Kritik zu „Rita Marcotulli European Leaders“

Besser geht nicht

Rita Marcotullis „European Leaders“ zelebrierten zeitgenössischen Jazz im LOT-Theater zu Braunschweig

Gehört sich das? Ein Weihnachtsgeschenk vor der Bescherung am Heiligen Abend zu bestaunen und zu genießen? Nein, natürlich nicht. Aber keine Regel ohne Ausnahme, es gibt Zwangslagen, da geht es eben nicht anders. Man kann natürlich auch einfach sagen, dass das Geschenk mit Weihnachten nichts zu tun habe. Dann wäre man aus dem Schneider, dem sprichwörtlichen. Aber – so einfach wollen wir uns das nicht machen.
Was Rita Marcutulli und ihre Mitstreiter am Freitagabend dem Publikum im ausverkauften Haus boten, war europäischer Jazz auf höchstem Niveau. Von der ersten bis zur letzten Sekunde durchlebte man die musikalische Spannbreite von inniger Intimität und heftiger Offenheit, von enormer Dichte und lockerer Entspannung, von harter Abstraktion und ungebrochener Melodik, von formaler Disziplin und völliger Losgelöstheit, von Tonalität und deren Aufhebung.
Fünf Spitzenmusiker, aber keine angestrengte Leistungsschau. Die Stücke entwickelten sich vielmehr gewissermaßen in Kleist‘scher Manier als allmähliche Verfertigung der Komposition beim Spielen. Natürlich weiß jeder, dass das im Konzert – Improvisation hin oder her – nicht der Fall ist. Wenn aber im Intro aus wabernden, ungerichteten Klängen Marilyn Mazur auf den Trommeln dem Ganzen plötzlich eine klare rhythmische Struktur unterlegt, der Rita Marcotulli am Piano und Synthesizer dann eine fein perlende Melodie hinzufügt, dann hat man als Zuhörer den Eindruck, bei einem musikalischen Schöpfungsvorgang zugegen zu sein.
Überhaupt hat die Musik oft einen stark bildhaften Charakter. Wenn Anders Jormin im Solo von „La Strada invisibile“ seinem Bass in tiefster Ruhe lange schwebende, elektronisch verfremdete Klänge entlockt, entstehen Bilder im Kopf, die nicht genau zu verorten sind. Stehe ich am Nordkap und höre die Seevögel segelnd rufen oder sind das meditative Töne, die aus Arabien stammen oder aber aus Asien? Elemente eines Tanzes in „Hen Ho“, an der Gitarre kraftvoll eingeleitet von Nguyen Lê, ein Mann der alle Spieltechniken und die dazu passenden elektronischen Bearbeitungen stupend beherrscht. Dann wird man in „Simple“ von der Percussions-Schamanin Marilyn Mazur nach Indien entführt, wunderbar unterstützt von wahren Tonkaskaden des Saxophonisten Andy Sheppard. Verblüffend immer wieder die melodischen Ostinati von Kontrabass und Klavier oder aber von Sopransaxophon und Gitarre. Hier muss keiner dem anderen etwas beweisen, alles fließt.
Doch, das war schon ein Weihnachtsgeschenk, dass die Initiative Jazz-Braunschweig den Jazzfreunden der Region vorzeitig gemacht hat. Das muss auch der Redakteur von „Deutschland Kultur“ geahnt haben. Das Konzert wurde komplett aufgezeichnet und wird am 2. Januar 2013 um 20.03 Uhr gesendet.

Klaus Gohlke

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Rita Marcotulli European Leaders

LOT-Theater, Kaffeetwete 4a, Braunschweig

Rita Marcotulli: Piano
Andy Sheppard: Saxofon
Nguyen Lê: Gitarre
Marilyn Mazur: Schlagzeug, Percussion
Michel Benita: Bass

Rita Marcotulli und ihr einzigartiger Sound sind nicht so leicht zu verorten. Zu definieren ist er sicher zum Teil über Ritas klassische Ausbildung, aber bestimmt auch durch die Musik, mit der sie aufgewachsen ist und zu der nicht zuletzt Pink Floyd gehörte. Und mit ihrem Pink Floyd-Projekt, mit dem sie eine Synthese zwischen Musiken verschiedener Genres wagte und schaffte, dürfte sie den Grundstein für den Ruf gelegt haben, den sie sich in der Welt des Jazz erspielt hat. Mit von der Partie war u.a. Andy Sheppard, der auch heute dabei ist. 1996 war er schon einmal zusammen mit Carla Bley bei uns.

Rita Marcotulli hat mit den verschiedensten Musikern gespielt und verschiedene Musiken, darunter auch italienische Folklore erkundet. Sie spielte mit Kenny Wheeler und Billy Cobham, aber auch mit Chet Baker, Peter Erskine, Joe Henderson, Joe Lovano, Nguyen Lê und immer wieder mit Andy Sheppard – und das in den verschiedensten Formationen. Das Zusammenspiel zwischen Rita und Andy Sheppard wird als einfühlsames, farbenfrohes und filigranes Gespräch beschrieben, wie es nur zwischen Menschen möglich ist, die nicht nur im akustischen Sinn dieselbe Wellenlänge haben.

Andy Sheppard, der nach eigener Aussage nur das machen will, was er am besten kann: Musik, ist ein Grenzgänger zwischen den Stilen. Er verbindet afrikanische, indische und südamerikanische Elemente zu einer Musik mit ganz eigenem Profil, mit der er nicht zuletzt auch dank des warm timbrierten Klangs seines Saxofons und seiner lyrischen Spielweise Herz und Sinne seines Publikums erreicht.

Als dritten Musiker dürfen wir Nguyen Lê begrüßen, der für uns ja auch kein Fremder ist. Die Frage, wie das wohl funktionieren soll, eine von der Klassik kommende Jazzpianistin und ein Saitenzauberer der besonderen Art, ist wohl erlaubt. Aber die beiden verstehen es, europäische Musiktradition und Harmonien aus dem fernen Osten miteinander zu verschmelzen, ihre unterschiedlichen Stilrichtungen und Traditionen zu einer Synthese ihrer Gegensätze – zu einem west-östlichen Divan – zu führen.

Am Bass steht Michel Benita, mit dem Rita über die Jahre auch immer wieder gespielt hat. Auch Benita ist seit vielen Jahren nicht mehr aus der europäischen Jazzszene wegzudenken. Seine absolute Meisterschaft auf seinem Instrument und sein feiner und subtiler Anschlag haben manchen Großen unserer Zeit begeistert und zur Zusammenarbeit angeregt: Archie Shepp, Peter Erskine, Enrico Rava, Paolo Fresù und nicht zuletzt Rita. 2007 war er mit Nguyen Lê und Peter Erskine bei uns.

Und auch Marilyn Mazur, die Queen of Percussion, kennen wir bereits. Ihr unkonventionelles Spiel, das keine Idiome und keine Beschränkungen kennt und nach ihrer eigenen Aussage besonders von Miles Davis‘ Musik der 60er/70er Jahre beeinflusst ist, hat schon früh viele große Musiker zur Zusammenarbeit herausgefordert, unter ihnen – neben Miles Davis – Wayne Shorter, Gil Evans und Jan Garbarek. Seit langem spielt und tourt sie auch mit eigenen Gruppen und war im Sommer bei Jazz Baltica zu Gast. Mit Marilyn Mazur hat das Klischee von der verlorenen Frau am Schlagzeug wohl endgültig seine Berechtigung verloren.

Wir können uns auf einen einmaligen, spannenden Abend in einem neuen Rahmen und auf eine Zusammenarbeit mit dem L.O.T.-Theater freuen!

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 25 € / 22 € (ermäßigt) / 10 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Konzert im Viertelnach mit Snarky Puppy

Viertel Nach, Braunschweig, Bültenweg 89

Snarky Puppy

Endlich ist es soweit:
Snarky Puppy kommt im Rahmen seiner Europatournee 2012 nach Deutschland!

Spätestens seit der Veröffentlichung ihrer letzten beiden Doppelalben „Tell Your Friends“ und „GroundUP“ (CD + Studio-LiveDVD) ist diese New Yorker Band nicht mehr nur ein Geheimtipp in der Jazzszene. Denn nicht zu unrecht wird dieses Musikerkollektiv aus Brooklyn von vielen euphorisch als „the next big thing“ der Jazz-Welt bezeichnet!

Mit ihrer unglaublich flüssigen und energetischen Mixtur aus Jazz, Funk/Fusion und World Music spricht Snarky Puppy sowohl musikalisch anspruchsvolle Zuhörer als auch unvoreingenommenes Publikum an.
Ihr Stil lässt sich am ehesten als rauer Funk mit feinfühliger Dynamik + Melodik beschreiben, der zwischen ansprechenden Harmonien, gekonnter Schlichtheit und – vor allem – einem gezielten Mix aus Komposition und Improvisation sein Gleichgewicht sucht.

Snarky Puppy versteht es wie keine andere Band, ihre Zuhörer mit ihrer Liebe zur Musik anzustecken und zieht das Publikum durch eine unvergleichbare Live-Stimmung in den Bann.

An den Instrumenten sitzen junge, aber sehr erfahrene Musiker:
Neben dem preisgekrönten Bassisten und Bandleader Michael League (u.a. Beyoncé), dem Drummer Robert „Sput“ Spearight (u.a. Snoop Dogg) und dem Keyboarder Shaun Martin (u.a. Kirk Franklin) ergänzt sich die Band aus einem Pool von bis zu 25 Musikern.

So finden sich zum Beispiel der Ausnahme-Keyboarder Cory Henry [Kenny Garrett], der Multi-Instrumentalist Louis Cato [Marcus Miller, George Duke], Jazzpianist Robert Glasper oder Größen wie Ari Hoenig, Adam Rogers, Roy Hargrove usw. im wechselnden Line-Up des „bissigen Welpen“ wieder. Diese verleihen ihm eine Lebendigkeit, wie sie für den „melting pot of music“ nicht typischer sein könnte.

Beginn: 21:30 / Einlass: 20:30

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Eintritt: Abendkasse 16 € / Eventim 12 € + Gebühren

Jazz und Film in der Reihe „Sound on Screen“

Universum Filmtheater, Neue Straße 8, Braunschweig

Der Film „Leben gegen die Zeit – Michel Petrucciani“ im Universum Filmtheater Braunschweig.
Regie: Michael Radford, F, I, D 2011, 99 Min., OmU

Michael Radfords vielschichtiges, auch kritisches Porträt der 1999 verstorbenen, kleinwüchsigen Jazzlegende. Denn der virtuose Jazz-Pianist, der zeitlebens gegen die Glasknochenkrankheit kämpfte, lebte ein Künstlerleben mit allem, was dazugehört.
„Ein Musikermythos in voller Breitseite.“ (Süddeutsche Zeitung)

Anschließend:

„The melody still lingers on“ – Musik passend zum Film live mit dem Tiqui-Taca-Trio im Café Riptide. Jazziges Kurz-Passspiel mit hohem Melodieanteil und einem Trio in ständiger Bewegung, das den Sound zirkulieren lässt.

Featured by Initiative Jazz Braunschweig.

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Kritik zu „Cholet / Känzig / Papaux-Trio“

Zwischen Alpenblues und Wiegenlied

Die Initiative Jazz-BS eröffnet mit dem Cholet-Känzig-Papaux-Trio die neue Konzertsaison

Wer will hier wen reinlegen? Marcel Papaux‘ Blick geht von unten her schräg nach oben in Richtung des Pianisten Jean-Christophe Cholet. Ein feines, schelmisches Lächeln umspielt den Mund des Schlagzeugers und plötzlich bohren sich knallend-harte 4/4 – Beats in die Klangkaskaden, die der Tastenmann scheinbar entrückt kreiert. Eine gewisse Zerrissenheit beim Zuhörer. Wohin soll er sich wenden? Aber schon wechselt der Schlagzeuger in einen ternären Rhythmus, der beruhigender wirkt. Nur – was hilft das, da nunmehr der Pianist heftig auf jede halbe Note einen Akkord setzt? Dazwischen Heiri Känzig, der Kontra-Bassist, der Vermittler zwischen Harmonie und Rhythmus. Das ist aber nicht kompromisslerisch zu verstehen. Er ist ein Impressionist mit eigenen Harmoniewegen und gewagten Kadenzen. Ein Mann, der gewissermaßen Ordnung schafft und neue Horizonte eröffnet. Programmtisch der Titel des Stückes: „Contre sens“.

Für den Zuhörer nicht immer ganz einfach, aber gleichviel stets hochspannend, dieses Zusammenspiel, das sich dem Kontrast verschrieben hat. Hörerwartungen zu unterlaufen, neue Horizonte zu eröffnen, das ist die Absicht des Trios, das nunmehr seit zehn Jahren zusammenarbeitet.

Und so wird man in „Because of Schumann“ von Cholet in die Welt der romantischen Klaviermusik gelockt, um dann im weiteren Verlauf des Stückes die Dekonstruktion der Melodie mitzuerleben, bis sie am Ende neu zusammen gesetzt wieder aufscheint. In „Triplettes“ malen die Musiker auf je ganz eigene, aber intensiv aufeinander bezogene Weise wunderbare Klangflächen. Jedoch – immer wieder durch Breaks unterbrochen, wird das eine Art Fahrstuhlfahrt, bei der auf jeder Etage ein Stop erfolgt, um immer höher hinaus zu gelangen. Dann wieder nahezu elegische Töne: eine Ode für den langjährigen Weggefährten Charlie Mariano.
Ein „Swiss Blues“ wird angekündigt. Das bedeutet im Intro eine vom Bassisten im Flageolett gestrichene Alphorn-Naturtonreihe, ein eigenartig verspieltes Geklapper am Schlagwerk – vom Blues eigentlich keine Spur. Dann legt man los und es steht einem alle Tonwelt offen, sich über die Schweiz Gedanken zu machen: Lawinensturz, Almromantik, entgleisende Dorffeste…

In Schubladen lässt sich diese Musik nicht zwängen, jeder Musiker lässt dem anderen viel Raum, das zu verhindern. Zum Abschluss eine Berceuse und viel Beifall im Braunschweiger Lindenhof. Ein guter Start in die Jazz-Saison 2012/13.

Klaus Gohlke

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Cholet / Känzig / Papaux-Trio

Lindenhof „da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Jean-Christophe Cholet: piano, compositions
Heiri Känzig: bass
Marcel Papaux: drums

Nachdem wir den französischen Jazzmusiker Jean-Christophe Cholet letztes Jahr mit seinem Projekt „Times“ mit Geoffroy De Masure, Linley Marthe und Chander Sardjoe bei uns hatten, freuen wir uns, ihn dieses Jahr mit seinem französisch-schweizerischen Trio mit Heiri Känzig und Marcel Papaux begrüßen zu können.
Dieses Trio, das jetzt schon seit zehn Jahren miteinander spielt, ist die glückliche Verbindung von drei Ausnahmemusikern, die es verstehen, ihr Zusammenspiel trotz individueller Entfaltung zu subtiler Stimmigkeit zu führen. Die meisten der von ihnen gespielten Kompositionen stammen von Cholet. Sie kommen transparent und schnörkellos daher, verraten aber bei näherem Hinhören schnell ihre atmosphärische Dichte und ihren Facettenreichtum. Inzwischen hat sich das Trio in ganz Europa einen Namen gemacht. Seine sechs Alben wurden von der Kritik gefeiert und haben seinen Ruf als eine der vitalsten und ideenreichsten Formationen dieser Art in Europa gefestigt.
Heiri Känzig und Marcel Papaux zählen zu den besten Rhythmusgruppen in Europa. Ihr Spiel reicht von minimalistischer Begleitung bis zum fieberhaften Groove. Während Heiri Känzig seinem Bass sonore und tragende Klänge von außerordentlicher Ästhetik entlockt, zeichnet sich Marcel Papaux durch elegant swingende und überaus präzise Rhythmen aus. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich dann das nuancenreiche und expressive Spiel Cholets und vereint die drei Musiker mit ihren Eigen- und Besonderheiten in einer in sich geschlossenen Schleife in einer komplexen, spannenden Klangwelt, die sich ihre Offenheit jedoch nicht nehmen lässt.
In diesem komplexen Gewebe fällt Jean-Christophe Cholet mit seinem starken und nuancierten Einfühlungsvermögen die Rolle zu, die labyrinthartig verwobenen Klänge und Farben miteinander zu vereinbaren, indem er durch kontrollierte und originelle Punktuierung die notwendigen Akzente setzt.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Jam Session

Viertel Nach, Braunschweig, Bültenweg 89

Liebe Sessionfreunde,

am Donnerstag den 5. Juli findet im Viertelnach die nächste Session statt. Dann macht die Session eine Sommerpause (wollen hoffen, dass der dann auch wirklich mal kommt – der Sommer!). Die Termine für Herbst und Winter stehen auch schon.
Alles zu lesen auf jazzsession38.blogspot.de

Sessionband: Braunschweig Goes Latin

José L. Gavira (fl)
Elmar Vibrans (p)
Heinrich Römisch (b)
Matti Wandersleb (dr)

Mod“re

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Eintritt: re

Kritik zu „For Free Hands“

Gegen Fußball ist kaum ein Kraut gewachsen

Die Berliner Band „For Free Hand“s spielt Balkan-Jazz

Eins ist schon mal klar! Wer da glaubt, dass Jazzfans gewissermaßen von Natur aus nie auch Fußballfans sein können, der irrt sich. Anders jedenfalls ist der deutlich schwächere Besuch des letzten Konzertes der Initiative Jazz Braunschweig vor der Sommerpause nicht zu erklären. Zu spekulativ? Nun, wenn selbst das A-Trane in Berlin, ein bisschen so etwas wie das Village Vanguard in New York, wegen der EM für drei Wochen schließt, kann kein Zweifel mehr bestehen.
An FFH, der multinational besetzten und in Berlin ansässigen Jazzband, kann es jedenfalls nicht gelegen haben. FFH? For Free Hands. Ein programmatischer Name? Etwa uneingeschränkte Freiheit des musikalischen Ausdrucks? Die musikalische Fassung des „automatischen Schreibens“ der Symbolisten? Aus dem tiefen Inneren direkt in die Hand oder den Mund? Mit dem Resultat des Chaos, weil Widerspruch in sich? Oder Hinweis auf den ungehemmt freien Rückgriff auf Jazztraditionen und musikalische Formen?
Nun, die Musik bringt es an den Tag. Z.B. Perpetuum 5. Langsamer Beginn, zunehmendes Tempo. Sehr schnelle Akkordwechsel, auf jeden Vierteltakt, wenn nicht gar auf die Achtel. Riecht nach Bebop. Das Gitarren-Solo: Eher modaler Jazz. In bester John Scofield-Manier werden flüssige Melodieläufe und rasante Akkordwechsel verschmolzen. Dann aber wieder sehr freie Passagen. Und während man gedanklich mit der Einordnung beschäftigt ist, zerhackt der griechische Schlagzeuger Dimitris Christides den Rhythmus mal sehr grob-rockig, um ebenso schnell subtile Beckensounds einzustreuen. Überhaupt die Metren. „Magic Friday“ mit 13/16; „East-Side-Story“ wechselt dauernd von 11/8 zu 4/4. Aber wie werden die Rhythmen unterteilt! Das wird ja nicht einfach gerade herunter gespielt!
Hat man gerade richtig zurecht gezählt, wird man aus der Kurve getragen von wunderbaren Melodien und Verzierungen Karparovs am Sopransaxofon in „Wizard Cube“. Hochkomplexer Balkan-Folk oder World-Jazz, wie man will. Karparov – ein Balkan-Coltrane! Zum Glück hat man einen Ruhepol und Klanggrundierer im kanadischen Bassisten Scott White, der die Strukturen der Stücke schön herausarbeitet. Sehr schön auch die wunderbaren Dialoge nicht nur zwischen Gitarre und Saxofon, was ja naheliegt, sondern zwischen Gitarre und Bass oder zwischen Tenorsaxofon und Schlagzeug.
„Sie sind von der Zeitung? Schreiben Sie: Ich bin sehr glücklich, heute hier bei FFH gewesen zu sein!‘“ Gemacht., weil absolut keine Einzelmeinung.

Klaus Gohlke

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For Free Hands

Lindenhof „DaPaolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Andreas Brunn: Gitarre
Vladimir Karparov: Altsaxofon
Dimitris Christides: Schlagzeug, Percussion
Scott White: Bass

Als innovativste und spannendste Band wird die Berliner Gruppe For Free Hands gegenwärtig gehandelt, und tatsächlich verkörpert sie den heutigen Zeitgeist so exemplarisch wie kaum eine andere. Diese vier Musiker aus Deutschland, Bulgarien, Griechenland und Kanada stehen zwar in ganz unterschiedlichen nationalen Traditionen, aber sie spiegeln gleichermaßen die Vielfalt und den Abwechslungsreichtum unserer europäischen Moderne wider und verkörpern damit eine neue Facette des zeitgenössischen europäischen Jazz.

Das glückliche Zusammentreffen dieser vier Musiker, das amerikanisch-deutsche Jazztraditionen zu einer Symbiose mit balkanesker Lebendigkeit und schwerblütiger Lebensfreude (Kusturica!) führt, hat einen Jazz hervorgebracht, der sich der Einordnung in bekannte Schubfächer entzieht und sich irgendwie auch als eine Art Weltmusik präsentiert. Zudem hat sich die Gruppe vom Althergebrachten gelöst. Sie hat völlig neue Wege beschritten und Jazz, freie Improvisation und Folklore zu einem neuen Ganzen verschmolzen. So haben sie ihr Album wohl nicht ohne Hintergedanken „Transversal“ betitelt, was man interpretatorisch mit „quer zum Mainstream“ übersetzen könnte.

Die vier Musiker sind Andreas Brunn aus Deutschland, der Bulgare Vladimir Karparov, der Grieche Dimitris Christides und Scott White aus Kanada.

Von Andreas Brunn mit seiner siebensaitigen Akustikgitarre und E-Gitarre heißt es, dass er Erinnerungen an John McLaughlin wachrufe. Sein Spiel und sein Kompositionstalent seien hintergründig und von intelligentem Witz.

Vladimir Karparov gilt als Ausnahmesaxofonist, der es auf unvergleichliche Weise versteht, die traditionelle und zuweilen orientalisch beeinflusste Musik seiner Heimat mit innovativer Jazztechnik zu verknüpfen, so dass seine atemlosen Melodiekaskaden zu einem rauschhaften Hörerlebnis werden.
Dimitris Christides hat viele Jahre in London zugebracht, wo er Musik studierte und die Londoner Jazzszene kennenlernte. Sein Trommelstil mischt die perkussiven Elemente der Balkan- und nahöstlichen Rhythmen mit der subtilen und kreativen Sensibilität des Jazz. Jetzt lebt er in Berlin als Lehrer für Schlagzeug und hat bei For Free Hands das Schlagzeug und die Percussion übernommen.

Der Kanadier Scott White ist ein vielseitiger Musiker und Komponist, der seit Jahrzehnten mit den verschiedensten Bands als Bassist in Nordamerika und Europa unterwegs ist. Nach einer Anstellung als Musiker und Kapellmeister beim Cirque du Soleil lebt er heute in Kanada und Deutschland als freiberuflicher Musiker.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Masha Bijlsma & Bones

Lindenhof „DaPaolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Masha Bijlsma: vocals
Bart van Lier: trombone, bass trumpet
Adrian Mears: trombone
Rob van den Broeck: piano
Henk de Ligt: double bass
Dries Bijlsma: drums

Als Masha Bijlsma mit ihren „Bones“ vor fünf Jahren schon einmal bei uns war, schrieb die Braunschweiger Zeitung in ihrer Rezension begeistert von ihrer außergewöhnlichen Sangeskunst, mit der sie ihre Stimme perfekt als sechstes Instrument in Szene setze, und davon, dass sie mal heiser wie das Saxofon schnurre und sich mal röhend wie die Posaune erhebe.
Auf ihr Saxofonschnurren müssen wir diesmal verzichten, denn sie hat neben ihrem Trio, mit dem sie schon immer spielt, zwei Posaunen mitgebracht: Bart van Lier, Hollands geliebten und gefeierten Posaunisten, der sich einen ganz großen Namen als Mitglied der Peter Herbolzheimer Band und der Slide Hampton Trombone Group gemacht hat. Was er auch spielt, mit seinen spannungsgeladenen Soloeinlagen von höchster Virtuosität bewegt er sein Publikum immer wieder zu spontanen Beifallsstürmen. Der andere Posaunist ist Adrian Mears, der aus Australien stammt und sich inzwischen in Süddeutschland niedergelassen hat. Er hat schnell den Anschluss an die deutsche und europäische Jazzszene gefunden und sich zu einer ihrer starken Stimmen entwickelt, nachdem er u.a. auch mit Kenny Wheeler und dem Bob Brookmeyer New Art Orchestra gespielt hat.
Zu Masha Bijlsmas exzellent eingespieltem Trio gehören Rob van den Broeck am Klavier – er ist Mitglied des European Jazz Ensemble -, Henk de Ligt am Kontrabass und Dries Bijlsma, ihr Vater, am Schlagzeug.

Mashas großer Atout ist die enorme Wandlungsfähigkeit, der Klangfarbenreichtum und der außergewöhnliche Tonumfang ihrer Stimme, ihr großes Stil- und Ausdrucksspektrum, bluesige Farbe und Sinnlichkeit. So singt sie Kompositionen von so grundverschiedenen Musikern wie Thelonious Monk, Fats Waller, Charlie Haden, Tony Lakatos, Jasper van’t Hof und Kate Bush und zeigt dabei, wie kreativ und progressiv man Klassiker des Jazz interpretieren kann. Daneben singt sie aber auch eigene Kompositionen, deren lyrische Texte sie oft selber geschrieben hat.

Wir können uns wieder auf einen abwechslungsreichen und mitreißenden Abend freuen.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Curtis Fuller Sextett

Lindenhof „DaPaolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Curtis Fuller: Posaune
Jim Rotondi, Trompete
Piero Odorici, Tenorsaxofon
Rob Bargad, Piano
Milan Nikolic, Bass
Joris Dudli, Schlagzeug

Zweifellos ist Blue Train von John Coltrane aus dem Jahr 1957 eines der unvergesslichen und ganz großen Stücke der Jazzgeschichte. Es beginnt nicht – wie man erwarten sollte – mit einem Saxofonmotiv, sondern mit einem zwölffach wiederholten Shout auf der Posaune, zu dem sich dann Trompete und Saxofon gesellen. Diese Posaune spielt Curtis Fuller, und hätte er nur dieses eine Stück aufgenommen, mit seinem warmen, schweren Ton hätte er sich bereits unsterblich gemacht. Seit dieser Epoche, die von Tenorsaxofon und Trompete dominiert wurde, hält er der damals wenig beliebten Posaune die Treue.

Mit und seit Blue Train hat Curtis Fuller seinen Platz in der Jazzgeschichte. Curtis Fuller ist aber auch auf Dutzenden anderer historischer Platten zu hören: mit den Adderleys, die er aus seiner Militärzeit kannte, mit Art Blakey, Dizzy Gillespie, Art Farmer, Benny Golson, Count Basie und Miles Davis und vielen, vielen anderen – und natürlich auch mit eigenen Gruppen. Da wurde er nicht von ungefähr für das Label Blue Note entdeckt. Gemeinsam mit J.J. Johnson zählt Curtis Fuller zu den herausragenden Posaunisten des Hard Bop. Nach einer längeren Zeit des Schweigens aufgrund gesundheitlicher Probleme und des Todes seiner Cathy gelang ihm vor einigen Jahren das Comeback, so z.B. auf dem Jazzfest Berlin 2009.

Und nun kommt er zu uns nach Braunschweig. Für uns Ältere wird mit ihm die Erinnerung an erste Begegnungen mit dem Jazz wieder wach, dieser damals in Europa weitestgehend unbekannten Musik, und an die Faszination, die der Jazz unser Leben lang auf uns ausgeübt hat. Mit Curtis Fuller kommt ein Musiker zu uns, der den Jazz wie kaum ein anderer personifiziert und der bestimmt auch bei jüngeren Generationen seine Gemeinde hat.

Ein großes Konzert in einem kleinen Rahmen – wir danken Joris Dudli für diese freundschaftliche Geste an das Braunschweiger Publikum. Wir erleben Joris dabei am Schlagzeug; neben ihm und Curtis Fuller hören wir Jim Rotondi mit seiner Trompete, Piero Odorici am Tenorsaxofon, Rob Bargad am Piano und Milan Nikolic am Bass.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
ckc
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Jam Session

Jazz-Kneipe Baßgeige, Bäckerklint 1, Braunschweig

Mit der Modern-Jazz-Session bietet die „Initiative Jazz Braunschweig“ in Zusammenarbeit mit der Bassgeige ein kreatives Forum für jazzbegeisterte lokale und regionale Musiker.
Die Session findet mindestens vier Mal im Jahr statt und wird von einem erfahrenen Musiker geleitet.
Eine Sessionband spielt einige Songs als Warming Up und gewährleistet, dass die traditionellen Instrumente einer Rhythmusgruppe während des ganzen Abends vorhanden sind.
Am Sa, den 17. März um 20 Uhr spielen Marcel Reginatto (sax), Hans-Christian Hasse (p), Fabian Claußen (b) und Daniel Ossege (dr).
Der Eintritt ist frei.

Eintritt: frei

Kritik zu „Mo’Blow“

Jazz geht auch anders
Die Berliner Jazz-Funk-Band Mo’Blow spielt tanzbaren Jazz

„Ja, den Düwel ook, watt war denn dütt?“ Gerade wird in den Groß-Feuilletons Land auf, Land ab dem deutschen Jazz Bedeutungslosigkeit attestiert. Er sei die Musik eines immer älteren Publikums, überhaupt: völlig verbürgerlichte, ritualisierte Sesselmusik. Zwischen den Polen „blonder Schmuse-Jazz“ und „hermetische Hirnigkeit“ taumelnd. Die revolutionären Angriffe auf die Hörgewohnheiten seien abgesunken zum kulturellen Erbe. Man brauche alternde US-Stars um Konzertsäle zu füllen. Also: Jazz-Deutschland ist tote Hose.
Ja, und dann taucht am Freitagabend die junge Berliner Jazz-Funk-Truppe Mo’Blow im Braunschweiger Lindenhof auf und straft die Diagnose Lügen. Ein Publikum, das am Konzertende den Musikern stehend applaudiert! Ein sichtbar höherer Anteil jüngerer Konzertbesucher! Musiker, die sich so gut angenommen fühlten, dass sie mehr als die obligate Zugabe spielten! Und dann, völliger Wahnwitz! Einige, eher jüngere Leute tanzten gar. Wäre das Gestühl nicht im Wege gewesen, wer weiß, wer noch alles zu den knackigen Rhythmen die Knochen geschüttelt hätte. Schließlich: selbst harte Traditionalisten merkten – Jazz geht auch anders.
Schon die Art des Auftretens der Band war erfrischend. Abwechselnde, verständliche und auch witzige Anmerkungen zu den Stücken. Das Solo-Spiel wird mal wörtlich genommen: alle anderen Musiker verlassen den Saal. Auch karikierende Showeinlagen und nicht zuletzt ungekünstelte Freude über die gute Resonanz beim Publikum wirken auflockernd. All das aber wäre nun nichts ohne die Musik.
Mo’Blows musikalisches Zentrum ist der Rhythmus, das Funkige, der Groove. Aber sie sind eben nicht nur eine „heiße Funkband“. Wohl spielte Matti Klein an seinem Fender-Rhodes-Piano und keinem anderen Tastenteil mit der rechten Hand oft repetitiv die typischen Floskeln. Natürlich war die Slaptechnik des Bassisten Tobias Fleischer mitunter dominant. Selbstverständlich röhrte Saxofonist und Frontmann Felix F. Falk oft perkussiv. Und Schlagzeuger André Seidel arbeitete sehr synkopierend am Schlagzeug. Das würde aber schnell langweilig, käme nicht etwas Wesentliches zu diesen Funk-Elementen hinzu, nämlich das Jazzige. Gemeint ist damit das Unvorhersehbare, das Durchbrechen des Schematischen vor allem in den Improvisationsphasen, wenn die Band schier abhob. Ob man dazu nun noch ein Didgeridoo braucht oder diverse Perkussionsteile, sei dahingestellt. Auch der Loop-Gebrauch des Bassisten müsste befragt werden: bringt er mehr Tiefe oder ganz neue Aspekte?
Mo’Blow ist ein echter Live-Act, für wahr. Tote Hose Jazz? Man ist so tot, wie man sich fühlt.

Klaus Gohlke

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Mo’Blow

Lindenhof „DaPaolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Matti Klein (keys)
Felix F. Falk (sax & perc)
André Seidel (drums)
Tobias Fleischer (bass)

Die Wiege von Mo’Blow stand in Liverpool, wo Felix F. Falk vor zehn Jahren während eines Studienaufenthaltes den Funk für sich entdeckte und die Ursprungsformation „Sahnefunk“ gründete. Aus ihr wurde schon ein Jahr später in Berlin die jetzige Band mit dem Namen Mo’Blow, in der sich der Saxofonist Falk mit dem Bassisten Tobias Fleischer, dem Schlagzeuger André Seidel und dem Pianisten Matti Klein zusammenfand. Seitdem erobern diese vier jungen Musiker die deutsche und europäische Funk-Szene, und das mit prominentester Unterstützung: Nils Landgren, die lebende Funklegende, hörte von ihnen, und es sollte nicht lange dauern, bis sie gemeinsam ein Album aufnahmen.

Schon bald begannen sie, ihr musikalisches Spektrum um Jazz und Soul zu erweitern, und Publikum und Kritik haben es ihnen gedankt: 2008 waren sie zweifacher Preisträger des Jazz & Blues Award und 2011 Gewinner des Future Sound, dem Wettbewerb der Leverkusener Jazztage.

Was sie auszeichnet, ist nicht nur das Neue, der frische Wind, den sie in die Szene gebracht haben, sondern auch ihre Energie und der ihnen eigene kernige Sound. Nichts kommt altmodisch oder konventionell daher, sondern alles in eigenständiger Komposition und ohne abzukupfern: eben superfrisch und überzeugend.

Die Kritik ist einhellig positiv und lobt die intelligenten Kompositionen und die teils ungewöhnliche Instrumentierung mit Didgeribones, einer Art Didgeridoo, die markanten Saxofon-Hooklines, den fetten Bass und das präzise verschleppte Schlagzeug.

Und www.unser-luebeck.de sagt: „Hier wird jeder noch so waghalsig angesetzte Break, jede noch so schräg gesetzte Synkope mit einer Lässigkeit und Selbstverständlichkeit ins Klanggeflecht gewoben, dass man nie befürchten muss, dieser Spaß und Spielfreude versprühende Vierer würde in der nächsten taktvertrackten Haarnadelkurve aus der Spur geschossen.“

Alles klar? We’ll hear!

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweiger Flammenfilter
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Kritik zu „Wanja Slavin Lotus Eaters“

Odysseus lässt grüßen

Die Wanja Slavin Lotus Eaters erzeugen musikalische Energieströme

Man vergisst die Heimkehr, isst man vom Lotus, dem süßen. Das sagt uns Odysseus, listreich und ruhlos. Und es braucht Gewalt, wieder zurück zu finden. Weg von der Droge, zurück zu der Heimat.
Die Wanja Slavin Lotus Eaters waren am Freitagabend zu Gast im Lindenhof zu Braunschweig. Eine drogenumnebelte Modern-Jazz-Kapelle?
Der Eindruck stellte sich höchstens dem ein, der Jazzmusik ohnehin als abnorme musikalische Äußerung betrachtet. Schon auf den ersten Blick musste auffallen, dass die Musiker sich höchst organisiert-rational verhielten. Man hatte Notenblätter vor sich liegen, man zählte richtig an. Man kommunizierte während des Spielens nonverbal. Alles hatte einen Anfang und ein Ende.
Gleichwohl war das Konzert getragen von einem hohen musikalisch-emotionalen Energiestrom, den aufzubauen und zu regulieren, Ziel allen Spielens war. Insofern hat der Chef der Gruppe, der Altsaxofonist Wanja Slavin, schon Recht, wenn er im Gespräch sagte, dass die Kompositionen doch recht einfach seien. Mit einem Augenzwinkern freilich. Einfach insofern, als die Konstruktionsprinzipien der Stücke gut erkennbar wurden. Es waren gewissermaßen Module, die auf unterschiedliche Weise gekoppelt wurden. Eine einfache Tonfolge, vom Saxofonisten vorgegeben, wird vom Pianisten Rainer Böhm aufgegriffen und in Akkordfolgen übersetzt, Bass und Schlagzeug geben ordentlich Druck hinein und auf dieser Plattform beginnt ein rasendes Sax-Solo. Dem folgt eine heftige Abkühlungsphase, in deren Zentrum eine ausdrucksstarke Bassimprovisation von Andreas Lang steht. Dann wieder ein Powerschub durchs Piano, unterstützt oder durchbrochen von Schlagzeugsalven des Drummers Tobias Backhaus.
Genauso gut konnte das Schlagzeug das Intro liefern: feinziselig-esoterische Geräuscherzeugung mit Glöckchen, Zimbeln, Beckenkuppen, Fellschrapen, was dann in einen straffen Rhythmus überführt wurde. Auf der Basis entwickelte sich ein immer stärker werdender Tonstrom, der in eine Art wilden freien Improvisierens überleitete, aus dem immer wieder ein Instrument sich emporschwang. Ja: Lotus ließ grüßen!
So war es nur folgerichtig, dass die Titel der Stücke beliebig waren: Hippie1 und 2, Ohne Titel, Rock. Es ging ja nicht um Melodieentwicklung oder Harmoniegesetze. Nur einmal, fast am Ende des Konzertes, fühlte man sich urplötzlich um Jahre zurückversetzt, als die Lotus Eaters die Ellington Nummer „Isfahan“ spielten. Ein freundlich-ironischer Gruß aus dem „Damals war’s!“ der Melodieverliebtheit.
Ein tolles Publikum, sagte Slavin später. Stimmt. Es folgte dem Konzert mit hoher Anspannung und erkannte, bei nur geringem Drogeneinsatz, die Umsetzung von Emotionen in komplexe musikalische Sprache.

Klaus Gohlke

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Wanja Slavin Lotus Eaters

Lindenhof „DaPaolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Wanja Slavin: Altsaxophon
Rainer Böhm: Piano
Andreas Lang: Bass
Tobias Backhaus: Schlagzeug

Seinen Namen „Lotus Eaters“ hat dieses junge Quartett aus der griechischen Mythologie entlehnt: Auf seinen Irrfahrten war Odysseus auch einmal bei den Lotophagen gelandet, die ihm und seinen Mannen gastfreundlich ein paar Lotusfrüchte anboten. Aber kaum hatten die Männer davon gegessen, hörten sie Sphärenklänge, waren von wunderlichen Wahrnehmungen umwoben und schwelgten in glückseligem Vergessen. Odysseus musste sie dieser glücklichen Insel mit Gewalt entreißen und anketten, damit sie ihm wieder aufs Schiff und in Richtung Heimat folgten.
Da liegt natürlich die Vermutung nahe, dass Wanja Slavin und seine Mannen uns, ihr Publikum, mit ihrer Musik auch in hypnotische Sphären und damit zu neuen Ufern entführen wollen.
Was sie spielen, geht vom Deep Jazz aus und führt die Tradition fort, die von John Coltrane und Bill Evans mit großer Leidenschaftlichkeit und Poesie begründet wurde. Und auch in ihren eigenen Kompositionen legen die Lotus Eaters eine Durchdringung der musikalischen Materie und eine Virtuosität an den Tag, die das Publikum in Staunen versetzt.
Ein Kritiker sagte, wenn Wanja Slavin und seine kongenialen Musiker die Zukunft des deutschen Jazz seien, müsse man sich keine Sorgen machen. Sie sind tatsächlich innerhalb kurzer Zeit zu den größten Hoffnungsträgern, zu den wichtigsten Stimmen unserer Jazzszene geworden. Was bisher von der im Jahr 2008 gegründeten Band an Aufnahmen im Umlauf ist, klingt auf jeden Fall so, als ob die zur „U 30“-Generation gehörenden Musiker eine große Zukunft vor sich haben.
Diese Zukunft hat schon begonnen: Dieses Jahr belegten sie den zweiten Platz bei dem jährlichen BMW Welt Jazz Award, bei dem sie in der letzten Runde gegen Nils Wogram antraten, der für uns ja kein Unbekannter ist.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

» Weitere Informationen

Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Öffentliche Versicherung Braunschweig
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
Radio Okerwelle

Kritik zu „John Abercrombie & Marc Copland“

Viel abstraktes Gebirg

Das Duo John Abercrombie und Marc Copland spaltet das Publikum

Zeitgeist war das nicht, was John Abercrombie an der Gitarre und Marc Copland am Piano beim Jazzkonzert am Freitagabend im Lindenhof zu Braunschweig vorstellten! Fünf Stücke pro Set, jedes um die zehn Minuten lang. Die Instrumente nur schwach verstärkt. Die Gitarre, eine Semi – Akustik, fast ohne Effekte. Kompositionen mit hochkomplexer Struktur. Dazu erkennbar der Wille, Klischees des Duo-Zusammenspiels, das permanente Wechselspiel etwa von Solo- und Begleitphasen, zu vermeiden. Eine ungemein intensive Kommunikation der beiden Musiker, die auf der anderen Seite ein ebenso hochkonzentriertes Zuhören abforderte. Zudem zwei Männer, die nichts mehr beweisen müssen, was ihr Können betrifft. Erfahrungsgesättigt, was Spieltechnik, Harmonik, Melodik, Rhythmik, Metrik und Traditionen betrifft. Man war gewissermaßen zurück geworfen auf Musik pur. Nicht ohne Herz, absolut nicht, aber gewaltig hirnig. Kammermusikalischer Jazz oder Neue Musik? Die Schubladen klemmen.

Ein Jazz-Konzert, das den Veranstalter, die Intiative Jazz Braunschweig eigentlich glücklich stimmen durfte, denn es war schon im Vorverkauf ausverkauft. Doch – wie passt das zusammen? Einerseits die anspruchsvoll-abstrakte Musik und der große Publikumszuspruch? Es sind einmal die großen Namen. Jazz – Champions – League eben. Ohne Marc Copland weh tun zu wollen: es zog vor allem wohl der Name Abercrombie. Ein Mann des Jazz – Gitarren- Olymps. Zum anderen eben die Tatsache, dass mal wieder ein Gitarrist konzertierte, zudem im Duo. Mal nicht die ewigen Klaviertrios.
Es sei aber nicht verschwiegen, dass die dargebotene musikalische Kost nicht allen schmecken wollte. Das Publikum war gespalten. Schon in der Pause Absetzbewegungen, dann noch einmal am Ende des zweiten Sets vor der Zugabe. Das lag nicht nur an gewissen Unkonzentriertheiten und Unzufriedenheiten Abercrombies mit sich selbst oder mit der Technik vielleicht. Nein, man konnte sich ja kaum genug wundern, mit welcher Leichtigkeit dieser Gitarrist die Saiten behandelt. Dass das Niederdrücken von Saiten eine physische Komponente besitzt, ließ Abercrombie vergessen. Es schien, als tupfte er nur Flageoletts. . Marc Copland zauberte seine schwebenden, offenen Klänge. Eine schier überbordende Fülle von Ideen und Anspielungen. Das beeindruckte , aber offenbar nicht vollends.

Nur einmal, beim letzten Stück, dem Standard „Someday my prince will come“ sprang der Funke über. Hier wurde deutlich, was etlichen Besuchern fehlte. Eine schöne Melodie, die immer wieder erkennbar auftaucht. Dazwischen mag noch so viel abstraktes Gebirge sich auftürmen – ein Wohlklang, etwas Erinnerbares, eine gewisse Wärme ist gerade bei kammermusikalischem Jazz nötig, um das Publikum zu konzentriertem Hören zu verführen.

Klaus Gohlke

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John Abercrombie & Marc Copland

Lindenhof „DaPaolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

John Abercrombie: guitar
Marc Copland: piano

Das Konzert ist ausverkauft

„Speak to Me“ haben Pianist Marc Copland und Gitarrist John Abercrombie ihre erste gemeinsame Duo-CD genannt – und das ist es, was hier passiert: ein Dialog zweier Vollblutmusiker, die sich nichts mehr beweisen müssen, ein Dialog zweier Harmonie-Instrumente und letztlich auch ein Dialog von Musik und Musikern. Es ist ein leises, ruhiges Reden, distinguiert und tiefsinnig, heiter und leicht. Marc Copland und John Abercrombie blenden alles Überflüssige aus und lassen sich im Fluss der Melodien und Akkorde treiben, wobei sie beide die Freiräume des anderen achten und sich gleichzeitig zunutze machen.
Schon vom Sound her ergeben die beiden eine verblüffende Symbiose. Im Spielen wie auch im Kompositorischen sind Copland und Abercrombie ganz offenbar Brüder im Geiste. Abercrombie zeigt, dass er eine besondere Gabe im Fortspinnen melodischer Fäden hat: Aus kleinen Motiven entstehen Gebilde von berückender Schönheit, die stets einen ganz eigenen Zauber entfalten, weil sie harmonisch und melodisch immer wieder unerwartete Wege gehen. Auf subtile Art lyrisch sind diese Stücke, sie haben höchst eingängige Momente und entziehen sich dann aber auch wieder der allzu leichten Memorierbarkeit: Kleine, flüchtige Klangskulpturen.
In Coplands eigenen Stücken gibt es ganz ähnliche Phänomene: Oft gibt es zupackende Begleitmotive und ein leicht fassbares Thema, das sich aber durch Coplands unorthodoxe Harmonik gleich wieder dem Eindruck des Griffig-Ohrwurmhaften entzieht. Und auch hier ergibt sich – gerade durch die Harmonien – ein Charakter von Flüchtigkeit und edler Momenthaftigkeit. Der wiederum verstärkt sich noch in Copland-Stücken wie Falling Again und Talking Blues: Gebilde, die eine ganz eigene Schönheit durch sanfte Verfremdung scheinbar vertrauter Motive erhalten.

Wunderbar organisch wirkt das musikalische Zusammentreffen dieser beiden Großmeister des zeitgenössischen Jazz. Fast ist es manchmal, als würden die Musiker sich behutsam ineinander spiegeln – so dass jeder immer wieder Züge des anderen übernimmt, aber die Silhouette doch immer klar erkennbar die jeweils eigene bleibt. Besonders spannend bei so profilierten Musikern und Jazzkomponisten wird es, wenn dann doch Standards im Repertoire auftauchen.

Künstler der Verwandlung und der Anverwandlung sind die beiden Musiker – und sie wirken hier in einer Weise zusammen, wie nur sie es können. Feine, ruhige Kommunikation mit enorm prägnanter Aussage – gewiss nicht nur für langjährige Bewunderer der beiden ein Jazz-Ereignis.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 10, Tel.: 0531 / 16606
– Online über eventim
– Abendkasse
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Das Konzert ist ausverkauft

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
GOD, Gesellschaft für Organisation und Datenverarbeitung mbH
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig
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