- oder auch Cembalomusik spielen. Das Akkordeon bietet dir viele Möglichkeiten. Künstlerisch mag es nicht korrekt sein, Cembalomusik auf dem Akkordeon zu spielen, aber es ist das Beste, was du tun kannst, um das Instrument technisch zu meistern. Es ist wichtig, ein großes Repertoire zu erlernen, denn so kannst du dich vom gewohnten Sound des Akkordeons lösen und etwas anderes entwickeln. Das Akkordeon kann wie ein ganzes Orchester sein. Du kannst es auf vielfache Art verwenden, sogar perkussiv. Es ist für mich enorm stimulierend, immer neue Möglichkeiten auf dem Instrument zu entwickeln. Das tue ich ganz natürlich, nämlich auf der Bühne.“

Michel Benita: Der in Algerien geborene Benita kam im Alter von fünf Jahren nach Frankreich und studierte in Montpellier Gitarre und Bass. Er wurde bald in die erste Riege des Orchestre national de Jazz berufen. Sein warmer, kraftvoller und flexibler Ton auf dem Kontrabass machte ihn für viele Musiker zum interessanten Partner. Inzwischen hat er sich in der europäischen Szene als einer gefragtesten Bassisten etabliert.

Philippe Pipon Garcia: Der französische Schlagzeuger und Perkussionist hat ebenfalls eine klassische Ausbildung hinter sich. Er lebte sieben Jahre in der Türkei als Professor für Perkussion am Musikkonservatorium in Ankara und Istanbul und arbeitete mit dem Sinfonieorchester Ankara und vielen türkischen Musikern zusammen. Gleichzeitig etablierte er sich als Maler und Fotograf.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 19 € / 17 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
GOD Gesellschaft für Organisation und Datenverarbeitung mbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu „Yuri Honing Acoustic Quartet“

Durchkreuzte Hörgewohnheiten
Das Yuri Honing Acoustic Quartet zu Gast im Lindenhof

Was denn Jazz sei, das hat Yuri Honing noch nie so recht interessiert. Konventionen? Wofür? Für wen? Interessant ist für ihn, was das musikalische Material an Spielräumen bietet. Ob Blondie, Bowie, Goldfrapp, Franz Schubert, Traditional oder sonst was. Das interessiert nicht. Spannend ist für ihn, was man daraus machen kann.
Dieser tabulose, entspannte Umgang mit allen musikalischen Quellen – ist das etwas, was Niederländer uns voraushaben? Lichtenberg fragte einst, in welch anderem Land als Deutschland ein Kind lernte, vor dem Naseputzen zuerst die Nase zu rümpfen?! Kann man ja mal drüber nachdenken.
Yuri Honing also am Freitagabend zu Gast in Braunschweigs Lindenhof (Wie lange noch diese Spielstätte?). Hochkarätige Mitspieler: Wie immer Joost Lijbaart an den Rhythmus-Geräusch-Geräten, der ECM-geadelte Pianist Wolfert Brederode und der isländische Bassist Gulli Gudmundsson.
Nun, Honings letzte Acoustic-CD „True“ enthielt eher sehr melancholisches, vom Tempo moderates Material. So, als seien „Yuri’s wild years“ over. Aber so einfach ist der Mann nicht gestrickt. Auf eindrucksvolle Weise zeigte er mit seinen Mitspielern, wie man Jazz-Konventionen aufnimmt und bricht. Nicht revolutionär, ohne erhobenen Zeigefinger.
Schon im ersten Stück „Paperbag“ wurde das Konzept deutlich. Einfache, klar strukturierte Einstiege, in die Honings Tenor-Sax sich zunächst mit langen, abfallenden Tonfolgen einpasst. Der melancholische Grundgestus wird dann aber innerhalb kürzester Zeit aufgehoben und geht in ein Crescendo über, das auf eine eigenartige Weise Gesamtwerk, aber auch Individualstimme ist. So jäh, wie der Ausbruch erfolgt, findet man wieder zurück zur Anfangsstimmung. Das übliche Thema-Solo-Thema-Muster wird ignoriert.
Das ist nicht neu, so wenig, wie es neu ist, dass die Rollenzuweisung an die Instrumente verändert ist. Aufregend ist aber, wie die Rollen ausgefüllt werden. Und da ist Joost Lijbaart ein wahres Phänomen. Was er in „Black is the Colour…“ – aber nicht nur da – aus seinem Schlagzeug und Perkussionsensemble herausholte, ist sprachlich schwer zu fassen. Es rumpelte, klopfte, klatschte, klingelte, zischelte, wirbelte, dröhnte, knallte vor sich hin, dass es eine Freude war. Unterschwellig hielt er natürlich den Beat, aber das war nicht die originäre Aufgabe. Wenn der „Chef“ sich im Milton Nascimento-Stück „Miracle of the fishes“ vor ihm nahezu provozierend aufbaute und mit immer längeren Chorussen auf ihn einblies, dann konterte Lijbaart auf gleicher Ebene. No retreat, no surrender, sondern eine ganz eigene Produktion unterschiedlichster komplexer Geräusche.
Gegen alle Hörererwartungen allerdings verkündete Honing schon nach gut 30 Minuten das Ende des ersten Sets. Da war wohl die Uhr defekt. Aber der Neustart dann sollte alles wieder gerade rücken. „Play the vamp!“, ein Stück in drei Sätzen, startete mit reinem Wohlklang von Piano und Bass, um sich dann in heftige, nahezu punkige Ausbrüche zu steigern. Parker‘sche und Coltrane’sche Spielkultur blitzten bei Honing auf, aber auch der klare, reine Klang eines Garbarek konnte einem in den Sinn kommen. Auch fein: Traditionslinien leuchteten auf und verschwanden wieder, kein Kult.
Und aus dem ganzen Gebrodel heraus reduzierte der „Chef“ das Spiel plötzlich auf eine minimalistische Repetition eines Licks. Unterbrochen von langen Pausen. Absicht oder ein fehlender Übergang beim Improvisieren? Nichts Genaues weiß man nicht. Honing musste jedenfalls laut lachen, bevor er wieder forcierte und die Band tonale und rhythmische Zentren ignorierte.
„True“ auch beeindruckend. Ein einfacher Beat. Beerdigungsmarsch oder etwas an Ravels „Bolero“ Erinnerndes? Drums und Bass rhythmisch unisono, dann aber auseinander driftend, sich entfernend, echoartig. Brederode am Piano unterlegt das Sax-Solo mit reduzierten Tonfolgen. Alles sehr transparent, unaufgeregt, viel Raum fürs Zuhören. Die Entdeckung der Langsamkeit, wenn man so will. Man hört und überlegt zugleich. Was will man mehr?
Ein eindrucksvolles Konzert, ein begeistertes Publikum. Es hätten nur mehr sein sollen.
Ein Postskriptum: Wie schon beim letzten Konzert der Initiative Jazz-BS hat auch diesmal ein Gönner einen beachtlichen Betrag zur Förderung der Jazz-Live-Musik gespendet. Beeindruckendes Bürgerengagement. Hut ab!

Klaus Gohlke

Yuri Honing Acoustic Quartet

Lindenhof „da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Yuri Honing, saxophone
Wolfert Brederode, piano
Ruben Samama, acoustic bass
Joost Lijbaart, drums

Yuri Honing, seinen Pianisten Brederode und seinen Schlagzeuger Lijbaart kennen wir schon von früheren Konzerten, und wir sind froh, dass sie wieder den Weg nach Braunschweig gefunden haben.

Sehr zu Recht gilt Yuri Honing als Wegbereiter für neue Entwicklungen. Von ihm stammt der zunächst irritierende Satz, Jazz sei kein Musikstil, sondern eine Sprache, und so hat er auch nie einen Unterschied zwischen den verschiedenen Stilen und Musiken gemacht. Seine Inspirationen bezieht er nicht nur aus dem Jazzkanon, sondern ebenso aus dem zeitgenössischen Pop. Am anderen Ende des Spektrums findet sich sogar u. a. seine Interpretation von Schuberts Winterreise, die er mit der klassischen Pianistin Nora Mulder aufnahm und die ein großer Erfolg war. Jazz, Pop, Klassik – Honing hat sie auf seine Weise und nach seinem musikalischen Verständnis amalgamiert zu einem faszinierenden, stimmigen und wie selbstverständlich wirkenden Ganzen.

So gehört Yuri Honing zu der wachsenden Anzahl jüngerer Musiker, die zwar die Jazztradition und ihre Sprache bis in all ihre Facetten kennen und in ihr verwurzelt sind, sich aber nicht von Konventionen einengen lassen und die Inspiration und Anreize für ihre Kreativität aus allen Musikarten ziehen.

Zu dieser jungen Generation gehört auch Wolfert Brederode, der wie Honing allen neuen musikalischen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen ist und wie er unermüdlich unterwegs ist auf der Suche nach neuen Horizonten. Wie Honing hat auch Brederode mit vielen Größen des Weltjazz gespielt, eine prägende Erfahrung, die ihre Spuren hinterlässt. In diesem Quartett ist es seine Aufgabe, die Räume zwischen Honings überfliegenden Saxofonlinien und den beiden Rhythmikern mit Begleitfiguren zu füllen und die Hitze seiner Mitspieler wieder auf moderate Temperaturen zurückzuführen.

Joost Lijbaart genoss eine klassische Schlagzeug-Ausbildung, bevor er nach einem Aufenthalt im Senegal, wo er die afrikanische Perkussion erlernte, zu Yuri Honing und Wolfert Brederode fand. Er ist bekannt für den schonungslosen Umgang mit seinem Schlagzeug, mit dem er sich auf seine Weise neuen Horizonten nähert.

Ruben Samama ist der Jüngste der Gruppe. Er gilt als äußerst talentiert und hat sich auch mit eigenen Formationen schon einen Namen gemacht. Er versteht es nicht nur, dem Spiel der anderen mit repetitiven Kurzfiguren Konstanz zu verleihen, sondern auch, durch elektronische Spielereien Akzente zu setzen.
Wir dürfen uns also nicht nur auf neue musikalische Horizonte freuen, sondern auch auf vier überragende Musiker.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 19 € / 17 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Öffentliche Versicherung Braunschweig
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu „Rémi Panossian Trio feat. Nicole Johänntgen & Nicolas Gardel“

Es gibt Wichtigeres als die reine Lehre
Alternativ: Liebe auf den ersten Ton
Dem Rémi-Panossian-Trio fliegen die Herzen der Jazzfreunde zu

Ein Dejà vu? Ja und nein. Schon einmal, vor ziemlich genau einem Jahr spielte das Rémi-Panossian-Trio im Braunschweiger Lindenhof modernen Jazz. Auch diesmal wieder um zwei Bläser verstärkt: einem Trompeter, diesmal neu: Nicolas Gardel, und einer Sopran- und Tenorsaxofonistin, wie damals Nicole Johänntgen. Wiederum völlig ausverkauft, Liebe auf den ersten Ton oder so.

Was ist es, was die Braunschweiger Jazzfreunde so fasziniert? Na klar, das erstklassige Pianotrio. Das allein hätte schon einen guten Jazzabend geliefert. Zum Beispiel „Shikiori“: Ein Lehrstück im Umgang mit der Tonstärke. Eben Explosivität, dann in Sekundenschnelle ein Runterfahren auf Pianissimo. Komplexe Rhythmen, perfektes Zusammenspiel, elegant zwischen den Polen größtmöglicher Nähe und Vereinzelung sich bewegend. Rémi Panossians Pianoarbeit: selbstvergessenes Abtauchen in ostinate Klangfiguren mit der linken Hand, die rechtshändig von minimalen Verschiebungen unterlaufen werden. Leichtfingrige Bassbegleitung von Maxime Delporte, die aber so heftig werden kann, dass der Saalboden zum Resonanzkörper wird. Und am Schlagzeug Frédéric Petitprez, mal brutal grade den Rhythmus hackend, später mit dem Geigenbogen das Schlagwerk streichelnd.

Wozu dann die Bläser? Andere Klangfarben natürlich. Aber vor allem eine Art Antriebsaggregat aufgrund der enormen Spielfreude. Und man tut sicherlich niemandem Unrecht, wenn man Nicole Johänntgen als den Turbo der Band bezeichnet. Sehr extrovertiert, emotional, publikumszugewandt, gewann sie wiederum die Ohren und Herzen der Jazzfreunde. Wann hat man schon ein Jazzkonzert erlebt, bei dem Anfeuerungsrufe, Kommentare und heftigere Körperreaktionen während des gesamten Konzerts zu erleben waren?

Gut, dem Puristen mögen manche Stücke harmonisch unterkomplex erschienen sein. Auch zu Melodisches ruft Abwehrreflexe hervor. Die alte Frage: Ist das nicht Kitsch? Wie zur Beruhigung spielte man aber zwei Klassiker. „Byebye Blackbird“ und „In a sentimental mood“. Standards, ja, aber State of the Art!

Es war ein Powerplay, bei dem man sich mitunter wünschte, dass das Miles-Davis-Diktum, weniger Töne seien viel mehr, Beachtung gefunden hätte. Aber, die Leute sind noch jung und bestimmt wird alles gut.

„Wenn ihr diese Truppe wieder hier her bringt, dann sind wir Sponsor!“, so die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz zu den Organisatoren der Initiative Jazz-BS vor einem Jahr. Ein anderer Gönner überwies 1000 Euro. Wunderbar. Viel wichtiger als die reine Le(e)(h)re.

Klaus Gohlke

Rémi Panossian Trio
feat. Nicole Johänntgen & Nicolas Gardel

Lindenhof „da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Rémi Panossian: piano
Maxime Delporte: bass
Frédéric Petitprez: drums
Nicolas Gardel: trumpet
Nicole Johänntgen: saxophone

Wer unser Konzert mit dieser Band und Nicole Johänntgen im letzten Jahr (damals mit Frederik Köster) erlebt hat, kann es nicht vergessen haben. Es war unglaublich. In immer enger werdenden Windungen schraubte sich das Ensemble von Stück zu Stück zu immer furioseren Finalen, das Publikum jubelte und wollte die Musiker gar nicht gehen lassen.

Bei Nicole Johänntgen ist nicht zu verkennen, woher sie stammt. Aus dem Saarland ist der französische Einfluss ja auch heute noch nicht wegzudenken, und so bleibt Nicole der saarländischen Tradition treu, eine Brückenfunktion zwischen Deutschland und Frankreich zu erfüllen. Sie tritt gern und mit großem Erfolg mit jungen französischen Formationen auf und stärkt damit auf ihre Weise die kerneuropäische Freundschaft auch auf dem Gebiet des Jazz.

Dem Pianisten Rémi Panossian und seinem jungen Trio wird nachgesagt, mit seiner Musik ein schillerndes musikalisches Universum irgendwo zwischen Romantik, Avantgarde, Rock und Jazz zu schaffen. Gemeinsam mit dem Bassisten Maxime Delporte und dem Schlagzeuger Frédéric Petitprez kreiert er eine Musik, die zugleich lyrisch und voller Energie ist. Ihr erstes Album Add Fiction wurde von der internationalen Presse mit großer Sympathie aufgenommen, und auch die sympathischen Auftritte des spielerisch perfekten Trios erfreuen sich in der Jazzwelt wachsender Beliebtheit.

Nicolas Gardel, der mit Stil und Originalität Vintage und Moderne miteinander verbindet, hat die französische Jazzszene in erster Linie mit seiner Band The Headbangers erobert, mir der er Funk, Pop und Elektro in Trialog treten lässt. An den Grenzen seines musikalischen Universums gelingt es ihm, mit seinem kraftvollen und eleganten Spiel und seiner umwerfenden Energie neue Perspektiven zu eröffnen.

Nicole und Nicolas – man kann durchaus sagen, dass schon die Vornamen den Zusammenklang der beiden Musikerpersönlichkeiten zeigen. Ihr ungezwungenes Zusammenspiel voll überschäumender und ansteckender Energie schafft bei jedem Stück eine Synthese aus verschiedenartigsten Klängen und Rhythmen, macht jedes Stück zu einer neuen Erfahrung für den Zuhörenden, denn jedes Stück ist mit Herzblut gespielt: Jazz at its best, Jazz in all seinen Facetten.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 19 € / 17 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu „Yoko Tawada / Aki Takase – Jazz und Lyrik“

Mandarinen müssen noch heute Abend geraubt werden!
Yoko Tawada und Aki Takase vergnügen mit ihrem literarisch-musikalischen Programm

Dichterlesung mit Klavierbegleitung in der Bartholomäuskirche zu Braunschweig! Weder Fisch noch Fleisch? Schön, die beiden Vortragenden sind schon lange in Deutschland lebende hochdekorierte Künstlerinnen aus Japan. Yoko Tawada, die Poetin, kann wohl kaum noch die Ehrungen zählen, die sie für ihr Werke erhalten hat. Aber kann eine Japanerin denn so richtig deutsche Literatur? Aki Takase, die Pianistin, ist eine der renommiertesten Jazzpianistinnen, auch preisbehängt. Aber – soll die nicht so eine Free-Jazzerin sein?

„A-aaa-an–anna- anana-ananas-bananas-banana!” So begann es. Wechselte dann zu „Mango“ und zu „Orange“, von da zur „Zitrone“, dann dem Land, in dem diese blühen und von da aus zu „sauer“ und dem „Vater, der sauer ist“, und dann weg ist und was macht man mit dem fehlenden Vater und der Säure in einem? Eine Assoziationskette, die vom Erwartbaren zum Unerwarteten springt, vom Witzigen zum Abgründigen. Dazu kein Kaffehausplingpling im Hintergrund, sondern eine eigenwillige Begleitung des Textes. Mal harte Akzente, dann den Satzrhythmus unterstreichende Passagen, Romantizismen. Alles nicht beliebig, sondern notiert.
Eine eigenartige Geschichte dann, in der ein Kind eine Stadt erschafft. Durchsetzt mit Bibelanspielungen, kindlicher Bildlichkeit und Perspektive und eindrücklichen Metaphern, etwa der „Bibliothek der Gebärmutter“, der das Kind seine Pläne entnimmt. Wortspiele, die keine Kinderspiele mehr sind.
Paradox-Witziges zur Frage, warum die Japaner so gern deutschen Baumkuchen essen, nicht aber Lakritz, Gummibärchen oder Marzipan. Es sind die Vokale. Japanische Menschen mögen die dunklen Vokale, vor allem das „Aaa“ und „Ooo“. Nicht aber das „Iiiiii“!
Nein, keine staubtrockene, bedeutungsschwangere Dichtung, sondern mitunter recht Witziges. Vertauschung von Bedeutungsebenen, Arbeit auf der Klangebene der Sprachen. Ein wenig Dadaistisches mit gemeinsamem Handclapping. Dann eine Performance mit 10 Tage alten Brötchen, die wunderbar rhythmisch auf einer Gemüseraspel zerrieben wurden, einem japanischem Text, in den verfremdend immer wieder englischsprachige Wörter montiert sind und einer Klavierbegleitung dazu, die die tiefen Register derart bedrohlich anschwellen ließ, dass dem Flügel wohl Hören und Sehen verging.
Zwischendurch möchte man immer „Halt!“ rufen, weil die Wahrnehmung in die Krise getrieben wird. Wohin soll man hören? Satzfetzen bleiben hängen, wie „Mandarinen müssen noch heute Abend geraubt werden!“ und gleichzeitig eine wunderbar leichte an Bach erinnernde Art von Choralbegleitung.
Überhaupt: Takases Klaviersoloblöcke! Eine Wanderung durch das „Real Book“ der Jazzer. Hier ein Harlem Stride, dann klassisch-bluesig, Ellington-Artiges, Ragtime, war da nicht etwas Monk, etwas Harmolodisches? Anspielungen, die gleichsam auf die Spitze getrieben wurden, um schon bei der nächsten zu landen. Ein schier enzyklopädisches Musikwissen deutete sich an, dem man kaum folgen konnte.

„Drei Köche“ – das Braunschweiger Raabe –Haus, die „galerie-auf-Zeit“ BS und die Initiative Jazz-BS verdarben nicht den Brei, im Gegenteil: ein begeistertes Publikum klatschte nach Mehr.

Klaus Gohlke

In Zusammenarbeit mit Galerie auf Zeit:
Yoko Tawada / Aki Takase – Jazz und Lyrik

Bartholomäus-Kirche, Schützenstraße, Braunschweig

Jazz und Lyrik furios: Zwei in ihren angestammten
Bereichen seit Jahren berühmte japanische Frauen,
die Autorin Yoko Tawada und die Jazzpianistin
Aki Takase, bilden seit einiger Zeit ein unvergleich-
liches Duo. Tawadas poetische Grenzüberschreitungen
und pointierte Beobachtungen mit dem «japanischen
Blick» auf die europäische Kultur durchmischen sich
virtuos mit der intensiven Musik Takases, die Empfind-
samkeit und Entschlossenheit in sich vereint - für
Tawadas freien Flug der Wort- und Lautfantasie hält
Takase impressionistische Impromptus bereit. Töne,
Worte, Laute bewegen sich aufeinander zu, stoßen
sich voneinander ab, fließen ineinander und durch-
einander. Kurz: Text und Musik tanzen im Klangraum
einen Pas de Deux.

Eintritt: Abendkasse