Kritik zu „SNOW OWL TRIO – THE ART OF CONTRABASS GUITAR“

Hochfliegende Schneeeulen

Bassisten haben es nicht immer einfach. Schon rein optisch ist das mitunter bemerkbar. Man denke nur an den armen alten Bill Wyman von den Rolling Stones. Immer stand er am Rande, eher hinten, fast im Halbdunkel. Auch im Jazz ist das Bassisten-Leben hart. Schon das Instrument: unförmig und flugzeuguntauglich. Nur vier Saiten sind zu bespielen! Dann aber die grundsätzlichen Einwände: der Bass bestimme zu sehr das tonale Zentrum. Konsequenz: Verbannung und Ersetzung z.B. durch die Bassklarinette. Oder, wenn es ums Klaviertrio geht: Der Bass sei nicht so durchsetzungsfähig gegenüber dem Melodie- und Akkordinstrument Klavier. Auch hier: Verbannung.
Der kolumbianische Bassist Juan Gárcia-Herreroes, a.k.a. Snowowl, wählte einen eigenen Weg, diesen Problemen aus dem Weg zu gehen. Er legte sich einen sechssaitigen Bass zu, um so den Tonumfang gehörig zu erweitern. Mit seinem Snow Owl Trio präsentierte er am Freitagabend in den Räumen der Landessparkasse Braunschweig „The Art of Contrabass Guitar“. Es war übrigens das 20. Konzert, das die Initiative Jazz-BS und die Landessparkasse zusammen veranstalteten.
Um es vorab zu sagen: Das Konzert hätte mehr Zuhörer verdient, denn was die Musiker präsentierten, war schon vom Feinsten. Solo-Partiten, durchaus J.S. Bach-affin, satte Samba- Grooves, Blues-Variationen, offene Kompositionen.
Was man befürchten konnte, dass der Bass in seiner dominanten Rolle die Mitspieler zu bloßen Randfiguren degradieren werde, trat nicht ein. Der ebenfalls aus Kolumbien stammende Pianist, Hector Martignon, hatte genug Gelegenheit sich auszuzeichnen. Mal ganze Tonkaskaden dem Klavier entlockend, mal scharf reduziert die musikalische Substanz einer Komposition freilegend, war es vor allem aber seine rechte Hand, die in den hohen Lagen seines Instruments messerscharfe Akzente setzte. Das inspirierte ein ums andere Mal den jungen österreichischen Schlagzeuger, Valentin Schuster. Verblüffend, wie seine raffinierte Rhythmik sich Freiheiten herausnehmen konnte, ohne den Beat zu verleugnen. So gelang es dem Trio, mit einem Geflecht komplexer Harmonien und deutlicher Riffs ein musikalisches Fundament zu legen, das der Freiheit des modernen Jazz eine stimmige Form gab.
Natürlich könnte die dominante Rolle den Bassisten dazu verleiten, mitunter mehr Töne zu spielen, als nötig sind. Gárcia-Herreroes verzichtete aber weitestgehend auf l’art pour l’art-Ornamente. Gerade in den besinnlicheren Stücken („Goodnight resurrection“), bewies er eine sehr diszipliniert lyrische Spielweise.
Dass er es auch richtig krachen lassen kann, zeigte er mit dem „Blues für Krampus“. Ein Feuerwerk aller Bass-Spieltechniken und der gezielte Einsatz elektronischer Verfremdungen ließen ein lebendiges Bild jenes alpenländischen Knecht Rupprecht entstehen. Und für die Bassfreaks, die Sehnsucht nach dem satten Tiefton-Spiel hatten, griff der Kolumbianer in „Second choice“ auch mal zum traditionellen Viersaiter.
Ein schöner Jahresabschluss, der gespannt sein lässt auf das nächste Konzert Ende Januar 2011.

Klaus Gohlke

SNOW OWL TRIO – THE ART OF CONTRABASS GUITAR

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1, Braunschweig

Juan »Snow Owl« Gárcia-Herreros, Kontrabassgitarre
Hector Martignon, Piano
Valentin Schuster, Schlagzeug

Es gibt nicht allzu viele E-Bassisten, die allein durch den besonderen, eigenen Klang im Gedächtnis haften bleiben. Eberhard Weber, Steve Swallow und natürlich Jaco Pastorius zählen dazu. Nun gesellt sich ein weiterer Bassist in diese kleine, aber illustre Runde – auch er nicht nur durch seine virtuose Fingerfertigkeit, sondern eben durch seinen Sound: Juan »Snow Owl« Gárcia-Herreros.

Geboren in Bogota, Kolumbien, wo ihm die Indianer der Anden den Namen »Snow Owl« gaben, doch aufgewachsen im »melting pot« New York, wo er begann, Bass zu spielen und all die verschiedenen Musikrichtungen zu mischen, die er dort hörte: Blues, Funk, Jazz, Heavy Metal, Salsa, Rock …Im Alter von 18 Jahren erlangte er ein Stipendium für das weltbekannte Berklee College Of Music in Boston. Dort entschied sich „The Snow Owl“ auch endgültig für sein Instrument: nicht Kontrabass oder regulärer E-Bass, sondern eine „six string electric contrabass guitar“, ein sechssaitiger, speziell gestimmter E-Bass, der in der Lage ist, die Töne aller Bassinstrumente eines Orchesters zu spielen – vom tiefsten Ton des Klaviers bis zum höchsten Ton des Cellos. Der Bass von Juan »Snow Owl« Gárcia-Herreros kann klingen wie eine Flamenco-Gitarre oder wie ein Donnergrollen. In seinen Kompositionen erscheinen wunderschöne Melodien und faszinierende Stimmungen, die Geschichten erzählen.

Dabei wird er in seinem SNOW OWL TRIO von großartigen Musikern unterstützt: der Pianist Hector Martignon, ebenfalls Kolumbianer, ist eine lateinamerikanische Pianolegende. Er spielte in den Bands von Ray Barretto und Richard Bona und wurde mit seiner eigenen Band 2008 für den Grammy in der Kategorie »Best Latin Jazz Album« nominiert. Schlagzeuger Valentin Schuster ist gefragter Sideman der jungen, österreichischen NuJazz-Szene.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
(14 Cent/Min. aus dem Festnetz; Mobilfunk max. 42 Cent/Min.)
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweigische Landessparkasse
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu „Karin Hammar Quartet“

Magische Momente

Durchdachter und kultivierter Jazz aus Schweden

Wirklich, es gibt im Musikleben Ereignisse, die kann man sich nur schwer erklären. Nämlich: Warum war das Konzert des Karin–Hammar-Quartets am Freitagabend im Lindenhof zu Braunschweig so gut wie ausverkauft? Die Posaunistin ist kein „Top-Act“, wie man so sagt. Warum trotzdem? War der Grund etwa das Erstaunen, dass eine Frau die Posaune spielt und Bandchefin zugleich ist? Denn: Wie viele Posaunenspielerinnen gibt es überhaupt in der schönen, weiten Welt? War es der gute Ruf der schwedischen Jazzmusik, qualitativ Top zu sein, ohne dass man Ausbrüche ins schwer Hörbare befürchten muss? Erinnerungen vielleicht an schwedische Jazzer in Braunschweig, allen voran E.S.T. und Nils Landgren, dem Übervater der schwedischen Jazz-Posaune und Hammar-Förderin? Oder war es das Foto der Schwedin auf den kleinen Vorankündigungen?
Warum auch immer: die Initiative Jazz-BS war es zufrieden und die Zuhörerschaft ebenfalls.

Das Quartett präsentierte ein Jazz-Konzert, das die Vorzüge der improvisierten Musik mehr als einmal deutlich machte. Allerdings leuchteten am Horizont auch Gefahren dieses Zusammenspiels auf. Man erlag ihnen allerdings erfreulicherweise nicht.
Wunderbar war es stets, wenn die Band zu „grooven“ begann. Plötzlich lief alles zusammen, wie etwa im Stück „Mind Candy“. Bass, Schlagzeug und Klavier lieferten einen Hochgeschwindigkeits-Klangteppich, auf dem Karin Hammar Platz hatte, gegen die Tempovorgabe entspannte und wohl durchdachte solistische Ausflüge zu starten. Wunderbar diese satten „Bratz-Töne“ in den tiefen Lagen, wie sie nur die Posaune erzeugen kann. Und da hinein fängt mit einem Mal der überragende holländische Bassist Tony Overwater an, in sein Basspiel ein ums andere Mal minimale Abweichungen einzubauen, zuverlässig vom Schlagzeuger Anders Kjellberg assistiert. Es ist Zeit und Raum da, solche musikalischen Einfälle zu verfolgen. Der Sog der Musik zieht das Publikum spürbar in den Bann.
Das Gleiche gilt aber auch für das Ausloten rhythmischer Strukturen. Alle Variationsmöglichkeiten, die die lateinamerikanische Musik bietet, werden von den Musikern ausgeschöpft, um dann sanft in eine Art Folk-Jazz hinüber zu gleiten. Das ist beeindruckend unakademisch und erhellend. Es sind gewissermaßen magische Momente, die urplötzlich entstehen und produktiv genutzt werden. Besonders schön gelingt das in balladenartigen Stücken wie „Voicemail“ und „Stationary“, wo auf der Basis ostinater Figuren Möglichkeiten für solistische Exkurse geschaffen werden. Mammar ist kein Landgren-Aufguss. Auf ganz eigenständige Weise greift sie auf verschiedenste Genres zurück, etwa den Blues, auf Salsa, schwedische Weisen, lateinamerikanische Musik. Alles sehr durchdacht und kultiviert. Expressive Ausbrüche vermeidet die Band.
Wie Karin Hammar aber ihre Stücke aufführungspraktisch arrangiert, darin steckt eine große Gefahr. In jedem Stück erhält jeder Musiker Gelegenheit für einen Solopart. Das kann Längen produzieren. Nur sehr disziplinierte Musiker, die sich nicht zu Egotrips hinreißen lassen, können diese Untiefen vermeiden. Beispielhaft etwa der Pianist Adam Forkelid, der sich solistisch gern kontrastreich in den höheren Lagen tummelte, aber nie selbstverliebt sich verbreitete. Gleichwohl: eine andere Form des Interplay, weg von der Hierarchie von Solo und Begleitung zur Gleichzeitigkeit des improvisatorischen Spiels könnte mitunter einen höheren Grad an musikalischer Aussage schaffen.
Und noch etwas ließ das Publikum fast ergriffen zurück: der reine Wohlklang, wie ihn das Quartett mit der Zugabe, einer Instrumentalfassung des Stevie-Wonder-Hits „Overjoyed“, ablieferte. Auch das gehört zum modernen Jazz. Besänftigt-friedvoll trat man hinaus in die Herbstnacht. Was will man mehr?

Klaus Gohlke

Karin Hammar Quartet

Lindenhof „Da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Karin Hammar: Posaune
Anders Kjellberg: Schlagzeug
Adam Forkelid: Klavier
Tony Overwater: Bass

Jazz aus Schweden ist längst kein Geheimtipp mehr. Man denkt sofort an großartige Trios (z.B. E.S.T.; Bobo Stenson, Tigvall), an Vokalistinnen (etwa R. Gustafsson, V. Tolstoy), an den umtriebigen Mann mit der roten Posaune: Nils Landgren. Es gibt aber noch eine zweite Posaune, die von sich reden macht: die von Karin Hammar.
Sie selbst bezeichnet sich als „freelancer“ in den Gefilden des Jazz, Salsa, Pop, Bossa Nova und verwandten Stilrichtungen. Was sie in die Spitze der europäischen Posaunenspieler aufsteigen ließ, ist der feine, intonationssichere, mal saubere, mal „dreckige“ Ton, den sie je nach Situation zu spielen vermag. Ihre Kompositionen sind geschmeidig, präsentieren akustischen Jazz mit groovigen und lyrischen Seiten.
Ihr Auftritt bei der JazzBaltica 2009 ließ den NDR urteilen: „Anspruchsvoller, virtuoser Jazz mit zum Teil hypnotischen Beats und Basslinien (…) Hammar selbst überzeugt durch einen vollen lyrischen Ton.“
Unterstützt wird sie dabei durch die gut eingespielte Rhythmusgruppe, die mehr als solide begleitet und selbst für solistische Höhepunkte sorgt.

Letzte Veröffentlichung: Everyday Magic. 2009. Skip Records/Soulfood. SKP 9091-2

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
(14 Cent/Min. aus dem Festnetz; Mobilfunk max. 42 Cent/Min.)
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu „Yuri Honing „Wired Paradise“ – White Tiger Tour 2010“

Ordentlich was auf die Ohren

Das Paradies ist uns versperrt. Darüber wachen die Cherube. Dass nun aber auch das musikalische Paradies uns unzugänglich bleibe, dafür will der niederländische Saxofonist Yuri Honing mit seiner Electricband „Wired Paradise“ sorgen. Umzäunt, verdrahtet, verkabelt wird die schöne alte Welt des Jazz. Stille ist damit aber nicht gemeint, mitnichten. Was uns stattdessen erwartet, war beim ersten Konzert der Veranstaltungsserie 2010/11 der Initiative Jazz-BS am Wochenende im Lindenhof zu hören. Eine Art Fusion-Jazz, der furchtlos Rock, Pop, Jazz, Weltmusic und Electronica in sich vereinigt. Oder – wie Honing es im Gespräch formuliert – diese Welt „mit aller Schönheit und Scheußlichkeit, die uns umgibt“ repräsentiert.
Was überwog nun an diesem Abend: Schönheit oder Scheußlichkeit? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall spielte das Quintett das, was Jugendliche in den Metropolen wieder in die Clubs führt: die tanzbare Jazzmusik. Eine Musik, die sich – wie ihre Zuhörer – nicht um Genregrenzen schert, nicht um Stile. Die gute Unterhaltung sucht und nicht Ideologien zum Thema „Ist das noch Jazz?“
Tanzbarer, gegenwartsorientierter Jazz, das braucht klare Strukturen. Also durchlaufend eine leicht identifizierbare Rhythmik, keine Scheu vor eingängigen Melodien und gleichzeitig typische Ausdrucksmittel des Jazz. Deshalb hatten Bass und Schlagzeug wieder die traditionelle Aufgabe, fast ausschließlich das rhythmische Fundament zu legen, und zwar sehr rockorientiert. Basslinien, die Mark Haanstra nur minimal verschob und somit einen fast magischen Sog entwickelte, waren das eine. Das andere war der knochentrockene Beat des Schlagzeugers Joost Lijbaart, im Zentrum dabei das Spiel auf der Snaredrum. Gewehrschussartig in der Regel. Solistische Ausflüge waren insofern für beide Musiker nicht drin.
Getragen von diesem Groove konnte dann Honing mit seinem Tenorsaxofon, typisch im Eröffnungsstück „Zitelle“ aber auch in im späteren „Space oddity“, eine leicht singbare Melodie vortragen, die eingebettet wurde von Klangfeldern der beiden Gitarristen Stef van Es und Frank Möbus. Was folgte, war von Stück zu Stück sehr verschieden. In „Meet your demons“ wurde Jazz-Punk gefetzt, „CastorPollux“ wiederum kam im Freejazzgewand daher. Dann wieder gaben sich die Musiker beinahe ungebrochen rockpoppigen Melodien hin („Lost“).
So gab es für das Publikum ordentlich etwas auf die Ohren. Besonders im zweiten Set wurde die Musik zu einem auch physischen Erlebnis. Das hatte einerseits mit der spezifischen Holzfußbodenkonstruktion des Piccolotheaters zu tun, die durch den Basssound ins Vibrieren geriet. Vor allem aber war das zu viel Lautstärke für den kleinen Raum. Die musikalischen Feinheiten drohten bei den Powerstücken mitunter verloren zu gehen.
Für diese Musik mit Bodenhaftung hätte man sich einen größeren, vor allem jüngeren Zuhörerkreis gewünscht, machte die Band doch hinreichend deutlich, dass Jazzmusik nicht zwingend mit elitärer Hirnlastigkeit zu verbinden ist. Alles in allem ein viel versprechender Start in die neue Jazz-Saison.

Klaus Gohlke

Yuri Honing „Wired Paradise“ – White Tiger Tour 2010

Lindenhof „Da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Yuri Honing: Saxofone
Mark Haanstra: E-Bass
Joost Lijbaart: Schlagzeug
Frank Möbus: E-Gitarre
Stef van Es: E-Gitarre

Yuri Honing zählt zu den bedeutendsten Saxofonisten der Niederlande. Grund dafür ist zweifellos die umfassende Tour-Erfahrung, die ihn durch mehr als 50 Länder führte; freilich auch die umfangreiche Diskographie mit mehr als 30 Titeln; natürlich auch die Zusammenarbeit mit den Größten des modernen Jazz. Dafür sprechen selbstverständlich auch die zahlreichen internationalen Ehrungen. Was ihn seit einigen Jahren aber so angesagt sein lässt, das ist seine Arbeit mit der Elektrik-Band „Wired Paradise“, die einen spektakulären Mix aus Elektronica, Rock, Pop und Jazz kreiert.

Es geht Honing nicht um eine popularisierende Fusionmusik. Vielmehr will er zeigen, dass Jazz eine eigene musikalische Sprache spricht: unverwechselbar und permanent im Wandel begriffen. Das macht er z.B. dadurch klar, dass er die Akkordstrukturen der adaptierten populären Musik nicht verändert, sondern allein durch die Melodie-Ausdeutung und die Phrasierung zu völlig neuen Klangergebnissen kommt.

Honing benutzt seine Saxofone oft elektronisch verfremdet als eine Art Stimme. Seine beiden Gitarristen repräsentieren in der Band zwei ganz gegensätzliche musikalische Stilrichtungen. Der bekannte deutsche Gitarrist Frank Möbus ( „Roter Bereich“) vertritt den eher kühlen Avantgarde-Jazz, während Stef van Es die rockmusikalischen Anteile einbringt. Bassist Mark Haanstra und Schlagzeuger Joost Lijbaart liefern eindrucksvoll die Grundlagen für den Groove der Stücke, wobei der eher 4/4-orientiert als swingend-ternär ist.

Honings Spiel wird durch seinen weiten musikalischen Hintergrund vertieft. So verschiedene Einflüsse wie die arabische Musik (The Orient Express“, 2001), aber auch die der Klassik (Franz Schuberts „Winterreise“ 2007 mit Nora Mulder am Piano) gehören zu seinen Arbeitsfeldern.
Es erwartet uns folglich nicht Smooth-Jazz, sondern Risiko und Abenteuer.

Letzte Veröffentlichungen: White Tiger-Live (2009: SunnyMoon); Meet your demons (2008: SunnyMoon).

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
(14 Cent/Min. aus dem Festnetz; Mobilfunk max. 42 Cent/Min.)
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Jam Session der Initiative Jazz Braunschweig e.V.

Jazz-Kneipe Baßgeige, Bäckerklint 1, Braunschweig

Blue Line

Die Baßgeige setzt mit der „Modern-Jazz-Session“ die lange Tradition fort, ein kreatives Forum für jazzbegeisterte lokale und regionale Musiker zu bieten: spontan, überraschend und einzigartig in der Stadt.
Als Opener Band gestaltet das Jazz-Ensemble „Blue Line“ den ersten Set des Abends musikalisch, danach ist die Bühne offen für alle Interessierten.
„Blue Line“ existiert seit einigen Jahren als laufendes Projekt unter der Leitung des Braunschweiger Pianisten Hans-Christian Hasse im Rahmen der Musikpädagogen-Ausbildung an der TU Braunschweig.
Wir danken für die freundliche Unterstützung der „Initiative Jazz Braunschweig e. V.“

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Eintritt: frei

Kritik zu „Claudio Puntin Oktett“

Ist das erlaubt?

Ja, den Düwel ook, wie soll man diese Musik einordnen? Ist nicht diese Formation schon höchst bedenklich? Ein Oktett im Piccolo-Theater des Lindenhofs zu Braunschweig! Wie sollen sich da acht Musiker vor der Bühne platzieren, ohne sich gegenseitig beim Spiel zu behindern? Und: Man sehe sich nur an, was da für Instrumente zum Einsatz kommen! Was, bitte schön, haben in einer Jazzband ein Zischboard, ein Altflöte, eine Bass-, eine Kontrabassflöte zu suchen? Und was sind Toys, also Spielzeuge? Muss der Jazz nun die absurdeste Instrumentierung suchen, um interessant zu erscheinen? Wen hatten die Leute von der Initiative Jazz Braunschweig zum letzten Konzert vor der Sommerpause da eingeladen?

Der Konzertbeginn: War es Unterwassermusik, dem Namen der Band folgend: Claudio Puntins „Sepiasonic“? Oder eher Sphärengeräusche? Denn: Klänge waren das ja weniger. War es nicht etwas wie Alphorn, dann auch wie Bahnübergangswarnglocke? Wer machte da überhaupt welche Geräusche? Fast zehn Minuten eine Konzentrationsübung auf minimale Klangerzeugung, eine Übung in Sachen Entschleunigung. Dann eine weibliche Stimme. Mit einem Mal: es zischt, rockt, rollt, rattert, pling-plongt, bimmelt, megaphont und endet in einer Kakophonie. Beeindruckend und verwirrend zugleich.
Das nächste Stück nicht minder irritierend. Zarter elegischer Gesang, durchbrochen von heftigen Rhythmen, ein Break: es folgt ein dreistimmiger Flötensatz mit Liz Hurst an der Kontrabassflöte, Daniel Agi an der Bassflöte und Daniel Manrique-Smith an der Alt- und Piccoloflöte,was an klassische Musik erinnert. Dazwischen dann höchst waghalsige Unisonopartien von Claudio Puntins Klarinette und Insa Rudolphs Gesang. Ein Ton daneben wäre das Aus gewesen. Aber nichts da: absolut gekonnt. Man redet heutzutage sehr viel vom skandinavischen Frauenstimmwunder. Insa Rudolph kommt aus Göttingen, Deutschland und steht den Sängerinnen in nichts nach.
Dann wird man musikalisch nach Paris geführt, natürlich auf Umwegen. Die Klarinette ist hörbar nur über die Klappengeräusche, Jörg Brinkmann spielt diesmal ein gestrichenes Cello, Samuel Rohrer unterlegt das alles mit zarten perkussiven Mitteln, Flöten dahinter – alles etwas psychedelisch. Und aus diesem recht freien assoziativen Klangteppich heraus entwickelt sich eine wunderbar leichtfüßige Musik im Musette-Neuve-Stil. Und um die Sache vollends wundervoll zu machen, kommt die Stimme hinzu, zeitlich und akustisch durch den verfremdenden Klang des Megaphons in die Ferne gerückt.
Ein Nocturne wird angekündigt. Die erwarteten träumerisch-elegischen Klänge umschmeicheln die Zuhörer, jäh aber wird daraus ein heftig groovendes Stück, kräftiger Übergang vom ¾ in den 4/4 Rhythmus, sodass aus dem Traum eher der Alptraum erwächst: Poltergeister und Kobolde bestimmen die Atmosphäre. Schluss!Aus! mit der alten Nocturne-Vorstellung.
In der Programm-Musik „Mitternacht“ wird das Kompositions- und Arrangementsprinzip Claudio Puntins noch einmal recht deutlich. Die Geisterstundenatmosphäre wird durch Tonmalereien bis hin zu Käuzchenrufen sinnfällig. Dann schiebt Kim Efert auf seiner E-Gitarre – nicht brachial, aber immer bestimmender – schwere Gitarrenriffs dazwischen, die Klarinette ergänzt mit geradezu übersinnlichen Tonkaskaden. Eine unruhige Mitternacht. Das Stück endet mit einem berückenden ruhig atmenden Cello-und Bassklarinetten-Ostinato, dissonant umspielt vom dreistimmigen Flötensatz. Ruhe durchaus, aber nicht romantisch. Alle musikalischen Mittel werden kreativ ausgeschöpft, um ein differenziertes Stimmungsbild zu entwickeln.
Wie also soll man diese Musik einordnen? Ist das Jazz, ist das zeitgenössische Kammermusik? Nun, wen interessieren eigentlich die Schubladen? Das Publikum war auch ohne diese völlig zu Recht ungemein angetan.

Klaus Gohlke

Claudio Puntin Oktett „Sepiasonic“

Lindenhof „Da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Claudio Puntin: Klarinetten, Zischboard, Toys
Insa Rudolph: Gesang, Toys
Kim Efert: Gitarre, Toys
Jörg Brinkmann: Cello
Samuel Rohrer: Schlagzeug, Zischboard, Toys
Daniel Manrique-Smith: Altflöte, Flöte
Daniel Agi: Alt-, Bass-, Kontrabassflöte
Liz Hurst: Kontrabassflöte

Zum Abschluss vor der Sommerpause präsentiert Ihnen die Initiave Jazz-Braunschweig den international renommierten und vielseitigen Klarinettisten und Komponisten Claudio Puntin mit dem Oktett „Sepiasonic“, das er mit der Sängerin Insa Rudolph 2006 gründete.
Absicht der beiden war, Songs in außergewöhnliche, akustisch erzeugte Klänge zu betten. Ein wichtiger Bestandteil der Soundästhetik der Band ist der dreistimmige Flötensatz, der den Kompositionen einen samtenen harmonischen Hintergrund liefert. Hinzu kommen – neben die für jazznahe Bands nicht ungewöhnlichen Instrumente Schlagzeug, Gitarre, Klarinette und Cello – auch eine Vielzahl so genannter Toys: Megaphone, Taschenharfe, Spielzeugpiano und das Zischboard. Das ist ein von Puntin für diese Band erfundenes Instrument, das mithilfe unterschiedlich klingender Luftdüsen funktioniert.
So ausgestattet kann die organisch verwobene Klangtextur, mit der die lyrischen Melodielinien unterfüttert werden, ein in vielen Schattierungen schimmerndes, kammermusikalisches Farbspektrum entfalten, das seine Jazzherkunft gleichwohl nicht leugnet. Heraus kommt eine Musik, in der klassische Kompositionstechniken, Improvisation und komplex groovende Polyrhythmik in einer spannenden Dramaturgie zusammengeführt werden.

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
(14 Cent/Min. aus dem Festnetz; Mobilfunk max. 42 Cent/Min.)
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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu „Angelika Niescier Sublime III“

Fast beängstigend perfekt

Ein glückliches Händchen kann man der Initiative Jazz-Braunschweig nicht absprechen. Am Mittwoch zur Jazz-Echo-2010-Preisträgerin als beste Newcomerin des Jahres gekürt, spielte sie schon Freitagabend mit ihrem Quartett Sublim III im Lindenhof zu Braunschweig.: die Saxofonistin Angelika Niescier. Die Freude über den Preisgewinn war den Musikern anzumerken und sie legten auch mit dem ersten Stück „Bill“ gleich das von der Jury auserkorene Werk zur Begutachtung vor.
Niesciers Liveauftritte wurden in der Fachpresse mehrfach als „wild Thing“ beurteilt. Und in der Tat: Ein furioser Konzertbeginn! Zwei Dinge beeindruckten durchgängig: Zum einen die rasanten Unisono-Läufe, die die Musiker immer wieder zusammenführten, rhythmisch hoch komplex. Zum anderen dann Niesciers musikalische Ausbrüche. Da wurden Tonfolgen zusammengerafft und gewissermaßen gestapelt, die Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments bis zu den Grenzen ausgelotet, vom ekstatischen Schrei bis zum kaum mehr hörbaren Hauch. Aber es war nicht allein die technische Seite des Spiels, die faszinierte. Ebenso beeindruckend war auch, wie das Quartett inhaltlich-musikalisch die Arrangements gestaltete. Mal reagierten Bassist Sebastian Räther, Schlagzeuger Christoph Hillmann und Pianist Florian Weber geradezu reduktionistisch auf die Ausbrüche der Bandleaderin. Dann wiederum verstärkten sie deren Powerplay. Eine erfahrene, sehr gut eingespielte Truppe.
Anders als Niesciers Saxofon-Vorbild John Coltrane, der ja in jungen Jahren oftmals nicht wusste, wie er seine legendären Sax-Läufe stoppen sollte, gelang ihr das tadellos. In der Ballade „Sirr“ etwa stand sie lange Zeit abseits und ließ so intimen Dialogen zwischen Piano und Bass gebührenden Raum.
Ende und Höhepunkt des ersten Sets war das Stück „Urban liquid time“ das freejazzartig die unterschwelligen Geräusche, die Parallelwelten der Großstadt thematisierte. Die ganze Kraft des Modern Jazz wurde hier demonstriert und führte folgerichtig, aber doch ungewöhnlich für diesen frühen Zeitpunkt, zu stehenden Ovationen.. So waren die Erwartungen fürs zweite Set hoch- und wurden jäh gebrochen.
Der Special Guest, der in Aachen lebende irakische Oud-Spieler Raed Khoshaba, eröffnete die dreiteilige Suite für die arabische Laute. Es war, als sollten all jene, die bislang das Harmonisch-Melodiöse vermisst hatten, getröstet werden. Bassist Sebastian Räther spielte über weite Strecken seinen Bass ostinat mit dem Bogen, hatte aber auch Gelegenheit seine solistischen Fähigkeiten zu entfalten. Drummer Christoph Hillmann übernahm mit großem Feingefühl die rhythmischen Strukturen und auch Pianist Florian Weber hatte mehr Raum sich intensiv und beeindruckend mit dem für europäische Ohren fremden Tonsystem auseinander zu setzen. Zwischendurch Niesciers Saxofon-Exkurse, wenngleich gezähmter als im ersten Teil. Und dass Khoshaba ein Meister seines Instruments ist, wurde nicht nur in seinen Solo-Parts deutlich. Das war musikalisch alles sehr gekonnt und verfehlte seine Wirkung nicht, wenngleich es auch Längen gab.
Nur: ob diese Konzert-Dramaturgie sinnvoll war, sei bezweifelt. Umgekehrt wäre ein Schuh draus geworden: Erst die Oud-Trilogie und dann im zweiten Set den Rest! So wäre der Gesamteindruck noch zwingender gewesen. Wenn Angelika Niescier dann auch noch eine klare und knappe Moderation zwischen den Stücken gelänge, dann wäre sie auf fast beängstigende Weise perfekt. Gleichviel: Das Publikum war zu Recht begeistert und feierte die Musiker.
Schade übrigens, dass dieses Konzert nicht in den Gesamtrahmen der City-Jazz-Night integriert wurde.

Klaus Gohlke

Angelika Niescier Sublime III

Lindenhof „Da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Angelika Niescier: Saxophon
Christoph Hillmann: Schlagzeug
Sebastian Räther: Bass
Florian Weber: Piano
Special guest: Raed Khoshaba: Oud

Sie kennen doch das Bergmannslied, diese Anfangszeilen „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt. Und er hat sein helles Licht angezündt’…“? Können Sie sich das als Modern-Jazz-Bearbeitung vorstellen? Doch, das geht. Keine Frage für die Saxophonistin Angelika Niescier. Wie seinerzeit Albert Mangelsdorff mit einer Feuerwehrblaskapelle zusammenarbeitete, so studierte Niescier im Rahmen der Local-Heroes-Woche in Dinslaken „Glückauf-Jazz“ mit dem MGV Concordia ein. Andererseits wählten Musikkritiker im Jahresrückblick 2009 Angelika Niescier zweimal zum „Wild Thing“, einmal zum „ Besten Liveact 2009“!

Geht das alles zusammen? Die junge Saxophonistin vereint diese Gegensätze offenbar mühelos, wie sie auch sonst eine große Vielseitigkeit als Instrumentalistin und Komponistin zeigt. So arbeitet sie mit Schriftstellern, Tänzern, Dramaturgen und bildenden Künstlern zusammen, komponiert Chor- und Orchesterwerke, auch Filmmusiken, tourt im Auftrag des Goethe-Instituts durch die halbe Welt und erhält 2009 mit ihrer Band sublimeIII den Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik. Und das sind nur einige Daten aus dem Leben der umtriebigen Musikerin.

Sie selbst nennt John Coltrane als den prägenden Einfluss in Bezug auf ihr Saxophonspiel, dessen stupende Technik, musikalischen Ideenfluss und Spiritualität. Und so ist ihr Saxophonspiel ungemein ausdrucksstark und variantenreich, in Klang und Dynamik subtil, virtuos zupackend und entspannt lyrisch. Sie schafft für sich und ihre Band einen musikalischen Vorstellungsraum, der die Mitspieler nicht zu bloßen Begleitern macht, sondern diese ihrerseits zur kreativen Ausgestaltung des musikalischen Materials inspiriert. Das Klangspektrum wird erweitert durch den irakischen Oud-Spieler Raed Khoshaba.

Letzte Veröffentlichung: Angelika Niescier sublime III 2009 (enja)

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
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Kritik zu „Makiko Hirabayashi-Trio“

Beglückende Momente

Ach nein, nicht schon wieder! Das vierte Mal in direkter Folge präsentiert die Initiative Jazz-BS dem Braunschweiger Publikum ein Klaviertrio. Mögen sich auch Schlagzeuger oder Bassist als Kopf des Trios präsentieren: da beißt keine Maus den Faden ab, dass das Klavier aufgrund seines Klangs und seiner technischen Möglichkeiten sehr schnell den dominanten Part übernimmt. Es ist nun einmal zugleich Harmonie- und Melodieinstrument. Und allzu oft entsteht dann ein intimer und recht kopflastiger moderner Jazz.
Freilich, ein Bass kann streckenweise dagegen angehen, die reine Begleiterfunktion in diesem Rahmen zu spielen. Wie aber soll das mit dem Schlagzeug, der Perkussion erreicht werden?
Das Konzert des dänisch-japanischen Makiko-Hirabayashi-Trios in den Räumen der Landessparkasse in der Dankwardstraße am Freitagabend zeigte zum zweiten Mal, dass und unter welchen Bedingungen Klavierdominanz produktiv gebrochen werden kann. War es beim letzten Jazzkonzert der überragende Bassist Dieter Ilg, so war es diesmal vor allem die Schlagwerkerin Marylin Mazur, die den Trio-Horizont auf überzeugende Art und Weise erweiterte.
Mazur, die sich durch ihre langjährige Arbeit mit Miles Davis und Jan Garbarek einen Namen machte, zeigte von Anbeginn, dass Perkussionsinstrumente und klasssiches Schlagzeug nicht nur dazu dienen, exotische Geräusche beizufügen. Die flirrenden Klänge der Zymbeln, die Holz-, Schellen- und Rasselsounds bis hin zum archaischen Wummern der indischen Tontrommel Madga öffneten die Musik in viele Richtungen. Das Besondere dabei war aber, dass die Tonhöhen auf die Klavier- und Bassmelodien abgestimmt wurden. Das Schlagwerk also als Melodieinstrument. Verblüffend und überzeugend, vor allem natürlich bei klangmalerischen Stücken wie „Clouds over Mt. Blanc“, „My Cherry Tree“, „Okinawa“ und vor allem „Rain“.
Die Komposition „Hide and Seek“ demonstrierte das Konzept des Trios nahezu wortwörtlich: ein verwirrendes, aber nicht verhirntes Versteckspiel. Mal fernöstlich-folkloristische Klänge, mal sehr freies atonales Klavierspiel, dann neoromantische Anklänge, klassische Anspielungen durchkreuzt von bissigen blue Notes.
Hirabayashis Klavierspiel wirkte einerseits beiläufig und filigran, andererseits auch kraftvoll phrasierend. Besonders überzeugend jene Momente, in denen ihr Spiel die Impulse der Rhythmussektion unmittelbar aufgriff und weiterentwickelte. Das führte dann zu beglückenden Momenten, in denen sich intensive Dialoge zwischen den Musikern entwickelten.
Dabei zeigte sich der Bassist Klavs Hovman als sehr feinfühliger Begleiter, der das Klavierspiel mit schönen Legato-Linien zu umspielen wusste, aber mit seiner Konzentration und Prägnanz auch für zahlreiche beflügelnde rhythmische Akzente sorgte.
Die Kommunikationsfreudigkeit der Musiker war schon beeindruckend, vor allem die Freundlichkeit im Umgang miteinander. Man ging nicht aufeinander los, sondern aufeinander ein. Es gab auch keine belanglosen Passagen des Konzertes. Rhythmische Kompaktheit traf auf höchste Präzision, melodische Überraschungen trafen auf strukturierte Linien.
Das Publikum war des Klaviertrios nicht überdrüssig, wie der begeisterte Beifall zeigte. Es erklatschte eine zweite Zugabe, was bei Jazz-BS wahrlich nicht oft geschieht.

Klaus Gohlke

Makiko Hirabayashi Trio

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1, Braunschweig

Makiko Hirabayashi: Piano
Klavs Hovman: Kontrabass
Marilyn Mazur: Schlagzeug, Perkussion

Auf den ersten Blick verblüfft es schon, dass eine Japanerin Dänemark zu ihrem Hauptwohnsitz gemacht hat, auf den zweiten allerdings weniger. Es haben schon viele hervorragende Jazzmusiker vor ihr Dänemark zu ihrer Wahlheimat erkoren, man denke nur an Stan Getz, an Dexter Gordon oder in jüngerer Zeit Horace Parlan oder Bob Rockwell.
Damals wie heute bietet dieses Land eben alles Wesentliche für international renommierte Jazzmusiker, wie es Makiko Hirabayashi auch ist: eine lebendige dänische Jazz-Szene mit sehr guten MusikerInnen und internationalen Festivals nicht nur in Kopenhagen..

Sie lernte früh das Geigen- und Klavierspiel, vertiefte letzteres in Boston, USA und dann in Kopenhagen, am einzigen „Konservatorium für Rhythmische Musik“ in Nordeuropa. Ihre Einflüsse beschreibt sie als vielfältig: Klassik, Modern Jazz, fernöstliche Sounds und nordische Folkmusik. Sie greift diese Anregungen auf spezifische Weise auf. Es ist ein Changieren zwischen den Genres, das ihr Spiel und ihre Kompositionen auszeichnet.
Es handelt sich um eine oftmals nahezu intime Musik, die ihre Weite und Klarheit durch Hirabayashis filigranes, aber auch kraftvolles und weiträumiges Klavierspiel erhält, so Raum schaffend für die Individualität ihrer beiden Mitspieler. Klavs Hovmans Bassspiel umfängt die Melodien je nach Bedarf mal impressionistisch, mal kammermusikalisch oder kräftig groovend, während die weltweit bekannte Perkussionistin Marilyn Mazur (Richtig; die da mit Miles Davis, Wayne Shorter, Jan Garbarek und vielen anderen Großen des Jazz zusammenspielte) mit ihren Sounds und Rythm Patterns die Musik von vielen Seiten her zu öffnen versteht.

So entsteht eine Musik voller poetischer Stimmungen, überraschender und beeindruckender Lyrizismen, neuer Tonalitäten und einer ganz eigenen Konstellation von Reflexion und kräftigem Zugriff, von Struktur und Auflösung, von Intensität und Weite.

Letzte Veröffentlichung: Hide and Seek. (2009. Enja 9192)

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
(14 Cent/Min. aus dem Festnetz; Mobilfunk max. 42 Cent/Min.)
– Online über eventim
– Abendkasse
– und weitere …

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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweigische Landessparkasse
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Kritik zu „Dieter Ilg Trio“

Im Otello-Steinbruch

Wie soll das gehen? Ot(h)ello, für viele die Oper schlechthin! Die vollkommenste Verbindung von Verdis Musik und Shakespearescher Dramatik! Neun festgelegte Stimmen, Chöre, ein ganzes Opernorchester! Und am Freitagabend im Lindenhof zu Braunschweig ganze drei Musiker; ein Kontrabass, ein Piano, ein Schlagzeuger und Elektroniker. Das ist die Besetzung von Dieter Ilgs Projekt „Otello“. Eine Eindampfung der Oper Verdis auf ihre Essenz oder eine schnöde Sparfassung?
Der Konzertbeginn war verstörend. Patrice Heral, Schlagzeuger und Loop-Spezialist, schichtete Geräusch über Geräusch. Hundeknurren vielleicht oder Gesprächsfetzen, undefinierbare Sounds, die dann von einem Marschrhythmus auf der Snaredrum überlagert wurden. Erinnerungen an Verdis „Aida“ oder Anspielungen auf die Situation der Zuhörer: Vom Straßenlärm draußen hinein in die Welt der Musik?
Wie dem auch immer sei: was folgte, war die Aufforderung „ M’ascolta“ – also: Höre mir zu. Ein filigranes Stück mit zarten Bass- und Piano-Melodien und einem Schlagzeug, das hier besser „Tupfzeug“ hieße. Lange Tonbögen, die Dieter Ilg, der herausragende deutsche Jazz-Bassist, seinem Instrument entlockte, somit nachhaltig verdeutlichend, dass der Kontrabass durchaus ein Melodieinstrument sein kann. Wer nun Sorge hatte, einem rein kammermusikalischen Jazzabend beiwohnen zu müssen, wurde schnell eines Anderen belehrt.
„Fuoco die Gioia“, das Feuer der Freude, wurde abgebrannt. Eine betörende Verdische Melodie und Akkordfolgen, die das Prinzip der Kompositionen Ilgs veranschaulichte. Aus der Vielzahl der Arien hat er die Stellen herausgesucht, deren Zusammenwirken von Harmonie und Melodie am faszinierendsten schienen. Diese unterzog er seiner musikalischen Interpretation, ohne die Essenz, den emotionalen Gehalt zu opfern. Das musikalische Material der Verdi-Oper wurde gewissermaßen als Steinbruch für die eigenen Kompositionen benutzt.
Immer, wenn man sich gerade in den Wohlklängen eingerichtet hatte, wurde in den Improvisationen dieses pure Schönsein zerstört. Pianist Rainer Böhm trieb es mehr als einmal aus seinem Klavierschemel, wenn er die ursprünglichen Melodien Zug um Zug verfremdete, sie dem Jazzidiom anverwandelte.
Daneben schuf Ilg auch so etwas wie musikalische Porträts der Protagonisten Jago und Otello. Mit einem Feuerwerk an Tönen stellte Ilg z.B. den Schurken Jago vor, immer wieder aber reflektierend-zögerliche Passagen einflechtend. Plötzlich wird die Musik entschlossener und Patrice Heral singt im Stile des Gangsta-Rap und lässt Jago am Ende an sich selbst ersticken. Otello hingegen wird zunächst mit gestrichenem Bass düster-melancholisch, vergrübelt-einsam vorgestellt. Dessen entschlossene Seite wird dann über Tempo- und Rhythmuswechsel veranschaulicht, um schließlich in einem langen Ostinato von Bass und Klavier in der Höhe zu entschwinden.
Anrührend das Stück „Ora e per sempre addio“: Jetzt und für immer Adieu: ein Stück, das Dieter Ilg seinem langjährigen Freund und Mitspieler, dem Saxofonisten Charlie Mariano, widmete, der letztes Jahr verstarb.
Dass Ilg ein Freund der schönen Melodien ist, zeigte noch einmal die Zugabe. Neidhart von Reuentals „Nun will der Lenz uns grüßen“ wurde nach allen Regeln der Kunst verjazzt, ohne dass die Hoffnung der Schlusszeile: „Nun hat uns Kinden ein End all Wintersleid“ darüber verloren gegangen wäre. Das Publikum war begeistert. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass das Konzert komplett vom TV-Team der Deutschen Welle aufgenommen wurde.

Klaus Gohlke

Dieter Ilg – Otello – Trio

Lindenhof „Da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Dieter Ilg: Bass
Rainer Böhm: Piano
Patrice Héral: Schlagzeug, Perkussion

Man tut sicherlich keinem der gegenwärtigen deutschen Jazz-Bassisten Unrecht, wenn man sagt, dass es zwei international herausragende Spieler dieses Instruments hierzulande gibt: Eberhard Weber und Dieter Ilg.
Erster wurde für seine musikalischen Verdienste, am Ende seiner Laufbahn befindlich, 2009 angemessen gewürdigt. Was Dieter Ilg betrifft, so hat er mit seinen 49 Jahren viel erreicht und es ist sicherlich auch noch viel von ihm zu erwarten.
Was an ihm beeindruckt, ist einerseits natürlich die virtuose Technik und eine Spielweise, die oft erzählend-bildreich genannt wird. Das entscheidende Surplus ist aber etwas anderes. Ilg hat lange darüber nachgedacht, seine musikalischen Prägungen in in die Spielweise des Modern Jazz zu übertragen, wobei es dabei nicht nur um seine ganz persönliche musikalische Sozialisation geht, sondern offenbar um ganze musikhistorische Traditionen. Das also, was in Braunschweig Maria Joao, Rudresh Mahanthappa oder Miguel Zénon auf je eigene Weise demonstrierten, nämlich musikkulturelle Kontexte unterschiedlicher Art zusammen zu führen.
Das führte Ilg zur jazzmusikalischen Volksliedadaption (CDs „Folk Songs“ und „Fieldwork“), und zwar auf absolut überzeugende Weise, wie er schon in Braunschweig zeigen konnte.
Dass er daneben aber auch die Arbeit als „Groover“ nicht gering schätzt und auch ein einfühlsamer Gestalter ist, zeigt seine Arbeit mit Till Brönner, Dieter Quasthoff, Nguyên Lê und nicht zuletzt die Zusammenarbeit mit Charlie Mariano. Auch ein Solo-Projekt hat er unlängst vorgestellt; seine Lieblingsformation scheint aber das Trio zu sein.
Das zeigt nun sein neuestes Projekt, die jazzmusikalische Annäherung an die Opernwelt, genauer: an Verdis „Othello“. Es wäre interessant zu wissen, ob und inwieweit Ilg dabei die Arbeit des Paul Motian Trios „Tethered Moon“, die die Einspielung „Experiencing Tosca“, also eine Puccini-Anverwandlung vornahmen, bekannt war. Auf jeden Fall gelingt Ilg hier mit seinen Mitspielern Rainer Böhm am Piano und Patrice Héral am Schlagwerk ein überraschender Coup. Böhm zeigt sich als einfühlsamer Tastenvirtuose, der allerdings in der Fachpresse noch recht wenig beachtet scheint, während Patrice Héral nicht nur als Schlagzeuger überzeugt, sondern über ein umfangreiches Können verfügt, auch elektronische Samples in die Musik einzubauen.
Zu erwarten ist auf jeden Fall ein Trio mit hohem künstlerischen Anspruch, Spielfreude und mitreißender Intensität.

Jüngste Veröffentlichung: Dieter Ilg „Otello“ (fullfat 09/Edelkultur). VÖ: 2/2010

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
– Online über eventim
– Abendkasse
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Eintritt: Abendkasse 17 € / 15 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz
Kulturinstitut der Stadt Braunschweig

Wolfgang Haffner Trio

Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1, Braunschweig

Wolfgang Haffner (Schlagzeug)
Lars Danielsson (Bass)
Hubert Nuss (Piano)

Wolfgang Haffner ist einer der bedeutendsten Schlagzeuger Deutschlands. Mehr als 400 Aufnahmen umfasst allein seine Discographie als Sideman über alle Genregrenzen hinweg. Was ihn so gefragt sein lässt, ist seine Betonung des Grooves, der präzise, swingend, voller Drive und ungemein virtuos gespielt wird. Effekthascherei ist nicht sein Ding.

Aber auch als Komponist und Bandleader macht Haffner schon seit geraumer Zeit von sich reden. Seine Arbeit im Trio mit den Pianisten Hubert Nuss und dem schwedischen Bassisten Lars Danielsson erweist sich als immer beeindruckender. Die Elemente Groove, Harmonie und Melodie stehen dabei im Mittelpunkt und lassen so akustischen Trio-Jazz entstehen, der über seine Anklänge an die aktuelle Nu-Jazz-Szene und seine Verweise auf den klassischen Jazz die wundersame Einordnung des Trios unter die Rubrik „Old-Nu-Jazz“ bewirken.

Mit „Round Silence“ will das Wolfgang Haffner Trio das Thema „Stille“ ausloten, eine Fortsetzung und Vertiefung der Arbeit von „Acoustic Shapes“ 2008. Die Band erzeugt vielfarbene, nahezu impressionistische Klanggewebe. Titel wie „Nightsong“, „The space in between“, „Wordless“, „The Flow“ deuten an, wohin die Reise geht: eher ruhige, lyrische Kompositionen von großer Tiefe sind bestimmend.

Der Schlagzeuger Haffner verschwindet dabei keineswegs. „Der Schlagzeuger hat einen extrem wichtigen Part. Er steuert die Musik grundlegend. Das ganze Rhythmusfundament und die Dynamik der Band habe ich zu verantworten!“ So der Drummer.

Das alles funktionierte aber nicht ohne seine beiden exzellenten Mitspieler. Zum Einen ist das Hubert Nuss, der Pianist, von dem sein musikalischer Ziehvater John Taylor sagt, dass er über eine reiche harmonische Sprache verfüge, die die Komplexität und Intensität post-romantischer klassischer Musik mit einer stupenden melodischen und rhythmischen Einfachheit vereinige und so einen neuen Sound in der Jazzmusik schaffe.

Und dann ist da noch der herausragende schwedische Bassist Lars Danielsson, dessen bemerkenswerte Musikalität u.a. dadurch gewürdigt wurde, dass er als Artist in Residence auf dem JazzBaltica Festival 2004 das Jazz Baltica Ensemble leiten konnte.
Es erwartet die Besucher ein Konzert mit pulsierendem Schlagzeug, schönen Basslinien und eingängigen Melodien.

Jüngste Veröffentlichung: Round silence. ACT 9605-2 LC 07644

Karten:
– Musikalienhandlung Bartels, Braunschweig, Schlosspassage, Tel.: 0531 / 125712
– Tourist-Büro Braunschweig (Am Dom), Tel.: 0531 / 470-2040
– Konzertkasse, Braunschweig, Schild 1a, Tel.: 01805 / 331111
– Online über eventim
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Eintritt: Abendkasse 20 € / 18 € (ermäßigt) / 7 € (SchülerInnen)

Mit freundlicher Unterstützung:
Braunschweigische Landessparkasse
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Kritik zu „Pablo Held Trio“

Fürwahr erstaunlich

Ach, man mag es schon gar nicht mehr hören, dieses Gerede von musikalischen Wunderkindern, Ausnahmetalenten, Stars – Super oder Mega. Das belastet Zuhörer wie Bezeichnete gleichermaßen. Man erwartet das Unerhörte, was leicht zu Enttäuschungen führen kann. Am Freitagabend präsentierte sich der „Senkrechtstarter“ Pablo Held – so die Ankündigung – mit seinem Trio dem erstaunlich zahlreich erschienenen Braunschweiger Jazzpublikum im Lindenhof. Mit dabei als besonderer Gast der Tenorsaxofonist Sebastian Gille aus Hamburg.
In der Pause Irritation pur bei einem Jazz-Experten. „Sag mal, was spielen die da eigentlich? Das ist ja irgendwie unglaublich!“ Ja, was spielten diese jungen Männer, Pablo Held 23 Jahre alt, der Rest um die 28? Zwei Sets en bloc ohne eine Titelansage, denn – so Held erläuternd – man spiele nunmehr drei Jahre zusammen und wolle keine festen Arrangements mehr. Gewissermaßen ein freies Zusammenspiel, bei dem ein Stück ins andere übergeht, wenn es denn richtige Stücke gäbe. Aber nicht etwa Free Jazz, versteht sich. Held war zweifelsfrei der Organisator des Zusammenspiels. Er lieferte seinen Mitspielern Ideen zu rhythmischen Mustern, Riffs, Skalen, Harmonien, formalen Abläufen, Klangschichten. Was aber nur funktionieren kann, wenn die Mitspieler diese Ideen aufzugreifen imstande sind. Und seine Krönung findet, wenn die anderen Musiker selbst auch Impulse zu geben in der Lage sind.
Das war beides auf eindrucksvolle und überzeugende Weise der Fall. Was Robert Landfermann am Bass, gestrichen oder gezupft, locker elegant entfaltete, war beeindruckend. Nicht minder die Arbeit des Schlagzeugers Jonas Burgwinkel und der Einsatz des Tenorsaxofonisten Gille.
Frappierend war zum einen die Grundidee zur Gestaltung des Konzerts. Das Intro zu Beginn des Konzertes tauchte am Ende als Schlussteil wieder auf. Eine runde Sache also. Dann das Durchbrechen eines gewichtigen Jazz-Konzert-Stereotyps: Thema – Solo – Thema – Solo, und das bei vier Musikern schlimmstenfalls viermal pro Stück. Nein, hier setzte jeder Spieler während des gemeinsamen Spieles seine ganz individuellen Akzente, etwa im Sinne Brubecks: Freiheit des Individuums ohne Verlust des Zusammengehörigkeitsgefühls.
Und so entwickelte sich aus einem in der Regel vom Pianisten skizzierten harmonischen Grundmuster ein sich bis zum Crescendo steigerndes Zusammenspiel, das dann wieder nach und nach in ruhigerem, mitunter fast romantischem Fahrwasser abebbte.
Freilich, Freunde des eher an der Tonalität, am Liedhaften, an der Melodie orientierten Jazz, waren da wohl überrascht, aber sicherlich nicht enttäuscht. Außerordentlich spannend war es nämlich zu hören, wie sich der Gastsaxofonist Sebastian Gille in diese Akkordverschiebungen einzufinden versuchte, um sich dann, unterstützt und angetrieben durch Bass und Schlagzeug, zu improvisatorischen Höhenflügen aufzuschwingen. Faszinierend, was Jonas Burgwinkel am Schlagzeug an rhythmischer Variabilität und Sound-Vielfalt vorführte, wobei die Einbeziehung von Perkussionsinstrumenten die Skala der Klangfarben enorm erweiterte. Und Bassist Robert Landfermann war beileibe nicht der stille Begleiter im Hintergrund, vielmehr legte er oft neue melodische Linien über gegebene Harmonien.
Sicherlich: Held wird auch bei dieser arrangementfreieren Gestaltung des Konzertes darauf achten müssen, dass daraus nicht wieder ein Schematismus erwächst und sicherlich weiß er auch, dass das nur funktioniert, wenn man eine derart gute Rhythmus-Sektion hinter sich hat. Zur Frage „Senkrechtstarter“ – das Thema erübrigte sich angesichts des souveränen Auftretens dieser vier jungen Musiker. Von ihnen wird man sicherlich noch einiges hören.

Klaus Gohlke

Pablo Held Trio feat. Sebastian Gille

Lindenhof „Da Paolo“, Kasernenstraße 20, Braunschweig

Pablo Held (Piano)
Jonas Burgwinkel (Schlagzeug)
Robert Landfermann (Bass)
Sebastian Gille (Saxophon)

Pablo Held, Jahrgang 1987, gilt als Senkrechtstarter unter den jungen Jazzpianisten, bereits mit 12 Jahren gewann er den NRW-Wettbewerb „Jugend jazzt“. Mittlerweile spielt er auf allen großen europäischen Jazzfestivals und gewann 2009 mit seinem Trio den Westfalen-Jazzpreis.

Helds Pianostil gilt als eigenständig, klar und unangestrengt, fern aller gängigen Floskeln des Genres. Sein Spiel im Trio gilt als introspektiv, aber nicht hermetisch – voll zurückgehaltener Energie und großer Tiefe. Impressionistisch, aber durchaus auch kantig entwickelt er seine Melodiebögen und Akkorde. Die Kritik spricht von einer Idealkombination von Improvisationsphantasie und musikalischer Ökonomie. Dabei gelinge es ihm, das Dynamik- und Emotionsspektrum von zartester Klanglyrik bis hin zum ausdruckskräftigen Triodonner auszuschöpfen.

Unterstützt wird Held dabei von einer der profiliertesten Rhythmus-Sektionen Deutschlands, dem Bassisten Robert Landfermann und Jonas Burgwinkel am Schlagzeug, beide WDR-Jazzpreis-Gewinner 2009. Sie verstehen es, sowohl subtil als auch dynamisch-energisch das Heldsche Klavierspiel zu begleiten.
Das Trio featured den Hamburger Saxophonisten Sebastian Gille, ebenfalls mehrfacher Jazzpreisträger.

Jüngste Veröffentlichung: „Forest of Oblivion“ (Pirouet/Heinzelmann)

Karten:
– Ticket-Hotline der Konzertkasse: 01805-331111
– Online über eventim
– Abendkasse

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Eintritt: 17,- € (Abendkasse)

Mit freundlicher Unterstützung:
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz